bedeckt München

Fotografie:Familien aus Fremden

Die amerikanische Fotografin Deana Lawson ist ein Star. Zadie Smith schrieb ein hymnischen Porträt über sie, Rihanna lud zum Foto-Shooting. Die Kunsthalle in Basel zeigt ihre intimen Aufnahmen - die so gewaltig sind wie Historiengemälde.

Von Kito Nedo

Gering sind die Abstände zwischen den großformatigen Bildern der US-Fotografin - es sind in gewaltigen Formaten ausgedruckte Porträts schwarzer Menschen, die Lawson in verschiedenen Gegenden dieser Erde aufgenommen hat: in den USA, in Brasilien, Ghana oder Jamaika. Das Zusammenrücken der Bilder im großen Saal der Baseler Kunsthalle sei der ausdrückliche Wunsch der Fotografin gewesen, erklärt Elena Filipovic, die Kunsthallendirektorin und Kuratorin der Ausstellung: "Deana Lawson macht aus Fremden eine Familie."

Zadie Smith widmete Lawson ein Porträt. Pop-Diva Rihanna lud sie zum Foto-Shooting ein

Offensichtlich soll der universalistische Anspruch der Künstlerin unterstrichen werden. Und tatsächlich: die Schau wirkt wie ein begehbares pan-afrikanisches Familienalbum. Doch dokumentarisch sind die Bilder nicht. Im Gegenteil. Lawsons eigentümlichen Aufnahmen laden zu vielfältigen Spekulationen ein. Denn es gibt nur wenige kontextualisierende Informationen. Und es ist offensichtlich, dass die Künstlerin nicht jedes Bild selbst fotografiert hat. Da ist etwa die gefundene und extrem vergrößerte Aufnahme zweier Frauen "Emily & Daughter" (2015) über das sich Spritzer und Moiré-Muster legen, so als handele es sich nicht um ein Bild, sondern die Visualisierung einer verschwommenen Erinnerung. Andere Fotografien wie etwa "Daenare" (2019), das Porträt einer Frau mit elektronischer Fußfessel, scheinen sich kritisch-produktiv auf die europäische Kunstgeschichte zu beziehen, zum Beispiel Manets berühmtes 1863 entstandene "Olympia". Die Hauptrollen besetzt Lawson anders. Ihr Werk ist so auch ein Blick in die Abgründe der europäischen Geschichte, die sich hier andeuten.

Die in New York lebende Fotografin Deana Lawson spricht ihre Modelle - wie "Chief" (2019) auf der Straße an.

(Foto: Deana Lawson/Sikkema Jenkins & Co., New York/Kunsthalle Basel)

In den USA zählt die 1979 in Rochester geborene Künstlerin und Teilnehmerin der Whitney-Biennale bereits zu den Stars ihrer Generation. Die Schriftstellerin Zadie Smith widmete ihr 2018 ein zehnseitiges hymnisches Porträt im New Yorker; der Filmkünstler und Venedig-Biennale-Teilnehmer Arthur Jafa traf sich mit Ihr zum Interview und die Pop-Diva Rihanna lud sie zum Foto-Shooting ein. Die Überschneidungen der eigenen Familiengeschichte mit der Geschichte der Fotografie ist bemerkenswert. Lawsons Geburtsstadt Rochester am Lake Ontario im Nordwesten des US-Bundesstaats New York war früher eine blühende Metropole der Bildindustrie. Die beiden größten Arbeitgeber der Stadt, der Fotokonzern Kodak, der Kopiermaschinenhersteller Xerox hatten hier ihre Firmenzentralen. Lawsons Vater arbeitete als Manager bei Xerox, die Mutter fast vierzig Jahre lang in der Kodak-Verwaltung. Die herrschaftliche Residenz des Kodak-Gründers George Eastman ist heute ein Fotografie-Museum in dessen Park heute gerne Hochzeitspaare für die Kamera posieren. Und Lawsons Großmutter arbeitete hier einst als Reinigungskraft für den Firmengründer des mittlerweile untergangenen Imperiums. Seit dem Niedergang der beiden Konzerne infolge der Digitalisierung kämpft die Kommune gegen die Verarmung und die Auflösung des sozialen Zusammenhalts.

Aufnahmen wie "Vera" (2020) entstehen in monatelanger, enger Zusammenarbeit mit den Modellen.

(Foto: Deana Lawson/Sikkema Jenkins & Co., New York/Kunsthalle Basel)

Viele ihrer Modelle spricht die inzwischen in New York lebende Fotografin in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, auf der Straße, in der U-Bahn oder auf ihren Reisen an. Dann baut Lawson gezielt zu den von ihr ausgewählten Menschen eine Beziehung auf. Am Ende diese Prozesses entstehen dann diese Bilder in denen Pose, Nacktheit und Interieurs in eigentümliche Konstellationen gebracht werden. Die Armut ihrer Modelle wird weder kaschiert und noch vordergründig thematisiert. Sie ist Teil der Wirklichkeit. Die Fenster sind auf den Bildern meist verhangen - statt einer Aussicht sind Bilder oder Hologramme auffallend. Effektvoll bauschen sich zudem billige Vorhänge, Textilien wie Kissen, Teppiche und unbezogene Matratzen schieben sich ins Blickfeld. Mit dem Hang zur Draperie stellt Lawson die Frage nach klassischer Ästhetik auf sehr zeitgemäße Weise. Sie bezieht sich aber auch auf die Atelierfotografie, die in der Frühzeit des Mediums eine zentrale Rolle spielte.

Bilder wie "Axis" (2018) wirken zuweilen erschreckend intim, sind aber so groß wie Historiengemälde.

(Foto: Deana Lawson/Sikkema Jenkins & Co., New York/Kunsthalle Basel)

Die Technikgeschichte der Fotografie hat ihre eigene Historie rassistischer Diskriminierung. Wenn etwa von der "Shirley Card" die Rede ist, wissen Fotohistorikerinnen sofort, was gemeint ist. Es handelt sich um Porträts einer weißen Frau, die früher dazu dienten, einen Abgleich vorzunehmen. Kodak-Fotomaterial bildete deswegen helle Haut-Töne besonders gut ab. Das hatte ganz konkrete Nachteile etwa für schwarze Schauspielerinnen, die eine besondere Lichttechnik benötigten, um nicht unterbelichtet zu wirken. Die moderne Version dieser Diskriminierungsgeschichte ist Gesichtserkennungssoftware, die aufgrund ihrer Programmierung keine nichtweißen Menschen erkennt, was etwa bei automatischen Passkontrollen an Flughäfen für die Betroffenen zu Verwechselungen und zusätzlichen Kontrollen führt.

Die Aufnahmen wirken privat, obwohl sie das Format von Historiengemälden haben

Lawsons Modelle blicken meist direkt in die Kamera. Sie mache "keine schmeichelhaften Bilder von Menschen", hat die Fotografin einmal öffentlich erklärt. Wie aber bringt man fremde Menschen zur Mitarbeit an solchen Bildern? Die Fotografin gibt ihren Subjekten Würde, Anmut und Stolz. Diese Aufnahmen haben einerseits den Anschein des Privaten, andererseits erscheinen sie auch malerisch-repräsentativ, unter anderem deshalb weil sie das Format von Historiengemälden haben. Und natürlich kann man sie nicht betrachten, ohne an die aktuellen Ereignisse zu denken: die weltweiten Proteste gegen systemische, rassistische Polizeigewalt, die sich nach wie vor brutal und tödlich gegen schwarze Körper richtet. Oder die lauter werdende Forderung nach Reparationen für die Nachfahren der ehemaligen Sklaven. Einer aktuellen Studie zufolge ist das durchschnittliche Vermögen einer weißen Familie in den USA mit rund 171 000 Dollar heute zehnmal höher als das durchschnittliche Vermögen einer schwarze Familie. Einhundertfünfundfünfzig Jahre nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei ist der ökonomische Graben zwischen schwarzen und weißen Amerikanern unüberbrückbar. Die "rassistische Wohlstandslücke" nannte der Historiker Max Paul Friedman dies in einem Kommentar.

Nicht von ungefähr wurde Lawsons Werk schon mit den Gemälden von Kerry James Marshall verglichen. Beide Künstler repräsentieren in ihrem Werk den Schwarzen Alltag jenseits von Stereotypen, Motive wie Schwarze Spiritualität, Kultur und Geschichte fügen sich zu komplexen Bildern. Lawson interessiert, wie effektvoll sich der menschliche Körper im rechteckigen Ausschnitt der Kamera positionieren lässt. So verbinden sich Intimität, Intensität und Widersprüchlichkeit zu einem verwirrenden Erlebnis. "Centropy" ist der Titel dieser ersten großen Einzelausstellung in Europa. Darunter könnte man sich ein Zusammenstreben von Einzelteilen vorstellen. Eine entgegengesetzte Energie, die vielleicht auch eine Ahnung von sozialer Utopie mit sich trägt. Das ganze Gegenteil von einem Zustand also, in dem alles auseinanderfliegt.

Deana Lawson. Centropy in der Kunsthalle Basel bis zum Oktober.

© SZ vom 11.08.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema