bedeckt München 12°

Interview mit Fotograf Tom Licht:Daheim und doch so fremd

Daheim 12

Wenn man altvertraute Gegenstände aus der Kindheit wiederfindet, nur an ganz anderer Stelle: "Das Gefühl der Fremdheit war der eigentliche Beweggrund für Tom Lichts Fotoprojekt: eine Dokumentation des Elternhaus, 25 Jahre nach seinem Auszug.

(Foto: Tom Licht)

Das Elternhaus betreten, als wäre man ein Fremder: Tom Licht hat es getan und fotografiert - 25 Jahre nachdem er ausgezogen ist. Herausgekommen ist eines der schönsten Fotobücher des Jahres.

Interview von Hannes Vollmuth

Es gibt wahrscheinlich kaum einen Menschen, der ein ganzes Fotobuch vom Haus seiner Kindheit besitzt. Ihres kann man sogar kaufen. Wie schwer war es, die eigene Heimat neu wahrzunehmen?

Ich war mehrere Jahre in New York, dann bin ich nach Zürich gezogen. Und je länger ich den Abstand hatte von Mengersgereuth-Hämmern in Südthüringen, desto mehr wollte ich aufarbeiten, wie sich mein Gefühl verändert hat. Es ging um das Gefühl der Entfremdung, das bei mir über die Jahre entstanden ist. Meine Eltern sind jetzt Mitte 70, ich weiß nicht, wie lange dieses Daheim noch existiert. Ich wollte alles einfach mal dokumentieren und durch die Kamera aufsaugen.

Wie funktioniert so ein Aufsaugen?

Ich habe das Haus meiner Eltern mit einer analogen Großformatkamera fotografiert. Man braucht viel Zeit, manchmal eine ganze Stunde, um ein Bild zu machen. Man ist also mit den Gegenständen und dem Ort lange allein. Der Blick durch die Kamera ist ein anderer, als wenn man bei den Eltern zu Besuch wäre und mit am Kaffeetisch sitzen würde.

Ihr Zuhause hat durch die Kamera fremd auf Sie gewirkt?

Das Gefühl der Fremdheit war der eigentliche Beweggrund für mein Projekt. Ich habe in alten Fotoalben geblättert und anhand der Fotos die Gegenstände im Haus gesucht. Viele Sachen habe ich tatsächlich wiedergefunden, nur an ganz anderer Stelle.

Existiert Ihr Kinderzimmer noch?

Nein. Der Raum ist jetzt ein Arbeitszimmer. Überraschend war für mich aber, wie viel von meinem Spielzeug noch existierte. Obwohl ich seit mehr als 25 Jahren ausgezogen bin.

Welcher wiedergefundene Gegenstand hat Sie besonders gefreut?

Ein alter Spielzeug-Bauernhof. Früher habe ich tagelang damit gespielt und heute liegt er halb verfallen auf dem Dachboden, wie eine Ruine, die noch auf irgendwas wartet. Ich fühlte mich wie im Museum.

Sie arbeiten derzeit als Fotograf in Zürich. Gelingt es Ihnen dort, sich zu Hause zu fühlen?

Wenn man einmal angefangen hat, in der Welt herumzureisen und an verschiedenen Orten zu leben, wird es eigentlich immer schwieriger. Man findet keinen Ort mehr, wo man sich wirklich daheim und vertraut fühlt. Diese Unruhe und Rastlosigkeit ist dann eben in einem drin. Natürlich hat man Freunde, ein soziales Umfeld. Aber wie ein richtiges Daheim fühlt es sich trotzdem nicht an.

Die Landkinder müssen irgendwann weg, wenn aus ihnen etwas werden soll?

Ich habe es nie bereut, aus meinem Dorf weggezogen zu sein. Ich komme auch gerne zurück nach Mengersgereuth-Hämmern. Aber dieses Projekt zum Beispiel wäre sicherlich nicht entstanden, wenn ich dort noch dauerhaft wohnen würde. Erst wenn man weg war, kann man das Daheim neu wahrnehmen.

Wie hat Ihre Familie auf das Projekt reagiert?

Irritiert, zumindest am Anfang. Ich war ja plötzlich nicht mehr der Gast, der Besucher, der zum Kaffeetrinken kommt, sondern eine Art Beobachter aus der Ferne, mit Fotoapparat. Man wunderte sich, warum ich den alten Sachen solches Interesse entgegenbringe. Aber am Ende war das Fotoprojekt auch für die Familie eine gute Sache. Wir haben zusammen über die Vergangenheit geredet, meine Mutter hat alte Gegenstände gesucht und mein Vater ist mit mir durchs Dorf gezogen und hat mir mit der Kamera geholfen.

Sie haben auch die Hummel-Figuren ihrer Mutter fotografiert und Jagdhunde aus Porzellan. Keine Angst vor Kitsch?

Meine Mutter dekoriert sehr gerne. Natürlich ist das eine Art Kitsch, aber halt auch die Sachen, die einem als Sohn vertraut bleiben.

Warum haben Sie Ihr Buch "Daheim" genannt?

Daheim ist für mich ein umgangssprachlicher Begriff. Aber er bedeutet mir sehr viel. Ich würde nie sagen, ich fahre nach Hause. Ich sage immer, ich fahre heim. Als ich vor ein paar Jahren in New York lebte und keine gute Zeit hatte, war Mengersgereuth-Hämmern für mich ein Rückhalt. Ich bin manchmal auf die Webseite meines Ortes gegangen und war beruhigt, dass alles noch so war, wie ich es in Erinnerung hatte. Ich fühlte mich verloren, aber wusste, da gibt es noch diesen Ort und ich könnte jederzeit dorthin.

Die Melancholie, die Sie mit Ihren Daheim-Bildern beschwören, empfinden viele Menschen. Aber was bringt einem die Melancholie?`

Melancholie kann einem helfen, zu erkennen, dass alles seinen Wert hat. Auch das Hier und Jetzt, auch der Ort, an dem man gerade lebt. Wenn ich in zehn Jahren an Zürich zurückdenke, werde ich wahrscheinlich auch melancholisch sein. Und deshalb weiß ich schon heute, dass es eigentlich schön ist, wo ich bin.

Tom Licht, 44, ist ein deutscher Fotograf. Licht studierte Architektur und Fotografie, unter anderem an der renommierten Ostkreuzschule in Berlin. Er lebt in Zürich. Tom Licht: Daheim. Kehrer Verlag, Heidelberg 2016. 112 Seiten, 29,90 Euro. Ausstellung: Galerie für Moderne Fotografie, Berlin, 8.9 - 9.10.2016.

© SZ.de/jobr/olkl

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite