Fotografie Platzwunden

Eine Schau in der Lokalbaukommission dokumentiert den oft fatalen Umgang mit städtischen Plätzen

Von Alfred Dürr

Muss man überhaupt noch etwas erklären? Die Fotos sprechen für sich selbst. Das Bild oben zeigt den Sendlinger-Tor-Platz, wie er wenige Jahre nach dem Krieg, im Jahr 1950, ausgesehen hat. Darunter ist der aktuelle Zustand zu erkennen, die Aufnahme stammt aus diesem Jahr. Veränderungen eines Ortes im Zentrum der Stadt: Einst stand mitten auf dem Platz ein Pavillon, die Sonnenstraße (im Bild oben) war ein breiter Boulevard mit Grünzug zum Spazierengehen in der Mitte, heute ist der Sendlinger-Tor-Platz eigentlich nur noch eine Verkehrsdrehscheibe, geprägt vor allem durch den mehrspurigen Altstadtring (Bild unten).

Die Wanderausstellung des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst an der TU Dortmund mit dem lakonischen Titel "Plätze in Deutschland 1950 und heute - Eine Gegenüberstellung" braucht keinen spektakulären Auftritt. Gänzlich unkommentiert, nur mit Ortsbezeichnungen und Jahreszahlen versehen, werden die großformatigen Vorher-Nachher-Situationen jeweils aus derselben Perspektive in feinen Holzrahmen präsentiert. Die Ausstellung war bereits in 14 deutschen Städten zu sehen, jetzt ist sie in München, dann sind in diesem Jahr noch Dresden und Frankfurt an der Reihe. Mit jeder Station wächst die Schau um ein weiteres Bildpaar. In München sind es sogar zwei, denn auch der Wandel der Münchener Freiheit ist fotografisch dokumentiert. Die Aussage bleibt immer gleich: Plätze sind mehr als unbebaute Stellen in der Stadt, sie dürfen nicht zu reinen Funktionsräumen für den Verkehr verkommen.

Wo sind die Fußgänger geblieben? Die Stadtautobahn bestimmt heute das Bild des Sendlinger-Tor-Platzes.

(Foto: Stadtarchiv München/Markus Lanz)

Christoph Mäckler, Architekt und Professor an der TU Dortmund, hat zusammen mit seiner Kollegin Birgit Roth und mit Rolf-E. Breuer die Ausstellung konzipiert. Deren Hauptthese lässt sich so zusammenfassen: Viele Plätze in Deutschland sind nicht nur Opfer der Kriegsbomben geworden, sie haben vor allem auch unter einer auto- und verkehrsgerechten Planung in der Nachkriegszeit gelitten. Auch der Münchner Architekt Hannes Rössler, der als Vorsitzender der Stiftung des BDA Bayern die Ausstellung hier mitorganisiert, fordert ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung der öffentlichen Räume in der Stadt: "Wir diskutieren die Architektur einzelner Gebäude und deren Fassaden ausführlich und auf hohem Niveau, die Plätze spielen dagegen oft nur eine untergeordnete Rolle."

Dass es positive Beispiele für Neugestaltungen gibt, macht die Situation nicht besser. Der St.-Jakobs-Platz war lange Zeit eine reine Nachkriegsödnis. Durch den Bau der Jüdischen Zentrums mit der Synagoge, dem Gemeindehaus und dem Museum entstand ein herausragender Ort. Aber nicht weit davon entfernt befinden sich der Sendlinger-Tor-Platz und der Isartorplatz, wo lärmende Stadtautobahnen breite Schneisen in das urbane Gefüge schlagen.

Andere Städte hat es mit stadtplanerischen Grausamkeiten noch schlimmer als München erwischt. Die Ausstellung dokumentiert das eindrucksvoll. In München war der Nachkriegs-Stadtbaurat Karl Meitinger der Kämpfer für einen Wiederaufbau nach alten Strukturen und gegen die Modernisten mit ihren Forderungen nach der "autogerechten Stadt". Jahrzehnte später warnte der Architekt Erwin Schleich vor der "zweiten Zerstörung Münchens" (so sein Buchtitel) und davor, dass breite Straßen wichtiger sind als angenehme Plätze zum Verweilen für die Bürger. Ein wenig mag dies geholfen haben. Aber gerade der Sendlinger-Tor-Platz und die Münchener Freiheit machen deutlich, wo jetzt die Stadtplanung ansetzen müsste. Immerhin findet die Ausstellung in den Räumen der Baugenehmigungsbehörde statt - ein Anfang ist gemacht.

Wo sich heute Tram, Autos und Radler in die Quere kommen, konnte man vor Jahrzehnten noch problemlos flanieren.

(Foto: Stadtarchiv München/Markus Lanz)

Die Bilder sind vom 2. Juli bis zum 14. September im Servicezentrum der Lokalbaukommission in der Blumenstraße 19 zu sehen.