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Fotografien von Steve McCurry:Hässliches hochästhetisch aufgenommen

Tatsächlich hat sich Steve McCurry nie als Kriegsfotograf verstanden, selbst wenn er für amerikanische Medien oder im Auftrag der Fotoagentur Magnum, deren Mitglied er seit 1992 ist, an Orte gereist war, die gerade von bewaffneten Konflikten verheert wurden. Aber als "Kriegsrandfotograf", wie er sich selbst bezeichnet, hat er sein Augenmerk doch lange Zeit auf die Folgen, die Agonie und die Traumata gerichtet, die Gewalt hinterlässt.

Sharbat Gula, Porträt von Steve McCurry

Ikone des 20. Jahrhunderts: McCurrys 1984 entstandenes Porträt des zwölfjährigen afghanischen Flüchtlingsmädchens Sharbat Gula.

(Foto: Steve McCurry/Magnum Photos/Agentur Focus)

Aus dieser Haltung entstand auch das eine Foto, das mit McCurrys Namen mehr verbunden ist als sein gesamtes restliches Werk. Das Porträt der zwölfjährigen Sharbat Gula mit den strahlend grünen Augen und dem weinroten Umhang, das er 1984 in einem Flüchtlingslager in Peschawar aufgenommen hat. 1985 als Titelbild von National Geographic verwendet, wurde dieses Bild der Verletzlichkeit schnell zu einem der ikonografischen Porträts des 20. Jahrhunderts. Der misstrauische bis ängstliche Blick dieses schönen Mädchens entwickelte sich bald zu einem millionenfach publizierten Symbol für die Schrecken des Krieges, vergleichbar Picassos "Guernica" oder Goyas Stichen.

Wenn dieses Bild heute immer wieder als "Mona Lisa des 20. Jahrhunderts" verklärt wird, dann handelt es sich dabei natürlich um eine ästhetische Entschärfung des Motivs mangels Kontext. Doch den Zusammenhang hat McCurry selbst wieder hergestellt, als er Sharbat Gula als erwachsene Frau noch einmal aufspürte. Das Porträt der 30-jährigen Afghanin, die von ihrem Ruhm nichts wusste und die McCurry tatsächlich noch einmal unverschleiert fotografieren durfte, ist so verhärmt von Angst, Schmerz und Entbehrung, dass sie eher als eine Ikone der Gewalterfahrung Mitleid erregt. Besonders wenn beide Porträts nebeneinander hängen wie in Wolfsburg, wird die Geschichte Afghanistans zur mimischen Landkarte einer einzelnen Schmerzbiografie.

Die Hand des toten Soldaten ist ebenso malerisch dargestellt wie das tibetische Mädchen

Doch für McCurry, für den Reisen eine Art Sucht ist, die er neun Monate im Jahr vor allem in Asien befriedigt, war die Suche nach Schönheit stets ein mindestens ebenso wichtiges Bildprogramm. Vor allem in Indien, das 1978 McCurrys Asienliebe entfachte, ist er unentwegt auf der Suche nach Motiven, die das Klischee vom farbenprächtigen Halbkontinent bekräftigen. Unter Aussparung der schockierenden Motive, die der krasse Gegensatz von Reich und Arm in Indien jedem Besucher sofort offenbart, hat sich McCurry darauf verlegt, den gnädigen Schleier fröhlicher Buntheit über das Land zu legen.

Er fotografierte skurrile Schäfer mit kunstvoll frisierten hennaroten Bärten oder hüpfende Kinder in den blauen Gassen Jodhpurs, das strahlend weiße Taj Mahal mit qualmender Dampflok im Vordergrund oder einen ernsten Jungen, der sich zum Holi-Fest knallrot angemalt hat. Diese Dokumentation von Signalfarben, die für die Kuratoren in Wolfsburg den Anlass lieferte, McCurrys Reisefotos als Kunst zu präsentieren, nähert sich in ihrer Perfektion dann leider doch atmosphärisch jener Scheinheiligkeit, die opulente Prospektfotos in Reisekatalogen besitzen.

Natürlich würde sich der pittoreske Eindruck dieser Präsentation verändern, wenn die Balance in Steve McCurrys Arbeitsfeldern besser gewahrt wäre. Aber die Liebe zur klassischen Bildkomposition, sein Faible für Porträts, die verblüffend den Prinzipien der Renaissance-Malerei folgen, seine Konzentration auf Harmonie und Starkfarbigkeit verleihen tatsächlich auch seinen erschreckendsten Bildern den Eindruck des Arrangements. Die aus einem Ölfeld ragende Hand eines toten Soldaten ist ebenso malerisch im Bildrahmen proportioniert wie das rotbäckige tibetische Mädchen in der chinesischen Jacke. Hässliche Dinge werden von Steve McCurry nicht hässlich aufgenommen, sondern hochästhetisch. Die prägnante Schönheit seiner Bilder wirkt manchmal stark irritierend.

Dennoch kann man Steve McCurrys Suche nach einem würdevollen Abbild die Aufrichtigkeit nicht absprechen. Egal ob er den letzten Pirelli-Kalender mit sozial engagierten Fotomodels in den Favelas von Rio fotografierte oder einen schlafenden alten Mann im Bahnhof von Mumbai, man glaubt diesem zurückhaltenden Mann, der über sich selbst sagt, er sei eher schüchtern, sein Bemühen, den Menschen gerecht zu werden. Auf die Frage, ob er sich bei seiner Arbeit auch als Botschafter eines rücksichtsvollen Westens verstehe, wehrt er deshalb empört ab. Er wolle den Leuten als Gleicher begegnen, nicht als Botschafter. Aber ob er nicht doch ein Botschafter des gegenseitigen Respekts in beiden Welten sei, das bejaht er dann. Jedoch nur als "eine kleine Stimme".

Vielleicht liegt in dieser Bescheidenheit eines der namhaftesten Fotografen der Gegenwart die Ursache verborgen, warum Steve McCurry die Welt schöner dastellt, als sie ist. Denn wohin es führt, wenn man sie hässlicher darstellt, das konnte man in Wolfsburg in dem stumpfen Gegröle der NPD-Funktionäre hören, das Steve McCurrys Weltenbummler-Weisheit wie ein dauernder Misston untermalte. In der Verklärung verbirgt sich ein Respekt, der in der Verächtlichmachung völlig erstirbt.

Steve McCurry: Im Fluss der Zeit. Bis 16. Juni, Kunstmuseum Wolfsburg.

© SZ vom 21.01.2013/cag

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