Fotograf Harry Callahan in Hamburg:Körper wie Pflanzen

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Harry Callahan: Eleanor, Chicago, 1951

Harry Callahan: Eleanor, Chicago, 1951: Einer der zahlreichen Rückenakte der lebenslangen Partnerin des Fotografen, der über ihre Persönlichkeit aber fast nichts aussagt.

(Foto: The Estate of Harry Callahan)

Ihm lag allein an abstrakter Anmut: Die zahlreichen Rückenakte, die der Ausnahmefotograf Harry Callahan von seiner Frau aufnahm, sagen beispielsweise wenig über ihre Persönlichkeit aus. Denn es ging dem Fotografen lediglich um die formale Bildkunst, die er genauso mit Pflanzen oder Häusern suchte. Eine Gesamtschau in Hamburg zeigt nun sein strenges Werk.

Von Till Briegleb, Hamburg

Nicht jeder gute Fotograf denkt dauernd nur an das Eine. Harry Callahan schon. In einem Dokumentarfilm, der wenige Jahre vor seinem Tod im Jahr 1999 entstand, erzählt seine Frau Eleanor, dass ihr Mann sie schon mal mitten beim Kochen bat, sich sofort auszuziehen. Das Licht sei gerade so gut. Also entkleidete sie sich, posierte einige Minuten und kehrte dann zurück zum Herd. Denn ihr Mann dachte immer nur an das gute Bild. Und seine "Verrücktheit für die Kamera", wie er es selbst nannte, ging so weit, dass er damit nicht einmal Geld verdienen wollte. Er wollte nicht arbeiten, er wollte einfach nur fotografieren.

Mit dieser Besessenheit war Harry Callahan der Prototyp eines Künstlerfotografen, allerdings zu einer Zeit, als die Bedeutung von Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel in den USA höchstens in New York halbwegs durchgesetzt war. Bis in die achtziger Jahre hinein gab es in Amerika nur drei auf Fotografie spezialisierte Galerien. Wer mit dem Fotoapparat Geld verdienen wollte, tat das entweder als Magazin- oder Werbefotograf oder als Dozent. Callahan entschied sich für die Lehre und vermied es so, Kompromisse zwischen Beruf und Passion eingehen zu müssen.

Das Werk, das aus dieser sechzigjährigen Leidenschaft resultiert, und jetzt in einer großen Überblicksschau mit 280 Bildern in den Hamburger Deichtorhallen gezeigt wird, steht allerdings in einem gewissen Widerspruch zu Callahans Obsession - es sieht überhaupt nicht leidenschaftlich aus.

Die innere Hochspannung dieses Ausnahmefotografen verwandelt sich in seinen Experimenten in abstrakte Anmut. Callahans Sympathie galt den formalen Möglichkeiten der Fotografie weit mehr als den erzählerischen oder dokumentierenden, die dieses Genre eigentlich bestimmen. Und das betrifft selbst die Abbildung seiner intimsten Umgebung, die er schon früh zu einem der wichtigsten Gegenstände seiner fotografischen Betrachtung machte: seine Frau Eleanor.

Ob es sich um die zahlreichen Rückenakte handelt oder um ihre Positionierung als kleine Figur in Stadt- und Naturlandschaften - über die Persönlichkeit seiner lebenslangen Partnerin sagen Callahans Aufnahmen fast nichts aus. Die Ehefrau und später auch ihre gemeinsame Tochter Barbara dienen in den strengen Kompositionen Harry Callahans ebenso der Abstraktion von Körpern wie die Pflanzen oder Häuser, denen er auf seiner Suche nach formaler Bildkunst gleichfalls große Aufmerksamkeit widmete.

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