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Fotokunst: Die Stadt:Dann mache ich mein Bild, sonst nichts

Megacities oder Slums, Kriegsgebiet oder Atlantis: Fotografen der Agentur Ostkreuz zeigen Visionen der modernen Stadt. Die Bilder.

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Städte, Ostkreuz

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Megacities oder Slums, Kriegsgebiet oder Atlantis? Fotografen der Agentur Ostkreuz zeigen Visionen der modernen Stadt. Die Bilder.

"Manchmal finde ich Situationen, die sich wie selbstverständlich ergeben, besonders befremdlich. Immer wieder gibt es dann Momente, die mich ansprechen. Zum Beispiel wenn ich mitten in der Hektik von Verkehrsknotenpunkten stehe: In großen Städten kreuzen sich dort die Bewegungen von Tausenden, die Menschen laufen aneinander vorbei, steigen ein oder aus, rennen, drängeln, müssen anstehen, ausweichen oder warten. Jeder will weiter, jeder will vorankommen, jeder sucht seine Verbindung. Und ich stehe dort und sehe ein Bild, eine Situation, die neben dem eigentlichen Geschehen noch etwas ganz anderes zeigt. (...) Mitten im Chaos, im Vorankommen, im Trubel habe ich den Film des Alltags zum Stillstand gebracht. Der Auslöser der Kamera wurde so zur Pausentaste. Ich hatte das Bedürfnis innezuhalten, zu sagen: 'Moment, ich würde gerne in Ruhe sehen, was hier eigentlich passiert.'"

Text: Nadine Barth, Süddeutsche Zeitung vom 10.5.2010/ Foto: Andrej Krementschouk

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Was Frank Schinski als den Auslöser für seine Serie "Transit Stills" beschreibt, die auf U-Bahn- und Busstationen, Flughäfen und Fährablegern in Moskau, Istanbul und London entstand, kitzelt an dem Schwellenreiz des Bildjournalisten. Mit seiner Kamera geht er in die Welt, schaut, entscheidet, lichtet ab, was festzuhalten ihm wert erscheint.

Foto: Anette Hauschild

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Vielleicht ist es das Gespür für die Befremdung im Alltäglichen oder das Alltägliche in der Fremde, vielleicht auch einfach die Bereitschaft, sich einzulassen und von dieser Einlassung zu erzählen. Schon die erste bekannte Fotografie, die 1826 entstand, bildete "Stadt" ab: Dächer, Häuserwände, ein Drittel Himmel.

Foto: Frank Schinski

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Das Medium schien von Anbeginn an geeignet, urbane Wirklichkeit einzufangen, lange Jahre möglichst "objektiv", dann aber, und immer wieder, auch als individuellen, sehr persönlichen Blick auf die Realität.

Foto: Ute und Werner Mahler

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Nun muss man unterscheiden zwischen einem journalistisch-dokumentarischen und einem künstlerisch-konzeptuellen Ansatz. Gehe ich in die Welt, um möglichst neutral zu fotografieren, was ich sehe, oder gehe ich in die Welt, weil ich einen Plan habe und schaue, wie die Welt ihn einlösen kann? Interessant wird es, wenn sich beide Ansätze miteinander verweben, wenn die Motivation der Geschichte und die Sensibilität für das Geschehen einander durchdringen.

Foto: Thomas Meyer

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Was die Fotokünstler der Agentur Ostkreuz in dem Projekt "Die Stadt. Vom Werden und Vergehen" vorlegen, ist die Reinkultur dieser Durchdringung. Nur selten wird so konsequent und so komplex, so dicht und so differenziert ein fotografisches Thema in all seinen Ausgestaltungen behandelt - ein selbst gestelltes Thema zudem. 20 Jahre gibt es die Agentur Ostkreuz schon. Sieben Fotografen gründeten sie 1990, alle aus der ehemaligen DDR. Vier von ihnen sind noch dabei, das Kollektiv ist mittlerweile auf 18 angewachsen, speist sich aus Ost und West gleichermaßen, wer aufgenommen wird, entscheidet die Gruppe gemeinsam. Zwei Jahre hat ein Juniormitglied Zeit, sich zu beweisen, dann folgt nach einer Präsentation, vor der die meisten aufgeregt sind wie vor ihrer Abschlussprüfung, die Aufnahme in die "Familie".

Foto: Dawin Meckel

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Und diese Familie hat Schlagkraft auf dem internationalen Markt. Veröffentlichungen in Newsweek, New York Times, Stern oder Geo, renommierte Preise, gemeinsame Projekte. Zum zehnjährigen Bestehen widmete man sich noch dem Osten des Landes, im Jahr 2005 den "Deutschlandbildern", nun strömten die Ostkreuzler aus in die ganze Welt, auf der Suche nach dem, was "Stadt" ist. Sie fuhren in die Megacities, die Slums, die Vorstädte, die Kriegs- und Katastrophengebiete, an Orte, die neu gebaut werden und an Orte, die keine mehr sind, begaben sich auf die Suche nach Utopien und dem Atlantis in unseren Köpfen und hinter die Mauern einer Gefängnis-"Stadt".

Foto: Pepa Hristová

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Vier Jahre Vorbereitungszeit erforderte das Projekt, jeder der 18 Mitglieder wählte für sich ein Thema und seine Verortung, finanzierte seine Reise selbst, die Prints, die Rahmung.

Und so ist die Ausstellung, die nun bei C/O Berlin zu sehen ist, dem privaten "International Forum For Visual Dialogues", das von Anfang an das Projekt mit entwickelte und begleitete ("das haben wir uns gegenseitig geschenkt", so Stephan Erfurt, C/O-Gründer), nicht nur ein Beispiel für die bedingungslose Leidenschaft, etwas zu machen, woran man glaubt, sondern sie zeigt auch, was man alles machen kann: Der visuelle Vielklang erscheint als ein Parcours unterschiedlichster Präsentationsformen, vom klassisch gerahmten Schwarz- Weiß-Abzug im Passepartout über kaschierte Farb-Prints auf Aludibond bis hin zum mit Nägeln an die Wand gepinnten nackten Barytpapier.

Foto: Jörg Brüggemann

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Überlebensgroß zeigt Maurice Weiss chinesische Wanderarbeiter, die Ordos in der Inneren Mongolei aufbauen, achthundert Kilometer nordwestlich von Peking, eine Stadt, die einmal fünf Millionen Menschen beherbergen soll, doch bislang nur aus Baustellen in einer unwirtlichen Gegend besteht - dafür ist das Kunstmuseum schon fertig.

Gegenüber, in kleinen Formaten, hat Heinrich Völkel dokumentiert, wie im Gazastreifen zivilisatorische Errungenschaften wieder zunichte gemacht wurden und das Leben doch irgendwie weitergeht. Zwischen den Trümmern hängen Wäscheleinen, Kinder spielen auf dem Dach einer zerstörten Moschee, ein Reh steht aufmüpfig vor einer bunt bemalten Mauer mit Tierbildern. Von der Brüchigkeit der Heimat erzählen die Fotografien von Sibylle Bergemann, sie hat Modeaufnahmen in ihre Berlin-Bilder eingestreut und reflektiert damit auch ihre eigene Vergangenheit. Zwei andere ehemalige DDR-Fotografen, Ute und Werner Mahler, nahmen junge Frauen in Florenz, Liverpool, Reykjavik und Minsk auf, wobei die Hintergründe wie früher bei den ersten Porträtfotografien vor Leinwänden zu unscharfen Ahnungen werden. "Monalisen der Vorstädte" nannte das Paar diese Serie, es wollte "herausfinden, wie die Umgebung den Menschen prägt und ob ihm anzusehen ist, wenn seine Umgebung die Vorstadt ist".

Foto: Linn Schröder

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Überhaupt steht der Mensch im Mittelpunkt dieses Projektes über Stadt: Wie reagiert der Einzelne, was macht die Stadt mit ihm, kann man Urbanität atmen? Fast zwei Drittel aller Erdbewohner leben heute in städtischen Gefügen, 25 von diesen haben die Zehn-Millionengrenze überschritten. Gibt es so etwas wie eine Stadt-Persönlichkeit? Pepa Hristová hat in der "Electronic Town" Tokio nach Gesichtern gesucht, die, angeleuchtet durch eine Taschenlampe, die Seltsamkeit von Sein ausdrücken - etwa in der Darstellung einer wie eine rosa Puppe gekleideten Japanerin, die sich zum Rollenspiel in einem Amüsierlokal bereit hält.

Eine berührende Bestandsaufnahme gelingt Dawin Meckel, der in Detroit, der einstigen glorreichen Autoindustriemetropole, ein entvölkertes "Downtown" zeigt, eine Stadt, deren Inneres zerfällt. Verlassene Warehouses, zugemauerte Fenster, Sandplätze, auf denen mal Häuser standen. Einsame Afro-Amerikaner, die Gitarre spielen ohne Publikum, nächtens vor verschlossenen Gittern stehen oder melancholisch auf der Fensterbank sitzen - die Weißen sind längst in die sauberen Vorstädte gezogen. Vor einem von der Polizei ausgebrannten Haus, um Dealer abzuschrecken, hält sich eine Frau die Hände vors Gesicht, auf einem anderen Bild sprechen sich Freunde am Küchentisch Mut zu, und ein schmaler, alter Mann im "Peacemakers"-Sweatshirt wird von seinen Hunden liebkost. Städte entstehen, Städte vergehen, der Mensch bleibt.

Foto: Maurice Weiss

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Und selbst die Abwesenheit des Menschen in der aus leeren Glitzerbauten bestehenden, frisch errichteten Dubai City von Thomas Meyer deutet auf das Individuum hin, auf seine Träume, seine Ängste und seinen Willen, die Zukunft zu gestalten: "Ich hatte während der ganzen Zeit das Gefühl, als stecke in all dem Aufstieg schon Verfall, als könnten die Rohbauten auch Ruinen sein, als fielen Werden und Vergehen in eins. Aber wie gesagt, ich werte das nicht. Ich sehe es mir nur an. Ich suche mit der Kamera einen erhöhten Standpunkt. So löst sich im Foto der Ort auf, an dem ich stehe. Dann mache ich mein Bild, sonst nichts."

Ostkreuz: Die Stadt. Vom Werden und Vergehen, C/O Berlin, bis 4. Juli. Katalog bei Hatje Cantz (39,80 Euro).

Foto: Sibylle Bergemann

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