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Fotografie:Zeigen, was da war

Willkommen im Parralleluniversum: Martin Parr auf einer Strandliege mit Strandfoto von Martin Parr vor einem Kleingartenbild von Martin Parr.

(Foto: Katja Illner/NRW Forum Duesseldorf)

Mit Bildserien über rot glühende Briten am Strand, Superreiche und überrannte Touristenorte wurde Martin Parr berühmt. Zur großen Retrospektive in Düsseldorf hat er aber neue Ruhe gefunden - in Kleingärten.

Draußen steht die zähe Hitze, alle Farbkontraste sind aus der Innenstadt von Düsseldorf rausgezogen, der Park hinterm NRW-Forum ist zu gelbfahlem Savannengras zusammengedörrt. Hier drinnen aber ist erst einmal alles maximal bunt: zuckerblaue Bagels, abgenagte Spareribsknochen voll blutig suppendem Ketchup, fettige Lachshappen in Pappschalen. Grinsende Gesichter mit und ohne Basecaps, ein hautkrebsrotes Dekolleté, davor ein Sahne-Eisbecher XXXL. Werbeschrott, Wegwerfartikel, Plastikkrempel, alles in Billigabzügen dicht und maximal lieblos neben- und untereinandergeklebt.

"Common Sense" heißt diese so abstoßende wie groteske Bestandsaufnahme unserer trashigen Alltagskultur, Konsuma summarum sind es 350 Snapshots, alle aus nächster Nähe und mit grellem Blitzlicht aufgenommen von Martin Parr in den Neunzigerjahren, an den verschiedensten Orten der Welt. Das Werk brachte ihm 1999 einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde, schließlich wurden damals Abzüge gleichzeitig in 41 Ausstellungsorten in 17 Ländern gezeigt, weil ja extrem global, das alles.

Man kann von dieser Wand des schlechten Geschmacks aus direkt rüberschauen in die Kleingärten. Der Kontrast könnte kaum größer sein: Porträtaufnahmen von Menschen in ihren Gärten. Schon die Farben so anders: freundlicher Sommer, saftiges Grün, ohne je grell zu glühen. Die Menschen aufrecht, jeweils im Zentrum des sorgsam gerahmten Bildes, zugewandt, entspannt und ruhig. Ja, ihre Blumen, Sträucher und Stauden scheinen sie allesamt zu schmücken wie eine Art Bio-Ornament. Und diese Serie soll ebenfalls von Martin Parr sein?

Der Fotograf sieht aus, als sei er einem seiner Kleingartenbilder entstiegen

Der steht inmitten seiner Bilder im NRW-Forum und wirkt dabei eher nicht wie der Guinnessbuchrekordträger oder internationale Fotostar, der er ist, sondern so, als sei er einem seiner Kleingartenbilder entstiegen: grüne Leinenhose, Kurzarmhemd von der Stange, barfuß in Birkenstock. Zu "Common Sense"-Zeiten hätte er selbst vielleicht eine Großaufnahme von diesen nackten Füßen gemacht, vor allem wegen des beeindruckenden schwefelgelben Zehennagelwildwuchses. Heute hätte er den Besitzer dieser Füße eher freundlich lächelnd ins hohe Gras gestellt, schließlich kommen auf den Kleingärtnerporträts alle gut weg, ohne dass es je wie Schönfärberei wirken würde.

Der Kurator Ralph Goertz hat Martin Parr im vergangenen Jahr nach Düsseldorf eingeladen, um im Vorgriff auf die große Retrospektive, die am Freitag eröffnet wurde, eine eigene Serie vor Ort zu produzieren. Parr wollte Kleingärten besuchen. Was ja erst einmal nach dem allerübelsten Klischee klingt: Deutsche und Kleingärten - denunziatorischere Assoziationen wären vielleicht noch Neonazis oder Gartenzwerge. Und das dann noch bei Parr, der ja das Klischee immer wieder emphatisch umarmt hat: "Die Welt braucht Klischees, weil sie im Allgemeinen wahr sind", hat er mal geschrieben.

Aber nun diese Bilder. Man erkennt in den Porträts, die in fünf Kleingärten in Düsseldorf und Umgebung aufgenommen wurden, eine enorme Bandbreite an Lebensentwürfen, vom Hipster zum Rentner, vom pedantischen Kakteenzüchter zum Ökobauern, Russen, Türken, Deutsche, verhärmt und fröhlich, proper und schmuddelig, Großfamilie, Geschwister, Ehepaare, ein einzelner Schüler. Dazwischen bukolische Stillleben mit regenglänzenden Äpfeln, prallen Gurken und wuchernden Sonnenblumen. Was man nirgends sieht, sind die erwarteten Kernspießer cum Gartenzwerg. Und inmitten der Bilder hängt ein fast schon pastorales Zitat von Parr: "Es ist wirklich bewegend, mit welcher Fürsorge und Aufmerksamkeit sich die Menschen ihren Gärten widmen. Ich wollte versuchen, diesen Geist durch meine Fotografien einzufangen."

Mensch, Mister Parr, was ist nur aus Ihnen geworden? Parr sitzt jetzt im Café des NRW-Forums und sagt: "I love Kleingärten!" Dann zeigt er auf sich selbst und sagt: "Außerdem werd' ich älter. Und damit ruhiger und sanfter." Wohlgemerkt, wir reden hier von dem Fotografen, den viele Kollegen bei der Fotoagentur Magnum Anfang der Neunzigerjahre nicht aufnehmen wollten, weil er zu zynisch sei. Was immer schon Quatsch war. Und wenn man im Gespräch auch nur in die Nähe dieses Vorwurfs kommt, dann verhärtet sich sein Blick und seine ohnehin nicht gerade vollen Lippen erinnern irgendwann eher an den Schnappverschluss an der Geldbörse einer geizigen Marktfrau als an einen Mund. "Ich habe immer nur gezeigt, was da war", sagt er. "Ich bin Realist. Propagandabilder sollen andere machen."

Man kann in Düsseldorf also sozusagen in Einzelbildschaltung nachvollziehen, wie jemand altersmilde wird. Der Rundgang fängt an mit seiner allerersten Serie, "Bad Weather", Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem verregneten Königreich der frühen Achtzigerjahre. Ach was, verregnet: Parr muss damals mit einer wasserdichten Kamera gearbeitet haben, die Landschaften scheinen in den Wassern des Atlantiks abzusaufen, es schaut aus, als sei permanent November. Schon damals saugte Parr seine Sujets durch scharfes Blitzlicht näher an die Kamera heran, isolierte sie aber auch von ihrer Umwelt. Die Menschen, die da vergeblich versuchen, trocken zu bleiben, wirken wie eine Mischung aus ausweglosem Existenzialismus und Charlie Chaplin.

Es ist beeindruckend, was für einen genauen Blick der Mann hat

Parrs Farbexplosionen der Achtzigerjahre wirken nach diesen grotesken Graupelstudien noch drastischer und krasser. "The Last Resort" heißt die Strandserie, mit der er in den Achtzigern berühmt wurde und die damals vielen geradezu empörend vorkam. Wie kann man diese ganze Stillosigkeit nur eins zu eins festhalten, das unfassbar schlechte Essen, das nackte, pralle Fleisch, das in der Sonne vor sich hin amorphelt? Seinerzeit wirkte das wie abseitiges Forschungsmaterial eines Ethnologen mit dem sinistren Hang zu perversen Ritualen. Heute sieht es aus, als habe Parr den Brexit vorausgeahnt, all die Abgehängten, die langsam versinkende untere Mittelklasse, die hier unbedingt unter sich bleiben will.

Es ist ohnehin beeindruckend, was für einen genauen Blick der Mann hat. Die Serie "Luxury" stellt den unfassbar obszönen Reichtum unserer Tage aus. Als Parr zu Beginn des Jahrtausends diese Fotos in Dubai, Moskau, Ascot oder Peking machte, redeten alle über Armut, aber noch kaum jemand über die Superreichen und ihre gefährliche Abkoppelung von der Welt. Und "Small World", Fotos von den Touristenhotspots der globalisierten Welt, zeigt, wie wir das zerstören, was wir suchen, gerade weil wir es finden, Angkor Wat, Machu Picchu, Akropolis mit Chinesengruppe, die kulturelle Identität, die in dem Moment verloren geht, indem sie zum Markenartikel degeneriert. Klar, weiß heute jeder, aber Martin Parr hat diese Serie Anfang der Achtzigerjahre begonnen.

Ganz nebenbei erinnern all die vielen Langzeitserien auch daran, wie obsessiv fleißig der Mann ist, 80 Bücher hat er gemacht - und mittlerweile gibt es bei ihm zu Hause in Bristol die Martin Parr Foundation, in der er jedes Jahr fünf bis sechs britische Kolleginnen und Kollegen in Einzelausstellungen präsentiert. Er selbst ist der Kurator, ein Thema, über das er viel lieber redet als über sich selbst. Kennen Sie Ian Weldon? Fabelhafter Mann! Ein junger Brite, der saukomische Hochzeitsfotos macht. "I'm not a wedding photographer!" heißt die Ausstellung. Und im Herbst zeigen wir Markéta Luskačová, die hat großartige Strandbilder in den Achtzigerjahren gemacht, soziologisch hochinteressant.

Okay, aber noch mal kurz zurück hier in den Raum, die Kleingärtenbilder, die wirken ja unter anderem auch so freundlich, weil hier kaum noch das krasse Blitzlicht früherer Tage zum Einsatz kommt. "Just a kiss of light", sagt Parr, als würde er einen spot of milk in seinen Tee ordern - und lächelt. Tatsächlich. Er lächelt ein breites, sanftes Lächeln. Dann geht er hinaus in die Düsseldorfer Sommerdürre, barfuß in Birkenstock.

Martin Parr Retrospektive . NRW-Forum, Düsseldorf, b is 10. November. Das Katalogbuch "Kleingärtner" kostet 29 Euro.