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Fotografie-Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen:Armes Amerika

Matt Black Fotografie USA Deichtorhallen

El Paso, Texas, USA, 2015 von Matt Black, jetzt zu sehen in den Hamburger Deichtorhallen.

(Foto: Matt Black/Magnum Photos)

Matt Blacks Bilder der "American Geography" sind jetzt erstmals in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen. Sie zeigen die Gegenden, wo nichts übrig ist vom gelobten Land der machbaren Träume.

Von Till Briegleb

Die Hälfte der US-Amerikaner, die nie zur Wahl gehen, kommen in der Öffentlichkeit kaum vor. Sie leben dort, wo nichts übrig ist von dem großen patriotischen Versprechen, dass die Vereinigten Staaten das Land der machbaren Träume seien. Aussichtslose Armut betrifft riesige Bevölkerungsteile, ganze Landstriche, und besonders jene Gegenden, wo die Verlierer der Träume anderer leben, die reich werden wollten und es irgendwie auch wurden. Matt Black ist dorthin gefahren, in die Reservate der beraubten Erstbewohner Amerikas, zu den Ruinen, die Effizienzentscheidungen der Wirtschaft hinterlassen haben, in die Gemeinden, wo bis zu 40 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze leben. Fünf Jahre hat er in fast allen US-Staaten der USA nicht nur fotografiert, was an Würde übrig bleibt, wenn eine Wettbewerbsgesellschaft die Menschen aussortiert hat. Black ist auch ein empfindsamer Autor, der die Tragödie unhaltbarer Versprechen so präzise beschreibt, dass es für einen aufrüttelnden Roman taugt.

An Matt Blacks Bildern der "American Geography", wie sie jetzt erstmals in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen sind, mag einen stören, dass die großen Schwarz-Weiß-Fotografien verzweifelte Lebensumstände ästhetisierend darstellen. Aber der Verzicht auf schockierende Motive ist auch der Verzicht auf das Voyeuristische, das Pressebilder dann zeigen, wenn sie nur kurz in den Elendsschatten des amerikanischen Selbstbildes leuchten. Matt Blacks Bilder zeigen eine teilnehmende Demut. Er entwürdigt die Armen nicht doppelt, indem er ihre Verletzungen ausstellt, sondern porträtiert eine Atmosphäre von einstigem Glanz und erschöpftem Lebenskampf, die er im Verbund mit seinen Erzählungen erschütternd darlegt.

Es geht in diesen Bildern nicht um Hoffnung. Die Rücksichtslosigkeit, auf die der kapitalistische Wirtschaftstraum amerikanischer Prägung so stolz ist, hat in den Obdachlosen-Camps, funktionslosen Ladenstraßen, den Indianer-Reservaten und schäbigen Behausungen, in denen Black die Mittellosen porträtiert, vollkommen gesiegt. Es geht hier nur noch um den verbliebenen Stolz der Armen, ihre Zähigkeit, und um die Zuneigung zu Menschen, denen keiner hilft. Deswegen nutzen sie auch ihre Wählerstimme nicht.

© SZ vom 01.10.2020

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