Süddeutsche Zeitung

Fotografie:Raus aus der Fußnote

Die Fotografin und Fotohistorikerin Lucia Moholy war Teil der Foto-Avantgarde. Endlich würdigt das eine Ausstellung im Museum Ludwig in Köln.

Die Profile sind angeschnitten, zwei Gesichter, deren Schattenrisse sich zu einem amorphen Gebilde formen, Konturen und Flächen sind weiß. Das Doppelporträt "László und Lucia", entstanden im Jahr 1922, hängt in der Sichtachse einer Kabinett-Ausstellung im Museum Ludwig - inhaltlich steht es für eine neue Kunstgeschichtsschreibung. Die Neuordnung der Dinge drückt sich in den wenigen Worten der Bildbeschriftung aus. Denn nachdem es bislang allein László Moholy-Nagy zugeschrieben wurde, ist hier die Autorschaft um die Fotografin, Kunsthistorikerin und Lektorin Lucia Moholy erweitert.

Beide sind Protagonisten des Bauhauses und ein Ehepaar. Moholy-Nagy ist im Jahr 1923 von Walter Gropius als Meister an das Bauhaus berufen worden. Der Künstler beschäftigt sich dort mit Typografie und Film und ist Leiter der Metallwerkstatt. Gemeinsam debattiert das Paar kunsttheoretische Texte, experimentiert mit der Fotografie und stellt Fotogramme her - eine kameralose Technik, bei der die direkt auf das Papier gelegten und belichteten Objekte einen weißen "Schatten" hinterlassen. "Zwischen Moholy-Nagy und mir hatte sich bald eine Art symbiotischer Arbeitsgemeinschaft herausgebildet", schreibt Lucia Moholy rückblickend über diese Zeit.

Ihr Doppelporträt ist allerdings auch ein Motiv verkannter Autorschaft. Tatsächlich wurde Lucia Moholys Anteil an den Porträts, Architektur- und Objektfotografien des Bauhauses lange missachtet. Während ihre ikonischen Fotos weltberühmt und unerlässlich für die Dokumentation des Bauhauses waren, blieb die Künstlerin unbekannt. Die Schau versammelt jetzt einige ihrer fein austarierten, sachlichen und gestochen scharfen Aufnahmen, darunter solche vom nordöstlichen Werkstattflügel des Bauhauses in Dessau kurz nach seiner Fertigstellung im Jahr 1926 oder aber der Meisterhäuser aus der Vogelperspektive.

Gropius gab Moholy erst ihre Negative zurück, als sie einen Rechtsstreit gegen ihn gewann

Moholy und Moholy-Nagy bewohnten zwischen 1925 und 1928, einem Jahr vor ihrer Trennung, eines der Meisterhäuser in Dessau. Als Lucia Moholy 1933 vor den Nationalsozialisten über Umwege nach London floh, musste sie fast alles zurücklassen. Ihre 500 bis 600 Glasnegative und ihr gesamtes Œuvre vertraute sie ihrem Ex-Ehemann an. Die späteren Etappen ihrer verzweifelten Suche nach den Negativen hat die Designhistorikerin Robin Schuldenfrei 2013 aufgearbeitet. Die Glasnegative gelangten in die Vereinigten Staaten zu Walter Gropius, der 1937 an die Harvard University berufen wurde. Gropius verheimlichte zunächst, dass die Negative in seinem Besitz waren, und ließ Moholy in dem Glauben, sie wären im Krieg zerstört worden. Als sich die Lüge nicht mehr aufrechterhalten lässt, forderte er Dankbarkeit, schließlich habe er ihre Negative gerettet - und wollte sie behalten.

In einem Brief an Walter Gropius schildert Moholy ihm die prekären Folgen seiner Ignoranz: "Ich wurde konsequent davon abgehalten, Anfragen, Bestellungen, Aufträge, Projekte und andere Aktivitäten auszuführen, die davon abhängig waren, ob ich Zugriff auf meine Negative hatte - ich habe deshalb beachtlichen Schaden erlitten, sowohl was den Gesichtsverlust als auch die Einkommenseinbußen und die Möglichkeit eines möglichen Geldverdienens angeht." Erst als Moholy einen mehrjährigen Rechtsstreit gegen ihn gewinnt, schickt Gropius ihr die Negative in einer großen Kiste 1957 zurück. Doch in der entscheidenden Nachkriegszeit, als die Künstlerin um beruflichen Anschluss bemüht war, hatte Gropius sie um ihre Einnahmen, Autorenrechte, um ihr Renommee betrogen. Noch 1968 konnten Publikationen ihre Bilder nutzen, ohne diese zuzuordnen. Wie im Katalog der legendären Ausstellung "50 Jahre Bauhaus" in Stuttgart. Lucia Moholy stößt bei ihrer Lektüre nicht nur auf Auslassungen, sondern auf Irrtümer, Fehldatierungen, Verwechselungen oder falsche Angaben wie bei den Fotogrammen.

Doch Moholy und Moholy-Nagy, das wird jetzt unübersehbar, arbeiteten eng zusammen. Die Titel seiner Werke entwickeln sie gemeinsam in einem "Ideenwettstreit". Ermutigen sich gegenseitig zu Fotoexperimenten. Auch finden sich Hinweise auf eine mögliche Ko-Autorschaft, wenn Moholy von "unseren ersten Photogramm-Versuchen" spricht und beide Seite an Seite in einer "behelfsmäßig eingerichteten Dunkelkammer" für die kameralose Fotografie arbeiten. Lucia Moholy hatte selbst keine Co-Autorschaft eingefordert - mit ihrem Vorstoß, sie zur Miturheberin von "László und Lucia" zu machen, weicht die Kuratorin Miriam Szwast von der bisherigen Literatur, aber auch der musealen Praxis des Londoner Victoria and Albert Museum ab, in dessen Sammlung sich das Fotogramm ebenfalls befindet. Das Museum Ludwig widersetzt sich damit den Erzählkonventionen der Moderne, die Co-Produzenten anonymisiert.

Im Londoner Exil schrieb Lucia Moholy mit ihrem Buch über Fotografie einen Bestseller

Auch im Londoner Exil hatte Moholy über das Fotogramm nachgedacht, aber ohne ihre eigene künstlerische Leistung zu erwähnen. 1939 veröffentlicht sie zum Jubiläum der Fotografie das Buch "A Hundred Years of Photography 1839 - 1939". In dieser Kulturgeschichte, einem Bestseller seiner Zeit, wertet sie das Fotogramm als Teil der Avantgarde auf, genutzt von Christian Schad, Man Ray oder El Lissitzky, die diese Technik nur anders bezeichnen. "Einige unter den abstrakten Künstlern", spitzt sie zu, "erheben den Anspruch, das wahre Prinzip der Fotografie entdeckt zu haben." Aber dieses Prinzip, so korrigiert sie die übersteigerte Selbsteinschätzung der Künstler, haben sie nur wiederentdeckt, denn die Geschichte des Fotogramms als Vorform der Fotografie reicht zurück bis 1727. Im Museum Ludwig ist Lucia Moholy nicht mehr ein Name aus den Fußnoten der Bauhausgeschichte, sondern bereichert das Bauhaus zu seinem 100-jährigen Bestehen um ein aufregendes Kapitel.

Lucia Moholy. Fotogeschichte schreiben, im Museum Ludwig, Köln. Bis 2. Februar 2020. Es erscheint ein Katalog. Infos unter: www.museum-ludwig.de.

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Quelle:
SZ vom 21.10.2019
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