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Fotograf Kerry Skarbakka:Kopf voraus nach unten

Er fliegt Treppen herunter, fällt von Leitern und Bäumen, stolpert in der Dusche: Der amerikanische Fotograf Kerry Skarbakka hat sich auf halsbrecherische Motive spezialisiert.

Von Irene Helmes

11 Bilder

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Quelle: Kerry Skarbakka

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Er fliegt Treppen herunter, fällt von Leitern und Bäumen, stolpert in der Dusche - der amerikanische Fotograf Kerry Skarbakka hat sich auf halsbrecherische Motive spezialisiert. Statt Slapstick will er damit aber Ängste zeigen. Dass auch ihn die Krise eingeholt hat, hält er nur für konsequent. Von Irene Helmes

Eine Schrecksekunde, das löst wohl jedes Foto von Kerry Skarbakkas Reihe "The Struggle to Right Oneself" beim Betrachter aus. Seine Bilder "konfrontieren uns mit unseren Urängsten", hieß es neulich bei Wired.com. "Wie zum Teufel macht er das bloß?", wundert sich nicht nur das Blog Gizmodo

"Die meisten fragen sich sofort, wie ich das angestellt und ob ich mich verletzt habe", erzählt Skarbakka selbst. Also, wie ist das denn nun?

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Die Antwort wird je nach persönlicher Liebe zum Risiko entweder enttäuschen oder beruhigen. Denn Skarbakkas Fotos zeigen keine Kamikaze-Aktionen, sondern sorgfältig geplante und abgesicherte Stunts. Zwar springt und fällt Skarbakka auf allen Bildern seiner Foto-Serie selbst - aber eben nicht einfach so.

Es sind Seile, Matratzen und andere Hilfsmittel im Spiel, daraus macht der Amerikaner keinen Hehl. Auch Retouche ist für ihn kein Tabu. Er sehe sich weder als Stunt-Held noch habe er die Absicht, für seine Bilder Kopf und Kragen zu riskieren, heißt es auf seiner Website. Den Auslöser drücken übrigens andere für Skarbakka - nachdem er Set, Perspektive und Bildausschnitt vorbereitet hat. Das Ziel: Den kritischsten Moment des Falls einzufangen.

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Seit seinem ersten Foto aus der "Struggle"-Serie namens "Blue Tree" (oben zu sehen) sind mehr als zehn Jahre vergangen. Skarbakka - inzwischen 42 - ist trotz manch haarsträubend wirkender Aktion weiter wohlauf und erklärt auf Nachfrage gerne, worum es ihm eigentlich geht. Um "Unsicherheit, Angst und Zweifel" nämlich, und darum, "was diese Sorgen mit uns machen".

Auf seiner Website bezieht sich Skarbakka auf niemand Geringeren als den Philosophen Martin Heidegger, der das menschliche Dasein als einen Prozess des ewigen Fallens beschrieben habe. Skarbakkas Interpretation ...

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... nimmt da auch mal die Form recht konkreter Horrorvorstellungen an, des spektakulären Ausrutschers beim Duschens etwa.

So philosophisch Skarbakka seine Idee begründet, so handfest geht es bei der Entstehung der Bilder zu. Eines von Skarbakkas Lieblingsmotiven ...

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... ist "Window", ein krachender Sturz durch eine Fensterscheibe. "Ich liebe es, weil ich das Set dafür selbst gebaut habe", so Skarbakka. Nach einem misslungenen ersten Versuch habe er vier Tage lang alles für den zweiten Anlauf repariert. Dabei habe ihn ein Handwerker vom Grundstück nebenan aus entdeckt - und ihm erklärt, er mache alles ganz falsch mit dem Fenster.

Alles eh nur für ein Shooting, beruhigte Skarbakka. Da habe der Mann sein T-Shirt hochgezogen und ihm eine riesige Narbe gezeigt, die er sich selber mal beim Sturz durch eine Glasscheibe geholt hatte. Ob er Skarbakka ein paar Tipps geben dürfe, um Verletzungen zu vermeiden? "Ich war heilfroh", erzählt der Künstler. Der zweite Versuch gelang - mit "nur ein paar kleinen Schnitten und Kratzern".

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Ein Mann stürzt von einem Balkon - ein weiterer Stunt von Skarbakka, aufgenommen im Jahr 2002. Drei Jahre später brachte ihm eine ähnliche Aktion viel Kritik ein.

Da ließ er sich nämlich in Chicago von einem Hochhaus fallen. Das war vielen Amerikanern zu nah am tragischen Schicksal derer, die am 11. September in Manhattan aus den brennenden Twin Towers in den Tod gesprungen waren. Pietätlosigkeit und Geschmacklosigkeit waren die Vorwürfe. Noch Jahre später musste sich Skarbakka in US-Interviews dazu äußern. Rückblickend sehe er die Kontroverse einfach als "Teil dieses Abenteuers, das ich erlebe", sagt er heute.

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Dieses Abenteuer verlief tatsächlich lange vielversprechend für Skarbakka. "Ich denke, mir ist es gut ergangen für einen Typen, der auf einer Farm in Tennessee aufgewachsen ist und früh eine Gehirnwäsche von evangelikalen Christen bekommen hat", sagt der Fotograf heute. Er kam herum, nahm seine Bilder vor schönen Kulissen auf (oben ein in Kroatien entstandenes Foto). 

Sein bislang größter Erfolg? Den Creative Capital Foundation Grant zu bekommen, sagt Skarbakka (eine Künstlerförderung, die u.a. von der Andy Warhol Foundation mitgetragen wird). "Die Today Show war auch ziemlich cool". Bei NBC wurde Skarbakka im April 2009 als aufstrebender Star ins Studio eingeladen. Doch so glatt sollte es nicht weiterlaufen. Denn zu dieser Zeit ...

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... hatte die Finanzkrise die USA bereits voll erwischt. Galerien mussten schließen. Vielen Menschen, die bislang in Kunst investiert hatten, ging das Geld aus. Obwohl er damals auf einem guten Weg gewesen sei, habe er nicht länger von seinen Verkäufen leben können, erinnert sich Skarbakka. "Tief drinnen wusste ich, dass ich nicht die Ausdauer haben würde, meiner Kunst zuliebe arm zu sein".

Sieht er eine gewisse Ironie darin, dass ausgerechnet sein selbstgewähltes Thema - Unsicherheiten und Ängste - ihn durch die Krise auch beruflich einholte? Irgendwie schon, sagt Skarbakka, aber genau darum sei es schließlich von Anfang an gegangen. 

Gerne zitiert Skarbakka aus Douglas Adams' "Per Anhalter durch die Galaxis", wonach Fliegen die Kunst sei, sich fallen zu lassen und den Boden zu verfehlen. Der harte Aufprall blieb denn auch Skarbakka erspart, ...

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... der durch die Krise - zunächst gezwungenermaßen - einen zweiten Beruf für sich entdeckte. Sein Abschluss in Fotografie vom Columbia College in Chicago erlaubt es ihm, an US-Hochschulen zu unterrichten. Seit einiger Zeit arbeitet Skarbakka deshalb als Dozent am Prescott College in Arizona im Bereich Digitale Medien und Fotografie. 

Am Anfang, gibt Skarbakka zu, sei er durchaus enttäuscht gewesen, "weil ich wirklich einer von den 'Auserwählten' sein wollte, die ganz groß rauskommen". Verbitterung? Nein, aber er habe sich sehr unter Druck gesetzt und sich eine Weile wie ein Versager gefühlt. 

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Inzwischen zeigt sich Skarbakka mit der Situation versöhnt. Dank des Unijobs könne er seine Rechnungen bezahlen und sich weiter leisten, neue Fotos zu machen. Selbst wenn 2012 nicht das produktivste Jahr für ihn gewesen sei - "diese Bilder sind aufwendig, ich bin ja keine Maschine".

Jammern sei aber auch keine Lösung. "Wer interessiert sich schon für einen Künstler, der seine Sachen nicht verkaufen kann. Kaum jemand." Unzähligen Amerikanern sei es deutlich schlimmer ergangen. Er halte es mit dem Motto eines seiner Lieblingsprofessoren: Kunst "ist wie ein Wettrennen". Das Wichtigste sei, "immer weiterzulaufen und nicht den Anschluss zu verlieren".

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"Stendhal No. 1" ist eine der neuesten Fotografien von Skarbakka. Aufgenommen in der Corcoran Gallery of Art in Washington D.C. soll das Bild der Anfang einer neuen Reihe zum Stendhal Syndrom werden - also zu den körperlichen Symptomen einer Art kultureller Reizüberflutung, benannt nach dem Schriftsteller Stendhal. Aktuell bemüht sich Skarbakka darum, in weiteren Museen und Galerien Aufnahmen inszenieren zu dürfen. 

In Europa wird Skarbakka durch die Fifty One Fine Art Photography im belgischen Antwerpen vertreten. Ab dem 25. Mai wird er in der Kopeikin Gallery seine erste größere Ausstellung in Los Angeles bekommen. Der Titel lautet "Ten Years of Falling". Auch einen Bildband soll es irgendwann geben. "Ich bin nicht wütend, ich bin optimistisch". Denn Krise hin oder her:  Im Netz viralen Erfolg zu haben, wie er es momentan erlebe - in den letzten Wochen wurde er u.a. auf polnischen, französischen und portugiesischen Seiten gezeigt -, das sei doch "wie eine Million kleiner Ausstellungen". 

© Süddeutsche.de/ihe/mkoh/bavo
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