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Fortbildung:Lernen mit Leidenschaft

Rockmusiker und Geschäftsmann: Max Schlichter im Einsatz für seine Band "Killerpilze".

(Foto: Malte Menken)

"Zeix Dir!" gibt Nachwuchsmusikern Einblicke in die Profiwelt. Max Schlichter, Gitarrist der "Killerpilze", hat das Gratis-Portal aufgebaut

Von Michael Zirnstein

Da müssen die beiden erst mal lachen, und das, obwohl sie in einem offiziellen Schulungsfilm auftreten. "Ganz neue Situation", sagt Max Schlichter in dem Video breit grinsend zu seinem "Bruder im Geiste" auf der anderen Seite des Schreibtischs: Er interviewt Jo Halbig, mit dem er seit 17 Jahren für die Killerpilze im Probenraum, im Studio, auf der Bühne, im eigenen Plattenlabel und bei Videodrehs Seite an Seite steht - aber eben das erste Mal für die Internet-Lernplattform "Zeix Dir!" (www.zeixdir.de). Das Portal hat Schlichter im Auftrag des Bezirks Schwaben aufgebaut, mit einem Etat von 100 000 Euro und dem Ziel, Nachwuchsmusikern einen Einblick in die Profiwelt zu geben und sie vielleicht als Studierende der Berufsfachschule für Musik in Krumbach zu gewinnen.

Auf der hat Schlichter selbst von 2010 an drei Jahre lang alles von Gehörbildung bis Networking studiert, weil er verstehen wollte, was er als Musiker leidenschaftlich tut. "2006 ging es mit den Killerpilzen durch die Decke", erinnert er sich an die Anfänge. Als er und seine Freunde ihren ersten Vertrag beim Plattenriesen Universal bekamen, waren sie keine 18. "Da habe ich mich entschieden, ich werde Musiker von Beruf. Nicht so: Ich bin jetzt in der Bravo und bin Rockstar. Auch für das Umfeld schlägt mein Herz." Man sieht das daran, dass Schlichter längst Bands wie The Legendary aus München oder Eskalation aus Nürnberg berät und ihre Platten in den Weltraum-Studios in Pasing produziert. Zudem ist der Gitarrist Mitinhaber des EMG Musikinstituts in Krumbach, einer Musikschule unweit der Berufsfachschule. "Die Wege sind kurz." Und so kam der Leiter der Musikanten-Schmiede, Jürgen Schwarz, gleich auf seinen ehemaligen Vorzeigeschüler, als es darum ging, sich mit öffentlichen Mitteln ein neues Konzept zur Nachwuchsförderung einfallen zu lassen.

Schlichter machte eine Umfrage unter den EMG-Schülern, was sie gerne lernen würden: "Wie produziert man einen Beat am Computer?", sagten die einen, was im Hip-Hop und in der Electro-Szene gefragt ist. "Wie kann ich mich vermarkten auf Social Media?", hörte er auch oft. Daraus hätte er nun einen Kursplan aufstellen können, wie man es kennt. "Aber der Bezirk Schwaben ist recht groß", sagt Schlichter, und so fragte er sich: Wie kann man auch einen Jugendlichen erreichen, der nicht zum Texter-Workshop nach Krumbach kommen mag, weil gerade Fußballtraining im 80 Kilometer entfernten Aichach ist? Seine Idee: Ein Online-Portal ist immer offen. Das Angebot müsse zudem "hochwertig aufbereitet" werden, dazu holte er seinen Filme machenden Bruder David dazu, der sein Handwerk auch bereits als Teenager erlernte, als er die Killerpilze begleitete.

Am wichtigsten sind für Max Schlichter die Dozenten für die fünf Themenfelder. "Das sind alles meine Kontakte, von denen ich weiß, dass sie menschlich passen und transportieren können, wofür sie stehen." Das prominenteste Vorbild ist Michael Kurth, Hip-Hop-Fans bekannt als Curse. Im Gespräch mit Schlichter gibt der Rapper, Songwriter, Buchautor, "Meditation- und Lebenslehrer" einen Überblick und seine konkreten "Top-3-Tipps" ("Zuhören"; "Umsetzen", "Loslassen") zum kreativen Texten. Beim Philosophieren über Reime, Versformen und Inhalte lässt Curse bisweilen in seine Künstlerseele schauen: "Als ich anfing, war ich 13, ich kam aus einer kleinen Stadt, ich war ein Nichts. Deine Texte sagen: Ich bin da!"

Der direkte Draht zu den Dozenten ist eine Stärke von "Zeix Dir!". Von Kollege zu Kollege, von Freund zu Freund lässt sich Schlichter in mehreren, jeweils aufeinander aufbauenden Kurzfilmen von zehn bis 45 Minuten Länge Berufsbilder und Handwerk erklären: Markus Birkle, Gitarrist von Fanta 4, zeigt, wie man sein Hobby in eine Profikarriere münden lässt. Der Künstlermanager und Verleger Matthias Kranz gibt Rat bei Label-Gründung und Rechteverwertung (Reizwort: Gema). Der Komponist und Produzent Henning Sommer demonstriert, wie man Songs schreibt. Und das ganz praktisch. Anhand seines Remixes von "Listen To Your Heart" der Pop-Größen Roxette erklärt er, wie selbst der Laie zuerst das Sound-Produktionsprogramm "Pro Tools First" gratis aus dem Netz lädt, dann Klick für Klick Beat für Beat setzt. Geld und Vorkenntnisse sind nicht nötig. Und Jo Halbig, 29 Jahre alt und schon 17 Jahre im Geschäft, momentan als Manager und Konzertveranstalter, zeigt am eigenen Beispiel, wie Musiker sich selbst organisieren, vermarkten, vernetzen und finanzieren können. "Wichtig ist, es zusammen zu machen. Finde Leute auf dem Schulhof, die etwas können und dir helfen."

Für Jürgen Schwarz, ist die Gratis-Lern-Plattform "ein echtes Fast-Forward-Projekt, innovativ und zukunftsweisend, als erste Berufsfachschule in Deutschland beschreiten wir damit einen neuen Weg". Wer von dem Angebot inspiriert ist, ist sich Schlichter sicher, der will dann auch Kurse besuchen, die darauf aufbauen, "und sagt sein Fußballtraining ab". Selbst ihm eröffnet das Projekt weitere berufliche Perspektiven: Jederzeit ließen sich neue Themen wie Bühnenperformance einbauen. Und der Titel "Zeix Dir!" ist so offen und nicht auf Pop beschränkt, dass sich das Portal etwa auch mit Malerei oder Fotografie als spartenübergreifende Kreativ-Plattform etablieren könnte.

© SZ vom 09.02.2019
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