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Fotograf Eugenio Recuenco:Exzentrische Opulenz

Makellose Models, versetzt in große Posen, dramatische Bildwelten, kunsthistorische Szenen und cineastische Filmzitate: Ist das Kunst oder bessere Modefotografie? Der spanische Fotograf Eugenio Recuenco, derzeit in Berlin ausgestellt, schwebt zwischen den Welten.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

9 Bilder

Eugenio Recuenco

Quelle: 2013 Eugenio Recuenco. All rights reserved.

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Makellose Models, versetzt in große Posen, dramatische Bildwelten, kunsthistorische Szenen und cineastische Filmzitate: Ist das Kunst oder bessere Modefotografie? Der spanische Fotograf Eugenio Recuenco, derzeit in Berlin ausgestellt, schwebt zwischen den Welten.

Eugenio Recuenco ist erfolgreicher Mode- und Werbefotograf - das sieht man gleich. Dazu braucht man die zahlreichen brancheninternen Auszeichnungen des 45-jährigen Spaniers nicht zu kennen, dazu braucht man nicht einmal zu wissen, dass er vielfach für die Vogue und auch schon für die deutsche Band Rammstein herausragende Bilder gemacht hat. Trotzdem ist das gut zu wissen, wenn man seine Einzelausstellung in der Galerie CWC in Berlin besucht. Denn auf den ersten Blick wird der Betrachter von Glanz und Schönheit seiner Bilder fast erschlagen. Man fragt sich: Was macht diese Hochglanz-Werbefotografie in einer Galerie? Erkenntnis liefert erst die Vielschichtigkeit seiner Arbeit.

Im Bild: Orientalism 1, 2009

Eugenio Recuenco

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Auf den ersten Blick haben das arme, aber sehr schicke von blutrünstigen Wölfen bedrohte Rotkäppchen, ...

Eugenio Recuenco

Quelle: 2013 Eugenio Recuenco. All rights reserved.

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... das ebenso arme aber nicht minder makellose Schneewittchen im Sarg, betrauert von einem Kleinwüchsigen ...

Im Bild: Blancanieves, 2005

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... und das ebenfalls arme Aschenputtel im dekadenten Rokoko-Schick vor allem eines gemeinsam: Sie sind umwerfend schön. Auf den zweiten Blick sind auch die gesamten Bildwelten, in denen Recuenco diese Märchen inszeniert, perfekt. Nichts ist dem Zufall überlassen, alles brillant umgesetzt, die Geschichte in nur einem Bild erzählt, die Details und Zutaten extrem reduziert, aber doch so opulent in Szene gesetzt, dass es den Betrachter verzückt. Wunderschöne, romantische, märchenhafte Traumwelten sehen wir in der Galerie CWC in der Auguststraße in Berlin, die dem spanischen Künstler eine Einzelausstellung widmet und ihn mit einem zur Ausstellung erschienenen Katalog als "kommenden Starfotografen" ankündigt. Aber ist das wirklich Kunst? Oder einfach bessere Werbefotografie? Die Märchenbilder sind traumhaft, doch genauso gut könnten Schneewittchens gülden glitzernde Schuhe oder Rotkäppchens Hut in Wahrheit in einem sehr teuren Hochglanzmagazin zum Verkauf stehen, umrahmt von diesen Bildern.

Im Bild: Cinderella, 2005

Eugenio Recuenco

Quelle: 2013 Eugenio Recuenco. All rights reserved.

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Auch viele weitere Bilder in der Ausstellung, etwa "Das Duell" (im Bild), erwecken zunächst den Eindruck, hier sei schlicht ein besonders begabter Modefotograf am Drücker. Szenen wie diese, in denen eine hochnäsige Dame im teuren Beinkleid den Abzug einer Pistole nicht besonders zielgerichtet, sondern möglichst elegant auf ihr männliches Gegenüber richtet, beide beschirmt von vornehmen Dienern, deren Hauptaugenmerk mitnichten auf Leib und Leben ihrer Herrschaften, sondern auf die Unversehrtheit ihrer Kleidung gerichtet ist, würden ebenso in eine aufwändige Modestrecke passen. Ironie und Witz schon mit eingerechnet, sind die einzelnen Bilder trotzdem vor allem: Sehr hübsch, sehr glatt, stark perfektioniert. Und der Überraschungsmoment war jetzt wo genau? Darin begründet, dass es eben doch keine Modefotografie ist? Das wäre zu einfach.

Im Bild: El Duelo, 2008

Eugenio Recuenco

Quelle: 2013 Eugenio Recuenco. All rights reserved.

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Deutlich wird das künstlerische Talent von Recuenco erst, wenn man sein Gesamtwerk betrachtet. Denn er beherrscht eben nicht nur die oberflächlich schöne Fotografie für seine Arbeitgeber GQ oder View. Nachdem er zunächst Bildende Kunst studierte und sich dann der Konsumfotografie zuwendete, hat er sich inzwischen ein so vielschichtiges Werk erarbeitet, dass es mühelos einen spannenden Katalog füllt. Auch darin wird deutlich: Recuenco ist ein Perfektionist, er mag die ganz große Pose, Schönheit, Oper. Doch gleichzeitig bedient er sich an so vielen historischen (im Bild: Abraham Lincoln lässt Dollarscheine wie kleine Flugdinosaurier aus seinen Verstärkerohren schweben), kunstgeschichtlichen (in der Ausstellung hängt mit einem durch Models nachgestellten 18-Meter-Fresko eines griechischen Wandreliefs eine der größten Fotografien der Welt) und cineastischen Anleihen (von David Lynch über Stanley Kubrick bis zu Buster Keaton), dass es geradezu eine Anmaßung wäre. Wenn da nicht der Humor wäre. Recuenco stellt Hitchcocks "Vögel" nach, mit blutleeren Models? Warum denn nicht? Er inszeniert Lempicka neu, nur ein bisschen perfekter, er fotografiert eine Model-Hommage an Picasso, und selbst eins der berühmtesten Bilder der Kunstgeschichte, "Nighthawks", wird durch seine Neubesetzung mit futuristischen Katzenwesen weder alberner, noch nichtiger, sondern ist punktgenau sowohl zeitgemäß als auch zeitlos aktualisiert. Recuenco bedient sich mühelos an allen Traumwelten aus früheren Jahrhunderten und Jahrzehnten, die er zu fassen bekommt - und perfektioniert sie. Das ist in der Tat anmaßend, aber es ist - in der Gesamtschau - im wahrsten Sinne des Wortes phantastisch.

Im Bild: Violin 2, 2009

Eugenio Recuenco

Quelle: 2013 Eugenio Recuenco. All rights reserved.

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Der Künstler entführt den Betrachter in Phantasiewelten, die manchmal erst im Zusammenhang Tiefe erhalten. Auf den ersten Blick aber sind sie alle opulent, bisweilen fast zu schön und glatt. So wie das Bild vom Clown, der den Betrachter mit seinem Modelblick verwirrt. Umgeben von ebenso düster gehaltenen Traumsequenzen aber, auf denen Schiffsbrüchige wunderschön verenden oder sich eine Schönheit wie eine Heilige auf einem Faß inszeniert, während ein Ertrinkender pittoresk um ihre Aufmerksamkeit buhlt oder wenn sich ein Schiffskoch pathetisch mit dem Hackebeil einer Wasserleiche nähert, während nebenan eine sorgsam düster inszenierte "Miss Terious" dreiarmig und doch sehr vornehm zurückhaltend wirkt. Umgeben also von all diesen Anspielungen auf menschliche Tragik wie Ästhetik wird das Gesamtbild rund.

Eugenio Recuenco ist ein Fotograf der exzentrischen, bildgewaltigen Opulenz. Er inszeniert seine Bilder so aufwändig wie ein Theaterstück, so eingängig wie eine eindringliche Filmszene, so perfekt wie eine Modestrecke, so düster wie einen bösen Albtraum, so doppelbödig wie ein kluges Märchen, so smooth wie einen schönen Traum.

Dabei spielt er mit uralten Betrachterebenen von Fotografie, Malerei, Film und Theater. Das erst macht sein Gesamtwerk so umwerfend - nicht deren vorgebliche Glattheit und Ästhetik. Und Recuenco stellt nicht nur nach (so wie die Renaissance-Gemälde-Serie "Orientalism" aus Bild 1, wo er in Ägypten erkannte, dass beim Fotografieren die Landschaft im Hintergrund allein durch die Perspektive wirkte wie auf einem altertümlichen Ölgemälde), sondern er erschafft auch Neues: Selbst wenn er den nackten Unterkörper eines Models auf einem Rolls-Royce platziert, so dass die Kühlerfigur wirkt wie versilberte Eierstöcke, dann ist das nicht billig-provokant. Man fragt sich eher, warum darauf vorher noch niemand gekommen ist. Und auf einem Foto von 2007 scheint dem Betrachter des Models doch glatt Lady Gaga in Stil und Aussehen zu begegnen - obwohl diese sich erst später in diesem Look präsentierte.

Im Bild: Payaso, 2006

Eugenio Recuenco

Quelle: 2013 Eugenio Recuenco. All rights reserved.

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Und so macht am Ende alles Sinn: Eugenio Recuenco ist kein besserer Modefotograf, er ist ein Avantgardist unserer Zeit - und doch so stark in ihr verankert. Dekadenz und Elend, Sehnsucht und im Körperlichen verhaftete Ästhetik - alles verweist zugleich auf Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Und so erklärt sich schlussendlich auch die fast unerträgliche Kitschigkeit der Märchenbilder - und deren Zeitlosigkeit. Kunsthistoriker Matthias Harder formuliert das in der Einleitung zum begleitenden Katalog so:

"Bei vielen Kollegen scheint die Ästhetisierung von Raum und Figur, von Gegenstand und Bühnensituation zum Selbstzweck zu werden. Dies könnten wir zunächst für Recuenco und seine Inszenierungen ebenfalls vermuten, wären da nicht die direkten, intensiven und unausweichlichen Blicke der Protagonisten oder die hintergründigen, abgründigen Nebenszenen, die sich durch das gesamte Werk ziehen. Die Bilder funktionieren diesseits und jenseits der Mode- und Produktwelt, sie bleiben voller Anspielungen und Symbolik. Er vereint Eleganz, Kreativität und Bildwitz in sich." Er spricht von den exzentrischen Visionen gar als dem "großen, autonomen Kino des Eugenio Recuenco".

Im Bild: The Beauty And The Beast 2, 2008

Eugenio Recuenco

Quelle: teNeues 2013/Eugenio Recuenco

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Die Ausstellung ist noch bis zum 16. November in der CWC Gallery zu sehen. Der Katalog (im Bild) ist erschienen bei teNeues (98 Euro).

© SZ.de/pak/lala
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