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Fotografie: Joel Sternfeld:Etwas fehlte

Mit einem Guggenheim-Stipendium zog er aus, um sein Land zu fotografieren. Robert Frank hatte das 20 Jahre vor ihm gemacht und kam mit "The Americans" zurück, einer skeptischen, ethnographischen Bestandsaufnahme. Doch es war nicht Frank, der ihn inspirierte, sondern Walker Evans, der stille, ernste Dokumentarist der Depressionszeit.

"Die physische Welt, die Evans darstellt, ist in Ruinen. Aber der menschliche Spirit ist intakt. Die verarmten Bauern in Alabama tragen Kartoffelsäcke und haben nur drei Löffel, aber sie hängen sie ordentlich auf. Sie haben ihre Würde nicht verloren." Im Amerika der siebziger Jahre, der Zeit nach Vietnam, Watergate und dem Kater der Post-Hippie-Ära, erschien es Sternfeld umgekehrt. Ein brandneues Land wurde damals aus dem Boden gestampft. Die alte Kleinstadt, noch in den Fünfzigern Sitz der amerikanischen Seele, wurde irrelevant. An ihre Stelle traten Industrieparks, Superhighways, Motels und Flughäfen. "Doch während Amerika neu gebaut wurde, lag die menschliche Würde getreten am Boden. Die Tugenden, für die Amerika immer gestanden hatte, waren in Gefahr."

Das sollte sein großes Thema werden: "Es war ein Gefühl des Unbehagens, das was Jimmy Carter später die ,Malaise' nannte. Etwas stimmte nicht, etwas fehlte. Nur wusste ich nicht, was diesen Eindruck illustrieren könnte." Bis er das brennende Haus fand und die vielen anderen Bilder seines ersten großen Buchs "American Prospect".

Szarkowski, der mehr als sonst irgendjemand in Amerika zur Anerkennung der Fotografie als Kunstform beitrug, war Sternfelds Selbstverständnis als "engagierter Fotograf", als "concerned photographer", äußerst verdächtig. Seit der sentimentalen We-Are-The-World-Ausstellung "The Family of Man", die sein Vorgänger Alfred Steichen 1955 im MoMA veranstaltet hatte, fürchtete Szarkowski nichts mehr als Fotografie im ideologischen Auftrag, Fotografie, die nicht zuallererst dem Medium selbst verpflichtet war. Seine Favoriten hießen Diane Arbus, Lee Friedlander und Gary Winogrand, deren interessierten, aber harten und kühlen Blick er für den einzig legitimen Modus künstlerischer Fotografie hielt. Winogrand selbst formulierte dieses Programm am besten: "Ich möchte mit keinem meiner Bilder etwas sagen. Das Einzige, was mich an Fotografie interessiert, ist zu sehen wie etwas fotografiert aussieht."

Doch Sternfeld ließ sich nicht beirren. Mit jedem seiner mehrjährigen Projekte tastet er die Nation fotografisch nach ihren Krankheiten ab: "Stranger Passing", sein zweiter großer Zyklus, ist eine grandiose Serie von intimen Momenten mit Einsamen und Glücklichen, Kranken und Hoffnungsvollen, die er auf unnachahmliche Weise ein Bild ihres Ich-Seins produzieren lässt. Für "On This Site", einem weiteren dieser "bodies of work", wie Sternfeld es mit seiner Neigung zum Pomp nennt, suchte er Orte auf, an denen Menschen ermordet wurden.

Doch auch "On This Site" war mehr als nur ein dokumentarisches Projekt. Ging es zuvor darum, einen Aspekt von Dauer in einem Medium zu erzeugen, das Dauer nicht kennt, ging es hier um eine andere Frage fotografischer Repräsentation: Wie lässt sich ein Geschehen abbilden, von dem keine sichtbaren Spuren mehr zu sehen sind? Unmöglich, möchte man meinen. Doch auch wer nichts weiß über "On This Site" wird angesichts der mit merkwürdiger Insistenz aufgenommenen Parkplätze, Motels und Restaurants keinen Zweifel haben, was es ist, das hier auf so beunruhigend präsente Weise abwesend ist.

Andere haben inzwischen noch mehr aus dem Medium herausgeholt: Jeff Wall und Gregory Crewdson treiben für ihre erzählerische Fotografie inszenatorischen Aufwand von Hollywood-Ausmaßen. Andreas Gursky hat die Großprospekte von Sternfeld auf Monumentale vergrößert, und als sich auf konventionellem Wege nicht noch mehr Welt in seine Bilder zwingen ließ, begann er mit seinen digitalen Kompilationen.

Nur mit seiner Besorgtheit ist Sternfeld weitgehend allein geblieben. Nicht zuletzt wohl, weil sie nicht immer zu großartigen Fotos führte: "When it Changed", sein Buch mit kunstlosen Aufnahmen von der Klimakonferenz in Montreal 2005, blieb ohne Echo. Doch dass Fotografie durchaus etwas bewegen kann, das hat Sternfeld zumindest einmal bewiesen.

Hätte er den ahnungslosen New Yorkern mit seinen Bildern nicht von dem idyllischen Wildwuchs erzählt, der auf der High Line, der stillgelegten Hochbahn in Chelsea, entstanden war, wäre sie wohl ohne viel Aufhebens abgerissen worden.

© SZ vom 11.07.2011/rus

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