bedeckt München

Foster Wallace: "Infinite Jest":Jäger des verlorenen Wortschatzes

Das wirklich Große an dem Buch kristallisiert sich aber in einem Satz, den Wallace seinem Helden Hal Incandenza in den Mund legt, nämlich "dass das, was sich als hippe zynische Transzendenz des Gefühls gibt - , in Wahrheit Furcht vor dem echten Menschsein ist".

"Infinite Jest" war mit den Mitteln des postmodernen Erzählens ein Generalangriff auf die läppische postmoderne Ironie, den hochglanzverspiegelten Nihilismus, Wallace ging es tatsächlich ums "echte Menschsein". Er wollte die total medialisierte Welt abbilden, ohne aber dünnsuppige Popaffirmation zu servieren. Jetzt ist er tot, er hat sich erhängt am vergangenen Freitag.

Als am Wochenende die Nachricht kam, riefen verschiedene Anglisten und Kollegen bei Blumenbach an, um zu kondolieren. Blumenbach blockte immer ab, er habe Wallace ja gar nicht gekannt. Helge Malchow hatte zu Beginn mehrfach versucht, einen Kontakt herzustellen, ergebnislos. Und da es das Gerücht gab, dass Wallace sich seiner spanischen Übersetzerin gegenüber arrogant benommen hätte, hat es Blumenbach dann auch nicht selbst noch einmal versucht. Weshalb er His Master's Voice nie selbst gehört hat.

Medizin, Mathe, Mensch-Ärgere-Dich-Nicht

So mussten eben andere helfen. Blumenbach druckt im Verlauf des Nachmittags immer wieder Texte aus, als Druckerpapier recycelt er eine alte Version der Übersetzung, die Seiten sind gesprenkelt mit handschriftlichem Verbesserungen in einer rundlichen Kulischrift: "Meine Mutter war Englischlehrerin, mein Vater Arzt, die beiden sind meine ersten Lektoren." Und dann ist da noch der befreundete Mathematiklehrer, der immer ranmuss, wenn Wallace sein exorbitantes mathematisches Wissen auspackt und über die Schönheit der Infinitesimalrechnung oder die zykloide Bewegung einer abgebrochenen Türklinke auf dem Boden schreibt.

Zyklowienochmal? Blumenbach holt aus dem Kinderzimmer eine Spielekiste, nimmt ein blaues Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Männchen heraus, malt auf dessen Unterseite einen Punkt, legt die Figur hin und lässt sie um sich selbst drehen. "Sehen Sie? Zykloid, weil sich's dreht. Und im Raum, weil sich die ganze Figur um sich selber dreht." Wenn man dieses winzige Männchen zwischen all den Büchern so zykloidisch vor sich hin kreiseln sieht, kann man verstehen, dass es fünf Jahre dauerte.

Mensch ärgere Dich nicht. Übersetzen ist selbst eine Art zykloide Bewegung, immer neu den Text durchgehen, vier bis sechs Arbeitsgänge insgesamt, immer neu abbiegen in andere Wissensstollen und Sprachspiele. Für die Tennispassagen hat Blumenbach tagelang Spiele von Roger Federer angeschaut, mit Notizblock und Stift in der Hand, aber während die meisten anderen Zuschauer die Kommentare nur wahrnahmen wie die Bandenwerbung, als diffuse Hintergrundstrahlung, war es bei Blumenbach umgekehrt, da bewegten sich zwei kleine Spielfiguren auf dem Rasen herum, während er gierig den Kommentaren der Sportreporter lauschte.

Lesen Sie auf Seite Drei, warum Blumenbach gerne einmal den Duden lesen würde.