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Fotoserie "Almost":In 800 Bildern um die Welt

zur Buchpublikation "Almost" und einer Ausstellung gleichen Titels - Zu sehen sind Bilder aus WIEN, die aber an andere Städte erinnern

Das ist, von unten betrachtet, eine Haus-Fassade in Wien. Voller Balkone. Mit ein bisschen Fantasie kann man sich aber auch an das Holocaust-Mahnmal in Berlin erinnert fühlen.

(Foto: Wojciech Czaja)

"Almost": Eine magische Fotoserie aus Wien als Impfstoff für die Seele, um im Lockdown das Fernweh daheim zu stillen.

Von Gerhard Matzig

Die Pandemie wird man einmal so bilanzieren: Sie ist schuld an Leid und Tod - aber auch daran, dass Markus Söder das Bundeskanzleramt bald mit weiß-blauen Rauten tapeziert. Ist dem Corona-Elend also gar nichts Gutes zuzuschreiben? Doch. Nämlich die nach Kreativität schreiende Langeweile, an der Wojciech Czaja leidet. Der stammt aus Polen, lebt in Wien und hat gerade sechs- oder siebenhundert Fotos gemacht (oder auch mehr), die man auf Spritzen ziehen und gegen Fernweh impfen sollte. Die Krankenkasse muss das bitte bezahlen.

Czaja ist in der Baukultur ein Begriff. Aber vor allem ist der Buchautor und Architekturexperte ein leidenschaftlicher Stadt-Reisender. Ein Mensch, der es liebt, unterwegs zu sein. In der Ferne. Weg. Czaja ist das Gegenteil von dem, was mit Lockdown nur schlecht, aber mit Horror der Verortung auch nicht trostreich beschrieben ist. So saß er herum in Wien, ausgangsbeschränkt, distanzkultiviert, fernwehkrank und elend vor Langeweile. Und hatte, das ist ja das Tolle an der Langeweile, die so was fördert, wenn nicht fordert: eine grandiose Idee.

Es ist die Idee, in der Nähe die Ferne zu entdecken, im Vertrauten das Fremde zu begreifen. So nahm er die Vespa, eine GTS 125, das ist die mit dem eingebauten Swing, und durchstreifte Wien auf der Suche nach der Welt. Die fand er auch und machte davon Fotos. In der Lydia-Sicher-Gasse in der Donaustadt kam er zu einem Haus, dessen plastisch inszenierte Beton-Balkone, wenn man sie von unten fotografiert, suggestiv (und alles andere als pietätlos) an Peter Eisenmans Holocaust-Mahnmal in Berlin erinnern.

Wir alle sind ja almost irre vom Daheimbleiben

Weiter mit der Vespa: Ein Waggon vom Riesenrad am Prater lässt an die Cable Cars in San Francisco denken - und die Fassade eines Hauses in der Leopoldstadt sieht aus wie der Dogenpalast in Venedig. Also fast. Czaja, den man sich als rasenden Reporter auf der Vespa und somit als Mischung aus Egon Erwin Kisch und Nanni Moretti ("Caro diario") vorstellen darf, nannte die Bilderserie, die er schließlich auf Facebook postete: "Almost". Man ist in Wien, aber eigentlich fast in Berlin, San Francisco oder Venedig. Fast in Havanna, fast in Paris, fast in Pittsburgh, obwohl man in Floridsdorf ist. Auf Facebook wurden die Bilder gelikt wie verrückt. Kein Wunder. Wir alle sind ja almost irre vom Daheimbleiben. Die Sehnsucht danach, woanders zu sein, nach einem Jahr in der Isolationsfolter, ist auch eine Seh-Sucht. Das führte zum Buch "Almost - 100 Städte in Wien" (Edition Korrespondenzen, 232 Seiten, 20 Euro) und zur Ausstellung "Almost - Wiener Weltreisen" (Wien Museum, bis 23. Mai).

Die Bilder von Wojciech Czaja sind ein Zauber in dunkler Stunde. Sie lehren, dass nicht das Ende, wohl aber die Ferne nah ist. Trotzdem muss man nach der Pandemie, übrigens mit der Vespa, einer 125er, unbedingt eines tun: Man muss nach Berlin, San Francisco und Venedig reisen, um dort endlich auch mal wieder in Wien zu sein.

© SZ
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