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Fotografie:Das Baby als Schatten

Experimentierfreudig: Im Berliner Bauhaus-Archiv sind erstmals die wenig bekannten Experimente des Chicagoer New Bauhaus zu sehen.

Von Catrin Lorch

Es ist das Gelb, diese strahlende Lackfarbe, die das Foto regiert. In ruhigen Wellen setzt es sich ab vom verschlissenen Rotbraun der Regenschirme, dem verschwimmenden Schwarz der Mantelfalten. Das Auge, das dieses Bild gesehen hat, ist nicht interessiert am Straßenleben. Es starrt auf die Nässe, die den Asphalt in einen Spiegel verwandelt, der sich über die ganze Breite dieser Aufnahme zieht, der all die Farben noch einmal aufnimmt in verwaschenen Konturen. Arthur Siegel hat "Rainy Day" im Jahr 1952 für seine Serie "State Street" im aufwendigen Dye-Transfer-Verfahren hergestellt, dabei galt Fotografie - und erst recht Farbfotografie - noch nicht einmal als Kunst.

Dennoch investierte Arthur Siegel Zeit und Geld in seine aufwendigen Experimente; er konnte davon ausgehen, dass er in Chicago, am Institute of Design (ID) verstanden wird. Siegel, ein Absolvent der Schule, lehrt dort inzwischen selbst, und nicht nur sein Kollege Harry Callahan arbeitet seit Jahren an aufwendigen Ektachromes, schon der Schulgründer, László Moholy-Nagy hat schon mit Farbe und Fotografie experimentiert.

Eine Ausstellung des Berliner Bauhaus-Archivs erinnert jetzt an diese Schule, die rückblickend als eine der einflussreichsten Ausbildungsstätten für Fotografie in den USA gilt und direkt aus dem deutschen Bauhaus hervorging. Dessen Gründer Walter Gropius selbst berief den ehemaligen Kollegen László Moholy-Nagy als Direktor einer neuen Hochschule für Gestaltung in Chicago.

State Street, Rainy Day

Es ist der Regen, der auf Arthur Siegels "Rainy Day" (1952) das Gelb des Taxis noch einmal verdoppelt.

(Foto: Chicago/Art Resource, NY/Arthur S. Siegel)

Der hatte in den Zwanzigerjahren den berühmten Vorkurs geleitet und nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Europa verlassen. Sein pädagogisches Konzept blieb - obwohl die Schule schon bald umbenannt und später als "Institute of Design" (ID) in das Illinois Institute of Technology eingegliedert wurde.

Im Zentrum der künstlerischen Ausbildung stand der Umgang mit Licht, der "Light-Workshop" war verbindlich. Lehrer wie György Kepes vermittelten als "Foundation" den Geist des interdisziplinären Vorkurses. Es ging nicht um die perfekte Beherrschung des Mediums, sondern einen künstlerischen Umgang mit der Technik. Die Studenten zerknickten Fotopapier, bestückten es mit Schablonen und tränkten es mit Chemikalien.

Solche Arbeiten hängen jetzt selbstbewusst neben den Silbergelatine-Fotogrammen des weltberühmten Moholy-Nagy. Myron Kozmans "Chemiegramm" beispielsweise, dessen abstrakten Farben und Formen so organisch wirken wie Einschlüsse in Gestein. Studenten wie Charles Swedlund, der am ID zunächst einen Bachelor of Science abgelegt hatte, empfanden den freien Umgang mit Licht als Nullpunkt der Fotografie, als Neuanfang. Er legte sein neugeborenes Baby unter den Vergrößerer, dessen Umrisse sich auf "Ohne Titel" (1957) geisterhaft und weich abzeichnen. Alles geht. Und eine Studentin wie Patty Carroll beschwört rückblickend vor allem den Geist der totalen "Disziplin und Verrücktheit".

Anders als das Bauhaus in Dessau oder das Black Mountain College des Bauhaus-Kollegen Josef Albers war die Schule zudem in einer Großstadt angesiedelt. "Die nächsten 36 Passanten" oder "Zahlen und Buchstaben" sollten auf Expeditionen in die Straßen aufgespürt werden, Aufgaben, die das Denken der Konzeptkunst vorwegnahmen. Die Kuratorin Kristina Lowis konstatiert zudem ein auffallendes Engagement für den Erhalt von Architektur und städtischen Lebensformen. Auf Joseph McCarthys Politik antworten die Fotografen mit Beobachtungen einer "rassistischen, sozial und kulturell stark hierarchisierten Stadt": Yasuhiro Ishimoto zeigt alte weiße Männer vor Geschäftstürmen und Martin Luther King jr, der als Sprecher der schwarzen Bevölkerung von Demonstranten und ihren Transparenten umrahmt wird.

Unter den mehr als 200 Absolventen waren vor allem Künstler und Lehrer. "New Bauhaus" steht für den Export der visionären Pädagogik. Dass diese Kontinuität lange kaum gewürdigt wurde, liegt daran, dass wichtige Vertreter wie Walter Gropius oder Mies van der Rohe ihre eigenen Verdienste, die Durchsetzung eines internationalen Stils, propagierten. László Moholy-Nagys Lichtwerkstatt und ihre Folgen für die amerikanische Fotografie sind jetzt - endlich - auch in Europa unübersehbar.

new bauhaus chicago: experiment fotografie und film. Bauhaus-Archiv, Berlin. Bis 5. März. Katalog 39,90 Euro.

© SZ vom 28.11.2017

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