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Foto-Ausstellung zu Anders Petersen:Lob des Hässlichen

Exzesse zogen den schwedischen Fotografen Anders Petersen an - und führten zu Werken, die konträrer zur Werbeästhetik nicht sein könnten.

Von Kia Vahland

Warum der Aufwand, maulte einmal ein Pressefotograf, als er die Bilder von Anders Petersen sah. Eine Psychiatrie könne man doch auch in drei Wochen durchfotografieren. Wieso also gleich vier Jahre in solch einer Anstalt verbringen?

So aber arbeitet Petersen. Der 70-Jährige will nicht zu Gast sein im Leben seiner Modelle, er nimmt teil. Will nicht nur verstehen, sondern auch nachempfinden, wie sich diese oder jene Existenz anfühlen mag. Nah ran, noch näher, bis sich im Sucher der analogen Kamera nicht nur alle Runzeln abzeichnen, sondern auch die unerfüllten Wünsche, das mal Zaghafte, mal Verzagte in den Gesichtern der anderen.

Das Ergebnis ist eine Fotografie, wie sie konträrer zur weichgewaschenen Werbeästhetik nicht sein könnte. Immer schwarz-weiß. Oft erst abstoßend, dann entwaffnend in der Direktheit, mit der Petersen seine Figuren zeichnet: den Mann, der sich seinen Hund unter die Kinnlade hält, sodass einen zwei aufgerissene Augenpaare anstarren. Oder die Frau, übernächtigt, die sich am frühen Morgen in einem Restaurant in Soho an eine Tasse Kaffee klammert: Der Tag ist noch zu jung, um den Schrecken in ihren Augen zu bändigen.

Hängende Pobacken, abgegessene Teller

Es sind Exzesse, die Petersen anziehen, cool und glamourös geht es bei ihm nie zu. Gelassen wirkt auf den zweiten Blick nicht einmal der Junge, der barfuß an seiner Motorhaube lehnt und kunstvoll Rauchschwaden in die Luft bläst. Mit hängenden Schultern lässt er sich von seinen Gedanken treiben, ohne aufzublicken.

Eine berückende Retrospektive in München zeigt nun die Arbeiten des Schweden, und sie beginnt gleich in voller Härte, mit den jüngeren Arbeiten. Würde man nur all diese hängenden Pobacken, abgegessenen Teller, fauchenden Katzen sehen, grobkörnige Bilder voller harter Schattenwürfe, dann könnte man meinen, es mit einem abgeklärten, zynischen Liebhaber der Groteske zu tun zu haben. Zumal die Bilder zwar im ersten Saal noch luftig an der Wand haften, mit Reißzwecken befestigt, dann aber eng an eng hinter Glas kleben: Gravitätisch kommt die dunkel gerahmte Tristesse daher.

Petersen mag sie wirklich, die Randfiguren einer saturierten Gesellschaft

Wer aber durchhält bis zu den lockerer gehängten Bildern in den hinteren Räumen, dem erschließt sich dieses Stakkato der Hässlichkeit. Petersen nämlich ekelt sich nicht, er mag sie wirklich, die Randfiguren einer saturierten Gesellschaft. Wie ein Freund ist ihm der Alte vertraut, der selig lächelnd auf dem Sofa unter seinem Hirschgemälde döst; der Getriebene, dessen einziger Halt die Fesseln am Krankenbett der Psychiatrie sind; oder der Inhaftierte, der den Fotografen in sein trübes Badewasser blicken lässt.

Und dann ist da noch Petersens Jugendwerk, das ihm selbst inzwischen zu freundlich und harmlos vorkommt - und doch einfach nur ein bisschen hoffnungsvoller wirkt als die späteren Bilder vom Drogenelend und anderen misslichen Schicksalen. Damals, als Fotoschüler um 1970 herum, zog er über die Hamburger Reeperbahn und versackte immer wieder im Café Lehmitz - kein professionelles Stripperlokal, sondern eine dieser Kiezkneipen für kleine Leute. Angeblich ließ Petersen einmal, als er zur Toilette ging, die Kamera auf dem Tresen liegen, und die Gäste machten davon Gebrauch.

Nicht mehr dokumentarisch, sondern subjektiv bis sentimental

Von nun an fotografierte er regelmäßig die Tiefe der Nacht in diesem Lokal: die entblößten Brüste der dicken Betrunkenen mit Matrosenkäppi, die brüllenden Hafenjungs, den prüfenden Blick einer Frau im ordentlichen Stickkleid, die sich die Haare hinter das Ohr streicht. Zart sind diese Bilder, unverstellt und voller Begeisterung für die Lebenskraft, die auch im Suff ihren Weg findet. Wie sehr der junge Schwede sich damals diesem Milieu verbunden gefühlt haben muss, beweist seine erste Ausstellung: Nicht an eine Galerie oder einen Kunstverein wandte er sich, und zum Verkauf stand auch nichts. Die Bilder der Gäste vom Café Lehmitz hingen damals ebendort, in der Zufluchtsstätte der Porträtierten. Petersen hatte sie nur mit Nadeln an die Wand gepinnt, und jeder durfte mitnehmen, was ihm gefiel. Nach vier Tagen war alles weg.

Natürlich war Petersen nicht der Einzige, der seit den späten Sechzigern nicht mehr dokumentarisch arbeitete, sondern subjektiv bis sentimental teilhatte am Geschehen. Schon sein Lehrer Christer Strömholm hatte einen Sinn für Nähe. Auch Ed van der Elsken oder Nan Goldin gehören zu den Seelenverwandten. "Räudige Hunde" nennt der kundige Katalog diese Gruppe der Lebenssüchtigen, die um jeden Preis der Starre bürgerlicher Scheinsicherheiten zu entkommen sucht.

Petersen aber hat seine eigene Stimme in dieser Bewegung; sie kann bellen wie die Köter vor seiner Linse oder andächtig schweigen wie eine mit Plastikkette herausgeputzte Zuschauerin im Lehmitz.

Anders Petersen. Stadtmuseum München, bis 28. Juni, Katalog (Schirmer/Mosel): 49,80 Euro.

© SZ vom 21.04.2015/ebri

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