Foster, Gibson und Kaurismäki in Cannes Selbst die Nutten sorgen füreinander

Der Biber gibt allen, was sie wollen - und treibt sie letztlich doch genauso zum Wahnsinn wie die Depression. Es geht um einen Läuterungsprozess, Walter muss sich selbst ungeheuer wehtun, um wieder fühlen zu können. Das ist, obwohl sehr konventionell gemacht, ziemlich strange, weil Foster die Geschichte nicht etwa als Komödie, sondern als akribisch ernsthaftes Familiendrama erzählt.

Aber was Mel Gibson da abliefert, mit dem absoluten Willen zur Selbstentblößung, muss einen von den Socken hauen. Walter ist so ziemlich die einzige vorstellbare Rolle, mit der der aus eigener Kraft in Ungnade gefallene Mel Gibson sich wieder in die Öffentlichkeit wagen konnte. Er kriecht sozusagen auf der Leinwand zu Kreuze.

Man konnte seiner Selbstdemontage schon im Kino zuschauen, bevor er sich dann mit häuslichen Skandalen und antisemitischen Bemerkungen unmöglich machte: Das zerstörte Gesicht in "The Man Without a Face", seiner ersten Regie, die Szene, wenn er sich eine Damenstrumpfhose anzieht in "Was Frauen wollen", das Stützkorsett in "Million Dollar Hotel" - in seinen Rollen hat Gibson alles getan, um das Image des Sexiest Man Alive zu zerstören. Warum also sollte er nicht in einer Filmrolle um Vergebung bitten?

Vielleicht ist das der schlechte Scherz des Schicksals, den dieser Mann nicht aushält - dass er nur noch als Figur, in der Wahrnehmung anderer existiert und es den echten, privaten Mel Gibson nicht mehr gibt.

Man hat bei Fosters Inszenierung aber den Verdacht, dass sie überhaupt keinen Sinn für Humor hat, obwohl vieles grotesk wirkt. Das ist sozusagen das Gegenstück von Aki Kaurismäki, der Komik inszenieren kann, wo eigentlich keine ist.

Schuhputzer mit Künstlervergangenheit

Ein Polizist, der sich von einem geschäftstüchtigen Zeugen eine Ananas aufschwatzen lässt, das ist auf dem Papier noch kein Gag, in einem Film von Kaurismäki aber schon. Er hat "Le Havre", der im Wettbewerb lief, in Frankreich gedreht, aber auch französische Hafenstädte können aussehen wie Helsinki. Ein Schuhputzer mit Künstlervergangenheit lässt sein Leben von seiner Frau regeln - André Wilms und Kati Outinen aus dem Kaurismäki-Ensemble -, und als diese ins Krankenhaus kommt, nimmt er einen kleinen Jungen mit nach Hause, einen illegalen Immigranten, der der Polizei entwischt ist. Eine traumhafte, rührend-komische Vision von holder Eintracht wird daraus.

Der Junge muss zu seiner Mutter nach England geschafft werden, und alle halten zusammen, sogar der Kommissar (Jean-Pierre Daroussin) - mit dem selben Fürsorgereflex, der Cécile de France in "Le gamin au vélo" von den Brüdern Dardenne ein Kind aufnehmen ließ.

Fürsorglichkeit ist der rote Faden dieses Wettbewerbs: Tilda Swinton als Mutter in Lynne Ramsays "We Need to Talk about Kevin" glaubt den Scherbenhaufen verdient zu haben, vor dem sie endet, schuldig zu sein an den Taten ihres Sohnes; der strenge Vater Brad Pitt in Terrence Malicks "The Tree of Life" lebt und zetert letztlich doch nur für seine Kinder, ein wunderschöner Moment, wenn er zärtlich den Fuß seines neugeborenen ersten Sohnes betrachtet; selbst die Nutten in "L'Apollonide" sorgen füreinander.

So viele Filme scheint es im Moment im Weltkino zu geben, deren Schöpfer die Schnauze voll haben von der immergleichen Leier, der Mensch sei halt von Natur aus von Ehrgeiz, Gier und Gewalt bestimmt.

Man kann Malick Banalität vorwerfen, wenn es in seinem Film am Ende heißt, dass man Glück nur in der Liebe findet. Vielleicht ist diese schlichte Erkenntnis aber Altersweisheit, und alles andere ist einfach nur dumm und degeneriert.

Cannes 2011: Uma Thurman

Der sanfte Riese