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Fotografie:Das "Mädchen von nebenan" ist nur eine Illusion

"Short Stories" von Matt Henry - Rebellion der Blumenkinder

Die Ästhetik der Sechziger- und Siebzigerjahre in den USA fasziniert noch immer. Der britische Fotograf Matt Henry erweckt sie in inszenierten Bildern zu neuem Leben.

Zwischen Hippie-Utopie und Ernüchterung: Fotograf Matt Henry inszeniert den amerikanischen Traum der Jahre 1964 bis 1974 - "das großartigste Jahrzehnt der Zeitgeschichte".

Jeder halbwegs filmerfahrene Europäer kennt das Gefühl, Amerika schon gesehen zu haben, lange bevor er dort gewesen ist. Das Kino schreibt einem die Bilder ins Gedächtnis: die Motels, die endlosen Wüstenhighways und Tankstellen.

Man muss deshalb beim Aufschlagen von Matt Henrys Fotobuch "Short Stories" sofort an Filmstills denken, an Szenenbilder, die man zwar nie gesehen hat, von denen man aber annimmt, ein bisher unbekannter David-Lynch-Film habe sie ausgespuckt. Und liegt damit gar nicht so falsch: Die Bilder sind erfunden, nachgestellt, die meisten sogar in England, aber der Bildband erzählt trotzdem viel über Amerika.

Da rekelt sich eine Frau auf einem Sofa. Das Sofa steht in einem Motel und ist ziemlich runtergerockt. Vor dem Sofa kullern Jim-Beam-Flaschen und Cola-Dosen herum, was aber nicht weiter auffällt, denn: Die Frau ist nackt. Und sie trägt eine Maske, eine fies grinsende Richard-Nixon-Maske. Bizarr - so wie das hier ausgeleuchtet, arrangiert und in eine fotografische Totale gerückt ist.

Die Bilder von Matt Henry fühlen sich neu an, die Motive sind aber alt.

(Foto: Matt Henry)

Man kannte Matt Henry, 37, wohnhaft in britischen Brighton, bisher nicht in der Fotografie, sollte sich den Namen aber merken.

Henry denkt sich doppelbödige Fotogeschichten aus, angesiedelt in einem Smalltown-Amerika von 1964 bis 1974, der "greatest decade in living history" wie Henry im Vorwort schreibt, dem großartigsten Jahrzehnt der Zeitgeschichte.

Von überscharfer Brillanz

Henry hat einen Abschluss in American Studies und nimmt es sehr genau mit der historischen Illusion. Er sammelt die Requisiten selbst und ist versessen auf Details, auf Zeitungsschlagzeilen, den passenden Nagellack, den Porno-Schnauzer. Das ist es aber nicht allein, was den Reiz dieser Bilder ausmacht.

Die fotografischen Reenactments besitzen auch eine Jeff-Wall-artige, hyperrealistische Bildwirkung. Die Szenen leuchten regelrecht, sind von einer überscharfen Brillanz. Was sie nicht haben, ist der Fotoschleier vergangener Jahrzehnte, der ja immer so wirkt, als stünde eine Wand zwischen damals und heute. Die Bilder fühlen sich also neu an, die Motive sind aber alt.

Henry geht es gar nicht darum, wie schön Amerika einmal war, damals in den Sechzigern. Und er zeigt auch nicht den Katzenjammer danach. Ihn interessieren die Momente dazwischen, die Kippmomente zwischen Hippie-Utopie und Desillusion.

Die Traurigkeit hängt schon vor dem Sex über dem Motelbett

Da sucht beispielsweise ein Mann namens Troy nach der Liebe, gabelt ein blondes Mädchen auf und zahlt für diese Liebe am Ende doch mit Geld. Die Traurigkeit hängt schon vor dem Sex über dem Motelbett, zentnerschwer.

Es ist nicht zu viel gesagt, dass Henrys Fotos von einer Beklemmung leben. "Short Stories" heißt sein Band, und tatsächlich lesen sich Henrys Bilder wie eine jener Kurzgeschichten von Raymond Carver, dem Großmeister der Beklemmung.

Dieses Carver-hafte Gefühl wird hier so in Szene gesetzt: blauer Himmel, schicke Autos, billige Motels, verzweifelte Trucker und die verlorenen Illusionen des girl next door. Der amerikanische Traum im Schnelldurchlauf.

Matt Henry: Short Stories. Kehrer Verlag, Heidelberg 2015. 112 Seiten, 39,90 Euro.