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"Fotografie der 20er- und 30er-Jahre":Perverser Scharfsinn

NEU SEHEN. DIE FOTOGRAFIE DER 20ER UND 30ER JAHRE
30. JUNI BIS 24. OKTOBER 2021
Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung

Nüchtern, schwarz-weiß und modern: Karl Theodor Gremmler (Ernte-Dokumentation für Andersen & Co., 1939/40).

(Foto: Horst Ziegenfusz)

Eine Frankfurter Ausstellung zeigt, warum es zwischen Weimar und NS-Zeit keinen ästhetischen Bruch in der Fotografie gab.

Von Till Briegleb

Menschen, die nicht fotografieren könnten, seien die "analfabeten der zukunft", prognostizierte László Moholy-Nagy 1927. Dieser Satz des berühmten Bauhaus-Meisters mag arrogant klingen, er markierte historisch gesehen dennoch einen Epochenwechsel. Bis in die Mitte der Zwanzigerjahre befand sich die Fotografie im Kutschenzeitalter der Bilderzeugung. Schwerfällige Apparate mit endlosen Belichtungszeiten machten den Beruf des Fotografen zu einer schweißtreibenden Geduldsarbeit. Doch mit der Vorstellung der Leica-Kleinbildkamera als Serienmodell 1925 auf der Leipziger Frühjahrsmesse startete die Kettenreaktion der Fotografie, die dazu führte, dass heute über 100 Millionen Fotos täglich auf Instagram hochgeladen werden. Die "analfabeten" wurden zu Autodidakten, das Lichtbild zum Leitmedium für Werbung, Propaganda und Selbstdarstellung. Der Glaube war geboren, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte.

NEU SEHEN. DIE FOTOGRAFIE DER 20ER UND 30ER JAHRE
30. JUNI BIS 24. OKTOBER 2021
Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung

Neue Ordnung in der Welt: Fred Kochs Detailaufnahme eines Löwenzahns, 1933.

(Foto: Städel Museum)

"Neu Sehen" überschreibt die Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum diese Epoche, als die Fotografie die Illustration verdrängte in Reklame und Reportage. In rasantem Tempo entstand eine neue, scharfe Schwarz-Weiß-Ästhetik, die ihren Kunstanspruch meist in der Sachlichkeit suchte. Von ein paar avantgardistischen Experimenten in Künstlerkreisen abgesehen, die heute viel berühmter sind als zu ihrer Entstehungszeit, suchte das Auge zwischen den Kriegen durch den Sucher weniger das Expressive der Malerei zu kopieren, als neue Ordnung in der Welt zu schaffen.

NEU SEHEN. DIE FOTOGRAFIE DER 20ER UND 30ER JAHRE
30. JUNI BIS 24. OKTOBER 2021
Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung

Typisierung und Entschlackung: August Sanders' Doppelporträt des Malerehepaars Martha und Otto Dix von 1925.

(Foto: Die Photographische Sammlung / Sk Stiftung Kultur - August Sander Archiv, Köln / VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Die von Karl Blossfeldt arrangierten Pflanzendetails zeigten Natur im Stil von Technik, Albert Renger-Patzsch komponierte Industrielandschaften grafisch aufgeräumt, um von dem überlegenen Plan der Wirtschaft zu erzählen, und August Sander konzentrierte sich auf Porträts von Menschen, die exemplarisch für ihren Beruf und ihren Stand gelten konnten. Die Typisierung, Entschlackung, Sortierung und Ausrichtung der Wahrnehmung an leicht verständlichen Systemen prägte diese Generation der Fotopioniere in einer Zeit, wo sonst alles drunter und drüber ging. Geradezu therapeutisch wirkt der fotografische Stil aus Reduktion und Klarheit jener Jahre, als sich der Untergang Europas in einem industriell geführten Krieg vorbereitete.

NEU SEHEN. DIE FOTOGRAFIE DER 20ER UND 30ER JAHRE
30. JUNI BIS 24. OKTOBER 2021
Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung

Ist das noch Kunst oder schon Werbung? Hans Finsler: "Tasse, Untertasse und Teller", 1931.

(Foto: Nachlass Hans Finsler / Städel Museum, Frankfurt am Main)

Die Auswahl an beispielhaften Motiven, die die Kuratorin Kristina Lemke für diese Erinnerung an die Fotografie der Zwanziger und Dreißiger besorgt hat, zeigt aber nicht nur die Erfindung einer Massenästhetik durch ein neues Medium in unterschiedlichen Sparten, von der Porträt- über die Firmenfotografie zu Sport- und Modeaufnahmen. Die umfangreich mit biografischer und historischer Information angereicherte Schau führt den Besucher mit ihren Beispielen hin zu einer zentralen These: Im Bereich der Fotografie gab es zwischen der Weimarer Republik und dem Dritten Reich keinen ästhetischen Bruch.

Zwar wurden hier wie in allen anderen Kulturgattungen auch Existenzen zerstört und Menschen ermordet, wenn sie nicht in die Schablonen der faschistischen Ideologie passten. Aber im Gegensatz zu Malerei, Skulptur oder Film gab es in der Fotografie keine ästhetische Selektion, keine "entartete Fotografie". Die in der Demokratie entwickelten Stilmittel des neuen Mediums hatten sich in ihrer Überwältigungsqualität so durchschlagend bewährt, dass sie im neuen Kontrollstaat höchst willkommen waren. Wo jüdische oder linke Fotografen berühmte Motive geschaffen hatten, wurden diese unter anderem Namen weiterverwendet. Und viele namhafte "Avantgardisten" der Fotokunst wie Renger-Patzsch oder Paul Wolff wirkten im gleichgeschalteten Deutschland mit großem Erfolg weiter in ihrem Beruf.

Goebbels' perverser Scharfsinn erkannte sowohl in der sachlichen wie der glamourösen Fotografie ihre hohe Brauchbarkeit für die Propaganda. Der manipulative Erfolg der fotografischen Werbung musste nur ein Stück weitergedreht werden, um auch die finstersten Ziele im strahlenden Licht der Scheinwerfer begehrenswert erscheinen zu lassen. Mit dieser Wendung wurde aus der gefeierten Klarheit des neuen Mediums die kompromittierende Methode. Neu sehen hieß nicht wahr sehen. Und das gilt ebenso für die Handy-Fotografen aus László Moholy-Nagys Zukunft mit 20 000 Fotos im Speicher. Wo die nicht mehr sagen als ein Wort, bleibt der Mensch ein Analphabet des Visuellen.

Neu Sehen. Städel Museum, Frankfurt. Bis 24. Oktober. Der Katalog kostet 49,90 Euro.

© SZ/alex
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