Forscher entwickeln Tarnkappe Hokus Pokus Verschwindibus

Harry Potter kann es, der Hobbit Frodo und der blonde Recke Siegfried: Sie können sich unsichtbar machen. Eine kleine Kulturgeschichte des Verschwindens.

Von Willi Winkler

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde und vergaß auch die Menschen nicht. Sie trugen eindeutig seine Handschrift, doch mochte sich der Künstler aus unbekannten Gründen nicht neben seinem umfangreichen Werk zeigen. Vielleicht schämte er sich doch etwas für seine Geschöpfe. Moses erschien er und auch wieder nicht, indem er sich in einen brennenden Dornbusch hüllte. Ein Unsichtbarer wollte er bleiben, gegenwärtig und doch fern.

Ein anderer Gott, Zeus hieß er bei den Griechen und Jupiter bei den Römern, kannte diese Scham nicht, vielmehr suchte er die Nähe der Menschen mit solchem Eifer, dass er sich immer neu verkleiden musste. Als Schwan, als Goldregen, als Adler erschien er bei den Menschen, um Auserwählte zu verführen. Da sind wir fast schon beim Kölner Karneval, der ja auch davon lebt, dass Leute, die übers Jahr als Müllunternehmer und Stadtbaudirektor ihren bekannten Geschäften nachgehen, für ein paar Tage als Engelchen und Teufelchen auftreten können. Traditionell gilt der Fasching und der Karneval als Lizenz zum Fremdgehen: Das alte Ich wird ein ganz anderer, denn es ist ja nicht dieses oder jenes Ich gewesen, sondern die Maske in Blau oder der Herr im Zorro-Kostüm. Wenn es klandestin zugehen muss, wenn rechtmäßige Gatten oder eine misstrauische Öffentlichkeit getäuscht werden sollen, muss die Verkleidung helfen. Falsche Bärte und Perücken finden nicht nur bei Geheimagenten reichliche Verwendung. Am schönsten wär's aber doch, es gäbe eine Tarnkappe.

Wie man hört, ist nun in einem Karlsruher Labor eine solche erfunden worden (siehe unten). Was unter ihr verschwindet, ist allerdings so winzig klein, dass es für das menschliche Auge auch ohne Tarnkappe nicht sichtbar wäre. Riesig war lediglich die Aufregung über das Geschehene, sie reichte weit über die Grenzen des wissenschaftlichen Betriebes hinaus. Und da muss man doch mal fragen dürfen, was die Menschen an diesem konturlosen Zustand der Unsichtbarkeit eigentlich so fasziniert.

Nur mit Vorsicht zu gebrauchen

In der Literatur etwa erleben die Träger von Tarnkappen und -mänteln die tollsten Geschichten. Harry Potter erbt den Tarnumhang seines Vaters, geistert damit durch die dunklen Korridore von Hogwarts und verfügt, nachdem er auch den Zauberstab und den Stein der Auferstehung besitzt, über die absolute Macht, auf die er am Ende doch weise verzichtet. Nur den Umhang behält er; wer weiß, wozu er noch gut sein wird. In Tolkiens Herr der Ringe ist der magische Gegenstand nicht minder zauberhaft, aber nur mit Vorsicht zu gebrauchen: Der Ring lässt seinen Träger unsichtbar werden, tückischerweise lenkt er aber auch die Aufmerksamkeit des Bösen - das Auge Saurons - auf ihn.

Ganz besonders dreist wird die Tarnkappe natürlich im Nibelungenlied eingesetzt. Wer beschreibt die Demütigung der isländischen Königin Brunhilde, die im Glauben, vom burgundischen König Gunther im ehrlichen Wettkampf besiegt worden zu sein, sich diesem zum Weibe gibt - nur um dann festzustellen, dass ihr Gemahl ein Schwächling ist. Das Nibelungenlied beschreibt die Kränkung der starken Frau, und alles Unheil nimmt von dort seinen Lauf. Oder vielmehr von dem blonden Recken Siegfried, der den Nibelungen ihren Schatz abluchst und anschließend dem Zwerg Alberich dessen Tarnkappe.

Unsichtbar steht er Gunther im Wettkampf bei, schleppt den Stein weiter, den Gunther doch nicht weit genug geschleudert hätte und wirft den Speer gegen Brunhilde, die sich schließlich ergeben muss. Zur Belohnung darf Siegfried Gunthers Schwester Kriemhild heiraten. Von der Doppelhochzeitsnacht heißt es beim Dichter "Sivrides kurzewile diu wart vil grozliche guot", während die getäuschte Brunhilde verspätet bemerkt, welchen Versager sie geheiratet hat und sich deshalb verweigert. Gemein, wie sie nun mal ist, schnürt sie ihren Gemahl mit einem Gürtel und hängt ihn an einen Nagel. In der folgenden Nacht ringt Siegfried im Dunkel des Schlafzimmers wiederum mit der ahnungslosen Brunhilde. Das Ganze ist natürlich ein feministischer Albtraum, aber keine Sorge, in einem langgezogenen Akt poetischer Gerechtigkeit müssen dafür später alle Männer sterben.

Den gewöhnlichen Mann, der sich eine Tarnkappe erträumt, bewegen andere Gedanken als die germanischen Heldensagen. Er imaginiert sich als Voyeur, der im Privatleben anderer herumschnuppert, indem er ungesehen durchs Fenster lugt, Gespräche in Hinterzimmern belauscht und sich dann an seinem überlegenen Wissen freut. Die Tarnung nämlich verleiht ihm plötzlich Macht - wie er diese nutzt, ist eine andere Sache.

Wie ein unsichtbarer Schutzengel

Der Unterweltsgott Hades etwa ließ sich von den Kyklopen einen unsichtbar machenden Helm schmieden, mit dem er höchst erfolgreich in den Kampf gegen die Titanen zog. Kein Wunder, dass die Rüstungsindustrie die Fortschritte der Tarnkappen-Forschung aufmerksam verfolgt. Wenn es der richtige Film ist, kann Tarnung aber auch Ausdruck reiner Liebe sein: Patrick Swayze, der inzwischen selber ins Reich der Schatten gewechselt ist, begleitete in dem Film "Ghost" nach seinem plötzlichen Tod seine Frau Demi Moore wie ein unsichtbarer Schutzengel.

Heinrich von Kleist gebührt das Verdienst, die Tarnkappe als Komödienstoff entdeckt zu haben. Zeus, der bekannte Hallodri, schleicht sich in der Abwesenheit des Feldherrn Amphitryon in dessen Schlafzimmer. Um dorthin zu gelangen, bedient er sich eines dialektischen Tricks, auf den nicht einmal Hegel verfallen wäre: Er nimmt die Gestalt des abwesenden Gatten an. Es ist die alte Ehebruchsgeschichte, doch wem sie just passieret, der weiß nicht mehr, wo ihm der Kopf steht.

Mit wem schläft Alkmene denn jetzt - mit Zeus oder mit Amphitryon? Hat sie überhaupt Ehebruch begangen, wenn sie doch glauben muss, es sei ihr Gemahl, der da neben ihr schnarcht? Alkmene wird ihrem Gemahl einen Sohn schenken, den bärenstarken Herakles. Amphitryon bedankt sich recht schön und weiß doch, dass ihm ein Kuckuckskind in die Wiege gelegt wird. Die betrogene und beglückte Alkmene erhält bei Kleist das letzte Wort, mit dem sie sich dem wiedergekehrten Gatten offenbart (aber ist er's überhaupt?): "Ach!" sagt sie, einfach nur "Ach!" - und wünscht sich wahrscheinlich weit weg oder doch wenigstens eine anständige Tarnkappe herbei.