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Foto-Installation "Gegen das Vergessen":Unter den Augen der Überlebenden

Vor 75 Jahren ermordete die SS in der Schlucht Babij Jar bei Kiew mehr als 30 000 Juden. Der Fotograf Luigi Toscano reiste jahrelang um die Welt, um Überlebende zu porträtieren.

13 Bilder

Gegen das Vergessen - Aleksandr Skljanski

Quelle: Luigi Toscano

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Es war eine Massenexekution der jüdischen Bevölkerung von Kiew, minutiös geplant und kaltblütig durchgeführt - mit Unterstützung der Wehrmacht. Am 29. und 30. September 1941 ermordeten SS-Truppen mehr als 30 000 ukrainische Juden in der Schlucht von Babij Jar bei Kiew. Das Massaker ist die größte einzelne Mordaktion, die von den Deutschen während des Zweiten Weltkrieges an der Ostfront verübt wurde.

Zum 75. Jahrestag treffen sich in der Gedenkstätte Babij Jar internationale Regierungschefs und Politiker zu einem großen Staatsakt, um an die Opfer dieser Tat zu erinnern. Begleitet wird der Staatsakt in Kiew von einer Installation des Mannheimer Fotografen Luigi Toscano. Für sein Projekt "Gegen das Vergessen" traf und porträtierte er Holocaust-Überlebende auf der ganzen Welt. Unter ihnen auch Aleksandr Sklijanskij (Bild), den eine befreundete Familie vor der Erschießung in Babij Jar rettete.

Aleksandr Skljanskij, geboren 1937 in Kiew, Ukraine.

Gegen das Vergessen - Ljubow Kasakowa

Quelle: Luigi Toscano

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Entlang der beiden Hauptwege im Park der Gedenkstätte hat Toscano seine überlebensgroßen Porträts positioniert - eine Allee der Gesichter. "Luigi Toscanos Porträts wirken an einem Ort wie diesem wie still anwesende Zeitzeugen", sagt Frank-Walter Steinmeier, Schirmherr des Projektes. "Hier, in einem Epizentrum der Traumata des 20. Jahrhunderts, hält seine Ausstellung so die Erinnerung an eine Vergangenheit wach, die wir nie vergessen dürfen."

2014 hat der Fotograf "Gegen das Vergessen" in Mannheim gestartet, nun hat die ukrainische Regierung seine Bilder für den Staatsakt in Babij Jar ausgewählt, eine Ausstellung in Auschwitz ist in Planung. Toscanos Projekt zieht immer größere Kreise. Im Grunde möchte er aber einfach zeigen: "Diese Menschen leben noch. Und genau die dürfen wir nicht vergessen." Menschen wie Ljubow Kasakowa (Bild), die der Erschießung in der Schlucht Babij Jar entkam.

Ljubow Kasakowa, geboren 1936 in Kiew, Ukraine.

Gegen das Vergessen - Bar-Tor

Quelle: Luigi Toscano

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Für seine Bilder ist Luigi Toscano weit gereist. Er begann in Deutschland, dann ging es weiter nach Moskau. Später traf er Holocaust-Überlebende in der Ukraine und in den USA. 2015 porträtierte Toscano Bar-Tor (Bild), der 1946 nach Israel ausgewandert war, in Haifa.

Bar-Tor, geboren 1922 in Tarnow, Polen.

Gegen das Vergessen - Susan Cernyak-Spatz

Quelle: Luigi Toscano

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Woher kommt die Idee für solch ein Projekt? Woher der Antrieb, sich auf solch eine Reise zu begeben? Der Nationalsozialismus habe ihn schon immer beschäftigt, sagt Toscano, das Thema sei in der Schulzeit einfach "an ihm kleben geblieben".

Toscano beschreibt sich selbst als Spätberufener. Der Sohn italienischer Gastarbeiter arbeitete als Dachdecker, Türsteher und Fensterputzer, bevor er zur Fotografie fand.

Susan Cernyak-Spatz, geboren 1922 in Wien, Österreich.

Gegen das Vergessen - Alfred Münzer

Quelle: Luigi Toscano

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Toscano will mit seiner Arbeit Leute konfrontieren. Deshalb zeigt er seine Fotos im öffentlichen Raum. "Natürlich ist das meine Art zu protestieren", sagt der Fotograf. Gegen Rassismus, gegen Diskriminierung, gegen rechte Ideologie. "Ich bin kein Typ, der auf der Straße demonstrieren kann, ich provoziere bewusst mit meinen Bildern."

Dabei geht es ihm nicht um die Schuldfrage, in seinen Bilder steckt kein erhobener Zeigefinger. "Ich will nur das Bewusstsein auf die vergangenen Ereignisse lenken", sagt Toscano. Und erinnert sich an einen prägenden Satz, den er während seiner Reise von einer alten Frau hörte: "Luigi, wenn man die Vergangenheit vergisst, ist man dazu verdammt, sie zu wiederholen."

Alfred Münzer, geboren 1941 in Den Haag, Niederlande.

Gegen das Vergessen - Marcel D.

Quelle: Luigi Toscano

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Nationalsozialismus, Holocaust, Verfolgung. Die Geschichte ist präsent in diesem Land, wir begegnen ihr in den Städten, in den Medien. Toscano aber geht noch einen Schritt weiter. Er rückt mit seiner Kamera in die Intimsphäre vor - und eröffnet damit die Geschichten in der Geschichte. Toscano porträtiert Gesichter. Aber eigentlich hört er zu.

Marcel D., geboren 1934 in Drohobycz, Polen.

Gegen das Vergessen - Daliah Miller

Quelle: Luigi Toscano

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Die Porträtierten erzählen Toscano aus ihrem Leben, manche bruchstückhaft, andere ausführlicher. "Ich weiß nicht, ob es an mir und meiner Art liegt, aber die Leute haben sich geöffnet." So wie Daliah Miller (Bild), die den Holocaust überlebte, weil sie als Teil eines Kindertransports zunächst in die Schweiz und dann nach Palästina fliehen konnte. Ihre Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel wurden in Auschwitz ermordet.

Daliah Miller, geboren 1929 in Villingen, Deutschland.

Gegen das Vergessen - Anna Strishkowa

Quelle: Luigi Toscano

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Einen der eindrücklichsten und bewegendsten Momente erlebt Toscano in der Ukraine. Dort trifft er Anna Strishkowa (Bild), die mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert wurde, wo man ihre Eltern unmittelbar nach der Ankunft tötete. Anna selbst wurde als Dreijährige vom KZ-Arzt Dr. Mengele als Versuchskind missbraucht. Toscano erzählt sie, dass sie immer unheimlich große Angst vor Ärzten hatte. Die alte Dame packt den Fotografen am Arm: "Und weißt du, wie ich diese Angst überwunden habe? Ich bin selbst Ärztin geworden."

Man hört die Demut in Toscanos Stimme, wenn er von diesem Erlebnis berichtet: "Anna hat mich getroffen. Nach dem Gespräch musste ich ein paar Zigaretten mehr rauchen."

Anna Strishkowa, geboren in Kiew, Ukraine.

Gegen das Vergessen - Anastasia Tschernikowa

Quelle: Luigi Toscano

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Als Toscano mit seiner Kamera eine alte Frau in einem ukrainischen Dorf besucht, lädt diese gleich ihre ganze Familie ein. Alle versammeln sich im Wohnzimmer und die Frau beginnt zu erzählen. Da merkt Toscano, dass sie gerade zum ersten Mal überhaupt ihre Geschichte mit ihrer Familie teilt.

Er habe viele Menschen getroffen, denen es gut getan habe, sich zu öffnen und zu erzählen, sagt der Fotograf. Auf seinen Reisen begegnet er aber auch traumatisierten Menschen. Menschen, die sich kaum erinnern oder die nicht mehr über die grausamen Erlebnisse der Vergangenheit sprechen möchten. So wie Anastasia Tschernikowa (Bild), die Toscano 2015 in Kiew trifft.

Anastasia Tschernikowa, geboren 1924 - Geburtsort unbekannt.

Gegen das Vergessen - Fritz Glueckstein

Quelle: Luigi Toscano

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"Ich bin dankbar für meine Naivität", sagt Toscano. Vielleicht wäre er ohne sie nie so weit gekommen mit "Gegen das Vergessen". Ganz zu Beginn seines Projektes ruft Toscano einfach bei verschiedenen Institutionen an, stellt seine Idee vor, bittet um Unterstützung.

Ein Mitarbeiter der Gedenkstätte des KZ Sandhofen bei Mannheim findet Toscanos Projekt interessant - und gibt ihm die Möglichkeit, fünf Überlebende zu treffen, die gerade zu Besuch in Stadt sind. Toscano trifft sie in der Hotellobby, erklärt ihnen sein Vorhaben und sie willigen ein.

Fritz Glueckstein, geboren 1927 in Berlin, Deutschland.

Gegen das Vergessen - Andrzej Korczak-Branecki

Quelle: Luigi Toscano

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Mit diesen Fotos beginnt Toscanos Projekt. Die Männer, die zur Zwangsarbeit nach Sandhofen, einem Außenkommando des KZ Natzweiler-Struthof, verschleppt wurden, bestehen darauf, für das Porträt ihre Häftlingsmütze zu tragen. Andrzej Korczak-Branecki (Bild) ist einer von ihnen.

Andrzej Korczak-Branecki, geboren 1930 in Warschau, Polen.

Gegen das Vergessen - Karl Spiller

Quelle: Luigi Toscano

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"Für diese Chance war ich unheimlich dankbar", sagt Toscano heute, "denn nun hatte ich etwas in der Hand, was ich auch zeigen konnte." Der Fotograf fertigt visuelle Skizzen an und gewinnt mehr und mehr Menschen für sein Projekt. In Köln trifft er Karl Spiller (Bild), der während des Krieges Uniformen für die deutsche Luftwaffe schneidern musste.

Karl Spiller, geboren 1923 in Sosnowitz, Polen.

Gegen das Vergessen - Gertrut Roche

Quelle: Luigi Toscano

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Luigi Toscano hat in den vergangenen Jahren 200 Holocaust-Überlebende in der ganzen Welt porträtiert. Er hat eine App ("Lest We Forget") produziert und einen Bildband veröffentlicht. Das Projekt ruhen lassen, das kann und wird der Fotograf nicht. Gerade arbeitet er an einem Dokumentarfilm über die Menschen, die er in den vergangenen Jahren getroffen hat.

"Es öffnet sich eine Tür", sagt Toscano. Immer mehr Menschen melden sich bei ihm, weil sie an seinem Projekt teilhaben wollen. Überlebende aus Weißrussland, aus Südamerika, aus England, aus Italien. Wenn es nach Luigi Toscano ginge, er würde sie alle fotografieren. Und ihre Geschichten hören. Damit man sie nicht vergisst.

Gertrut Roche, geboren 1929 in Konstadt (Wolczyn), Polen.

© SZ.de/doer/jobr

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