Foto-Ausstellung in Wien Gedankengebinde

Zu viel Sinn kann auch attraktiv sein: Eine eindrucksvolle Schau belegt, wie die Fotografin Annette Kelm mit ihren Bildern die Konzeptkunst neu definiert.

Von Catrin Lorch

Zunächst ist da dieser Kontrast, der den Blick fesselt: Das zart gemaserte Druckbild in hellem Lila, das sich deutlich absetzt vom kräftigen Rautenmuster in Blau und Schwarz. Und dann fragt man sich, wer eigentlich den Geldschein so nachlässig unter ein Gummiband geklemmt hat. Ob die Note überhaupt echt ist, so flach und verwaschen wie der Druck wirkt? "500 Euro", eine Arbeit der Künstlerin Annette Kelm, ist ein eigentümliches Motiv. Genau betrachtet fällt es in die Kategorie Stillleben - wie auch ihr ein Jahr zuvor entstandenes "Still Life with Spring", dessen Titel vom Arrangement her mehr als erfüllt wird. Einerseits ist dieses Bild mit der Vase voller Pfingstrosen frühlingsbunt, andererseits ist aber auch die Metallspirale - auf englisch "spring" - dahinter unübersehbar.

Mal sieht es mehr nach einem entzifferbaren Sprachbild aus, dann wieder wirken ihre Bilder völlig verrätselt: Annette Kelms "Still Life with Spring" (2017).

(Foto: Annette Kelm, König Galerie, Berlin, Andrew Kreps, Gallery, New York und Gió Marconi, Mailand)

"Annette Kelm. Tomato Target" ist die Ausstellung in der Kunsthalle Wien betitelt, die das Werk der im Jahr 1975 in Stuttgart geborenen Künstlerin aufschlüsselt. Für die Schau wurden vor allem Aufnahmen ausgewählt, die aus der Welt des Designs stammen, dabei allerdings subtil verfremdet wirken. Obwohl die Fotografin international mit zahlreichen Preisen, Ankäufen und Auszeichnungen geehrt wurde, ist sie in Deutschland noch wenig bekannt, was allerdings kaum an ihrer Motivik liegen kann: Sie fotografiert neben bunten Vasen, Blumen und Geldscheinen auch neobarocke Stoffmuster oder Gebrauchsgegenstände aus Kunststoff, Blumen, Cowboys und porträtiert andere Künstler. Ihre Fotografien sind eher mittelgroß, selten höher oder breiter als einen Meter, von enormer Detailschärfe und einer fast unzeitgemäßen Perfektion. Annette Kelm arbeitet nämlich mit Mittel- und Großformatkameras und stellt die großformatigen Abzüge von Hand her.

Doch was dokumentiert eigentlich ein Motiv wie "500 Euro"? Es ist doch vielmehr ein Paradox, das die Idee eines Stilllebens dekonstruiert. Aus der traditionellen Kombination von Gegenständen in einem Bild wird, weil es sich um zweidimensionale Objekte handelt, fast eine Collage. Allein der Gummiring hält die Inszenierung zusammen und verweist darauf, dass hier weder mit Schere noch mit digitalen Bildbearbeitungsprogrammen gearbeitet wurde.

Annette Kelms Arbeiten "500 Euro" (2018).

(Foto: Annette Kelm und König Galerie, Berlin)

Auch die vier mit "Latzhose" betitelten Fotografien, für die eine rosafarbene Latzhose in immer neuen Positionen ausgebreitet wurde, scheinen konzeptuell auf etwas zu verweisen, wirken aber nicht leicht zugänglich. Erst das Zusammenspiel mit anderen Werken befördert die Ausdruckskraft der die vier enigmatischen Bilder. Einerseits, weil direkt daneben Aufnahmen von Vitrinen hängen, in denen lilafarbene Latzhosen auf die Geschichte der Frauenbewegung verweisen, zusammen mit Langspielplatten und Magazinen. Die Glaskästen aus dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg und aus dem Deutschen Historischen Museum in Berlin wirken dabei befremdlich ähnlich, fast wie zwei Schaufenster desselben Modelabels. Das Bild eines Jacquard-Webstuhls aus dem Deutschen Museum in München öffnet dann ikonografisch wieder einen anderen Zusammenhang: Der Webstuhl aus glänzenden, dunklen Holzbalken gilt als erster Beleg für die Mechanisierung, die einen ganzen Berufszweig fast aussterben ließ. Andererseits inspirierte das Lochkartensystem dieses Webstuhls die Wissenschaftlerin Ada Lovelace beim Schreiben der ersten Programmiersprache. Es sind Vorarbeiten zum Digitalzeitalter, das heute nahezu das gesamte Berufsleben mindestens so verändert, wie es die Epoche der Industrialisierung tat.

Die konzeptuelle Fotografie holt hier erzählerisch weit aus, der Kurator Nicolaus Schafhausen schreibt in seinem Essay von einem "Überschuss an Sinn", der sich schwer fassen lasse: "Die Zeichen und Motive sind absolut lesbar, aber was sie erzählen wollen, bleibt häufig bewusst offen." Im gedimmten Licht der Ausstellungshalle, die spärlich mit Wänden möbliert ist, sind die Serien und Einzelmotive auf Sichtachsen gehängt. Im Halbdunkel erinnern die dokumentarischen Motive sanft angestrahlt an Leuchtkästen, die Stillleben entfalten eine fast irre Präsenz.

Die Fotografie der Annette Kelm, das wird in Wien sichtbar, bezieht sich nicht nur auf Kunstgeschichte, sondern auch auf Ökonomie, die Wissensgesellschaft und Industriekultur. So knüpft die Künstlerin an das Werk der Generation von Allan Sekula, Harun Farocki oder Christopher Williams an. Doch hat sich dieses Werk von dem Gedanken verabschiedet, dass konzeptuelle Kunst karg, zeichenhaft und zurückgenommen auftritt - die Fotografien sind strahlend bunt, bestechend attraktiv, großformatig und wagemutig.

Annette Kelm. Tomato Target bis zum 24. März in der Kunsthalle Wien. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.