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Foto-Ausstellung:Jeder hat ein Gesicht

Mit der Kamera gegen Armut und Rassismus: Eine Berliner Schau zeigt das Werk des amerikanischen Modefotografen und Chronisten der Bürgerrechtsbewegung Gordon Parks.

Wahl der Waffen" ist ein gefährlicher, fast raunender Buch-Titel, zumal für eine Autobiografie. Aber die Kamera, so stellte Gordon Parks einmal rückblickend fest, sei für ihn immer seine "Waffe gegen Armut und Rassismus" gewesen. Eine schöne Metapher, eine, an der etwas nicht stimmt, etwas Entscheidendes. Denn ein schwarzer Junge, der wie Gordon Parks im Jahr 1912 in Fort Scott geboren wird, also genau an der Grenze zum rassistischen Süden der USA, der hat keine Wahl. Nicht einmal was die Waffen angeht.

Als dem 16-Jährigen die Mutter stirbt und die Familie ihn rauswirft, da geht es nur ums Durchkommen. Gordon Parks lebt auf der Straße, schlägt sich als Handlanger durch, findet irgendwann eine Stelle als Speisewagenkellner. Einmal lässt ein Mann etwas auf dem Platz liegen und Parks entdeckt seine Waffe: Es sind Fotografien in dem Magazin Life, die Bildstrecke der Farm Security Administration (FSA), die in den Dreißiger Jahren Fotografen wie Dorothea Lange und Walker Evans losschickte, das Land mit der Kamera zu erkunden. Und Parks, selbst bitterarm, ist fasziniert von diesen Bildern. Obwohl sie ein ihm wohl bekanntes Elend zeigen, rufen sie in ihm Mitgefühl hervor. Er beschließt, Fotograf zu werden und kauft sich eine gebrauchte Kamera. Schon den Laborgehilfen, die seine Bilder entwickeln, fällt deren Qualität auf.

Parks' Bilder helfen den Afroamerikanern, die Hoheit über das eigene Bild zu gewinnen

Ende der dreißiger Jahre arbeitete Parks dann schon für Zeitungen, setzte Damenmode in Szene und wurde, nachdem er ein Stipendium zur Förderung afroamerikanischer Kunst erhalten hatte, tatsächlich von Roy Stryker, dem Leiter der Dokumentationsabteilung der FSA, verpflichtet, als deren einziges afroamerikanisches Mitglied. Was nicht bedeutete, dass die FSA keine Schwarzen anstellte - direkt vor dem Büro von Stryker arbeitete beispielsweise Ella Watson. Sie putzte. Die Kamera von Gordon Parks sollte die abgearbeitete Frau, eine Großmutter, die allein ihre Familie durchbrachte, in eine Ikone verwandeln. Er fotografierte sie vor dem Sternenbanner. Mop in der einen Hand, Besen in der anderen. Die Pose kennt jeder Amerikaner, Parks zitierte spontan "American Gothic", dieses Urbild von weißem Siedlerstolz. "American Gothic. Washington, D.C." (1942) schien allerdings sogar Stryker so brisant, dass er sich weigerte, das Bild zu veröffentlichen. Aber zeigt es wirklich nur Wut und Armut und Rassismus? In dem ganzen uramerikanischen Unheil dieses Lebens wirkt das Gesicht von Ella Watson anmutig und würdevoll, allenfalls befremdet.

Parks, dessen Werk von diesem Wochenende an in Berlin in der umfangreichen Retrospektive "Gordon Parks. Selected Works 1942-1978" mit mehr als 150 Fotografien und Filmen gezeigt wird, gilt heute als einer der einflussreichsten und bedeutendsten Fotografen seiner Zeit. Und es ist nicht ohne Ironie, dass eine seiner berühmtesten Bildstrecken, "Harlem ist nirgendwo", zeigt, wie sich Jugendliche Anfang der Vierziger Jahre in Harlem prügeln. Rechte Faust. Linke Faust. Eine Wahl der Waffen? Haben nicht alle.

Parks jedoch hatte nun tatsächlich die Wahl. Denn nicht nur schwarze Magazine wie Ebony, sondern auch weiße Mainstream Medien wie die amerikanische Vogue verpflichteten Anfang der Fünfziger Jahre den Bildreporter. Parks war wieder der erste und lange Zeit einzige Schwarze, als er in Paris gleißendes Licht auf platinhell toupierte Models setzte. Gibt es eine Verbindung zwischen diesem Glamour und den Nachtaufnahmen von Kriminalität und Armut, nur ein paar Straßen weiter? Sicher nicht. Aber Parks außergewöhnlicher Sinn für Schönheit wird den Afroamerikanern helfen, die Hoheit über das eigene Bild zu gewinnen. Weil sie bei ihm nicht länger aussehen wie die Miserablen, die Elenden. Nicht die schwarze Mutter und ihr Baby im Rüschenkleid und auch die Mädchen nicht, die sich vor einem Zaun drängeln, der sie - weil sie schwarz sind - vom Spielplatz fernhält.

Es ist bezeichnend, dass Roberto Rossellini und Ingrid Bergman Gordon Parks zu Hilfe riefen, als sie sich auf der Vulkaninsel Stromboli versteckten. Bergman hatte Mann und Kinder in den USA verlassen, Hollywood verstieß sie, sogar der Senat prangerte sie an. Das Paar wollte dem Skandal ins Gesicht blicken - von einem Foto von Gordon Parks aus. Der zeigte dann die einsame, traurige Schönheit von "Ingrid Bergman auf Stromboli" (1949) vor schwarzgekleideten Katholikinnen.

Life, das damals bedeutendste Magazin überhaupt, nahm Parks fest unter Vertrag. Und es gibt kaum einen Bildreporter, der im Zwanzigsten Jahrhundert so ausdauernd zwischen den Polen Glamour und Elend unterwegs war, weltweit. Parks begleitet Malcolm X und Duke Ellington und Muhammed Ali. Und als Martin Luther King Jr. in Washington sein "I have a dream" formuliert, sind es seine Fotos, die nicht nur zeigen, dass es viele sind, die marschieren - sondern auch, dass jeder einzelne von ihnen ein Gesicht mitbringt.

Kaum einer hat mit der Kamera so zielgenau hantiert wie Parks. Dass er als Meister seines Metiers die Waffen noch einmal wechseln würde, beweist vor allem, wie zutiefst politisch dieser Künstler war. Parks hatte erkannt, dass der Film sich zu dem entscheidenden Massenmedium entwickelte und drehte zunächst kurze experimentelle Dokumentationen, bevor er als erster schwarzer Regisseur den Film "Shaft" machte. Die Berliner Ausstellung deutet vorsichtig an, dass Parks' Fotografien aus der Halbwelt, die Ausblicke aus leeren Fensterhöhlen schon die Einstellungen des Filmemachers Parks vorweg nehmen. Aber es ist nicht zu leugnen, dass eines der bedeutendsten Oeuvres der Fotografie Ende der Siebziger abbricht, als Gordon Parks, der erst im Jahr 2006 sterben wird, seine Revolver aus der Hand legt und die Dolly besteigt, auf der die Filmkamera montiert ist wie ein träges und schweres Geschütz.

"Gordon Parks. I am You. Selected Works 1942 - 1978" bis 4.12. in der C/O Berlin Foundation. Ab 8.2.2017 im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung München. Katalog (Steidl): 40 Euro.