Fotografie-Ausstellung in Berlin:Von Mauern und Menschen

Lesezeit: 4 min

Er fotografierte Arbeiterbezirke in Kreuzberg, Wedding und Reinickendorf: Der Fotograf Michael Schmidt wird posthum mit einer Retrospektive in seiner Heimatstadt Berlin geehrt. Zeit wird es.

Von Peter Richter

Diese starke junge Frau mit dem Wind im Gesicht, die jetzt auf den Plakaten und Broschüren und dem Katalog zu der Retrospektive von Michael Schmidt in Berlin zu sehen ist: Immer noch keine Ahnung, wer das eigentlich war oder ist. Und Schmidt selbst kann seit seinem Tod vor inzwischen auch schon wieder sechs Jahren keine Antwort mehr darauf geben. Hätte er aber vermutlich auch vorher nicht getan. Das Foto von ihr hatte er ausdrücklich nicht in die Serie der Porträts einsortiert. Dieses Bildnis figurierte bei ihm unter "Architektur". Worum es geht, ist das, was unscharf ist. Worum es geht, ist das, was die Frau fast unsichtbar bedrängt, der Zaun und das Hochhaus. Kann es sein, dass das eins aus dem Märkischen Viertel ist? Oder wieder einmal westliches Kreuzberg, das schwer romantisierbare Nachkriegsneubau-Kreuzberg, Schmidts Heimatrevier?

Ein humanistisches Statement gegen die Radikalität von Weiß und Schwarz, Rechts und Links

Die Unschärfe ist eigentlich nicht typisch für ihn. Aber das, was allgemein als hart, anorganisch und opressiv gilt, weich zu zeichnen, den Menschen dazwischen hingegen scharf und stark und gleichzeitig verletzlich - das ist dann eben wiederum doch sehr Michael Schmidt. Es ist, wenn man so will, ein Positiv zu all den scharfkantigen Hauseingängen des sozialen Wohnungsbaus, zu den fensterlosen Brandwänden hinter Weltkriegsbrachen oder den verwaisten Spielplätzen vor Wohnhochhäusern unter eisfahlem Februarhimmel, mit denen dieser Fotograf wesentlich bekannt geworden war: als der Mann, der Steine oder Beton weder feierte noch dämonisierte, sondern mit Sachlichkeit ernst nahm, und das Grau zu einer moralistischen Einstellungssache erklärt hatte - als humanistisches Statement gegen die Radikalität von Schwarz und Weiß, Rechts und Links.

Endlich bekommt der Mann also die längst fällige Retrospektive in der Stadt, in der er geboren wurde, den größten Teil seines Werkes schuf und 2014 viel zu früh schon verstorben ist. Endlich gibt es mit dem Katalog zu dieser Retrospektive ein gültiges Handbuch, das einen Überblick über alle seine Serien gibt, die ihrerseits zu epochalen Fotobüchern geworden sind: von "Berlin Kreuzberg" bis zur letzten, "Lebensmittel". Die Serie "Architektur" entstand ziemlich genau in der Mitte, um den Mauerfall herum. Und die Frau zwischen Beton und Stahl war schon einmal das Postermotiv für eine Überblicksschau von Michael Schmidt. 1995 war das, in Essen, und Schmidt war damals gerade dabei, auch international als der entscheidende Fotograf aus Deutschland anerkannt zu werden, und zwar nicht nur, weil die kühle Sachlichkeit der sogenannten Becher-Schule aus Düsseldorf gerade auf dem Kunstmarkt zu reüssieren begann.

Damals war vermutlich ohnehin nur wenigen bewusst, in welchem Maß Schmidt von einer ganzen Generation als Anreger und Lehrer verehrt wurde. Oder dass er es war, der während einer Lehrtätigkeit in Essen seinen später so berühmten Schüler Andreas Gursky an das Ehepaar Becher weiter empfahl.

Wo Schmidt Fahndungsplakate und Ausweise fotografiert, gibt es Rückkoppelungseffekte

Es war vor allem die Zeit, in der Peter Galassi als Foto-Kurator des Museum of Modern Art in New York mit seiner Schau zu Schmidts Zyklus "Ein-heit" die erste Einzelaustellung eines deutschen Fotokünstlers am MoMA überhaupt organisierte. Als Ende der Achtzigerjahre dort bereits Schmidts Serie "Waffenruhe" zu sehen war, schienen seine Bilder dort einen Nerv getroffenen zu haben, der am Ende weniger mit dem eigentlichen Thema zu tun hatte, dem Psychogramm einer geteilten Stadt im Zustand eines erkalteten Kriegs: Es wird erzählt, dass viele New Yorker damals vielmehr das Lebensgefühl in ihrer eigenen Stadt nie besser repräsentiert fanden als in Schmidts harten, dunklen Bildern aus Berlin.

Sie hatten, könnte man sagen, den Ort, dem sie sich verdankten, in einer ähnlichen Weise transzendiert und hinter sich gelassen wie die Musik der Einstürzenden Neubauten. Überhaupt wäre es vielleicht einmal den Gedanken wert, diese beiden Serien als bildgewordenen Postpunk/Industrial/Noise-Rock neu zu betrachten; immerhin kommen hier ähnliche Verfahren zum Einsatz. Wenn Schmidt da in schriller Vergrößerung Fotos abfotografiert, von Fahndungsplakaten oder von seinem eigenen Personalausweis, dann ergibt das immerhin Rückkopplungseffekte wie sie andere zeitgleich mit dem Equipment ihrer E-Gitarre erzeugten.

Kuratiert hat diese Retrospektive Thomas Weski, der in Achtzigerjahren zum Teil in Fahrgemeinschaften mit anderen Foto-Enthusiasten aus Westdeutschland nach Berlin gereist war, um Schmidts Arbeiten zu sehen. Denn der fotografierte damals außer im Arbeiterbezirk Kreuzberg höchstens noch in den Arbeiterbezirken Wedding und Reinickendorf, manchmal auch in Ostberlin, aber niemals westlicher und schon gar nicht beschaulicher. Schmidt, der im Oktober 1945 in Kreuzberg geboren worden war, hatte abgesehen von ein paar Jahren als Kind in Ostberlin, ab dem Mauerbau die meiste Zeit seines Lebens in dem Westberliner Bezirk zugebracht, der wegen seiner Mauernähe erst dem Verfall anheimgegeben war, dann der Kahlschlagsanierung und nebenbei einem Bevölkerungsaustausch, an dessen Ende einerseits Punks das Bild zu prägen begannen und andererseits jene Menschen, die damals als "ausländische Mitbürger" bezeichnet wurden.

Das besonders Schöne an dieser Berliner Übersichtsschau ist, dass sie bereits mit dem frühesten Frühwerk einsetzt, Schmidts autodidaktischen Bestandsaufnahmen der Kreuzberger Zustände. Vom Bezirksamt bezahlte Bildserien über "werktätige Frauen" sind zu sehen und eben solche über die Kreuzberger Türken. Versuche, damit als Fotoreporter in Lohn und Brot zu kommen, scheiterten jedoch, allerdings weniger an der Schroffheit der Aufnahmen als an der des Fotografen. Das hat er selbst einmal erzählt: Wer der Fotoredaktion des "Spiegel" nach getaner Arbeit kommentarlos die volle Filmrolle zuschickt, musste mit Folgeaufträgen nicht zwingend rechnen. Retrospektiv darf man dankbar sein, dass Schmidt alles Journalistische, Aktuelle, Engagierte, auch nur entfernt Sentimentale anschließend konsequent herausgefiltert hat aus seiner Arbeit, bis sie zu der bleibenden Kunst wurde, als die sie in dieser Retrospektive wieder einmal wiederentdeckt werden kann.

Sie wird von Berlin aus im Übrigen weiter ziehen nach Paris, nach Madrid und schließlich Wien. Je nach Platzlage werden dann mal mehr und mal weniger Arbeiten aus den Serien von Schmidt zu sehen sein. (In Berlin zum Beispiel fehlt zum Beispiel leider "Irgendwo", seine Arbeit über die deutsche Provinz.) All das heißt im Grunde nichts anderes, als dass es sich lohnen könnte, dieser Ausstellung einfach nachzureisen, um sie sich langsam wandeln und vervollständigen zu sehen. Und um zu schauen, ob sich auch diese so viel helleren Städte in Schmidts Berliner Grisaillen so wiederfinden können wie einst New York.

Michael Schmidt. Fotografien 1965-2014. Hamburger Bahnhof Berlin, bis 17.1.2021. Katalog 60 Euro.

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