bedeckt München 17°

Formel-1-Chef in "Bild":Max Mosley: Viel Sado-Maso, null Nazi

Sex, Lügen und Videos: Formel-1-Chef Mosley redet über eine omionöse Sex-Party in London - und beendet den Rechtsstreit mit Bild.

Hans-Jürgen Jakobs

So, jetzt wissen es alle. "Sex ist eine sehr seltsame Sache" - aber solange es freiwillig zwischen Erwachsenen geschieht, gehe es niemanden etwas an und sollte von Zeitungen nicht zur Auflagensteigerung benutzt werden. Sado-Maso wiederum ist sehr verbreitet, und etwas "Nazi-mäßiges" hatten weder er noch die fünf assistierenden Damen im Sinn - damals, als sie in London diese Sex-Party feierten, die weltweit Schlagzeilen und juristische Auseinandersetzungen erbrachte.

Max Mosley

Max Mosley geht vor Gericht gegen Europas Presse vor.

(Foto: Foto: dpa)

Jetzt redete Max Mosley, 69, bis Herbst noch Präsident des Autosport-Weltverbands FIA, in jener Zeitung, die er wegen der Fete in London-Chelsea mit Klagen überzogen hatte - in Bild. Mit dem in der Samstagsausgabe des Boulevardblatts erschienen Rieseninterview plus einer Spende des Axel Springer Verlags über 200.000 Euro ist der Schmuddelfall erledigt.

Beim gemeinen Bild-Leser jedoch dürfte nach dem Großinterview, das auf dem Titel ("Formel-1-Boss spricht über Sex-Party") annonciert wurde, das Nachdenken über das Savoir-vivre in Europas besten Kreisen begonnen haben.

Mosley berichtet offen von jener Sado-Maso-Party, in dessen ersten Teil er gedemütigt wurde, und es zu einer "Suche nach Läusen" kam, nicht aber zu einer "Entlausung". Das sei sein "Nazi-Begriff", sagt Mosley, und in der lausigen Szene sei auch nicht Deutsch, sondern nur Englisch gesprochen worden.

Von solcher Qualität sind die Differenzierungen, die eine Sache dementieren, die in der Presse behauptet wurde.

Erst im zweiten Teil der Party, erzählt Mosley weiter, sei Deutsch gesprochen worden. Da war er nicht mehr Opfer, sondern der "schlimme Mann", was immer das heißt. Mit Nazi und KZ aber hatte das alles nichts zu tun, so der Formel-1-Chef. Er sagt dann in aller Klarheit: "Wenn der Gesetzgeber Nazi-Rollenspiele unter Strafe stellen will, soll er das tun. Ich bin dafür."

Von einer Nazi-Sex-Party mit Mosley hatte exklusiv im Frühsommer 2008 das britische Schlüssellochblatt News of the World berichtet; es gab Videos. Weil Uniformen, gestreifte Häftlingskleidung und deutsche Befehle vorkamen, habe die Zeitung vermutet, dass es "Nazi-Sex" gewesen sei, stellt Bild nun im Vorspann zum Mosley-Interview klar: "Auch Bild und andere Medien berichteten in dieser Weise. Nun nimmt der Formel-1-Chef Stellung: Warum die Vorwürfe falsch sind, was auf der Sex-Party wirklich geschah."

"Gute journalistische Lösung"

Falsche Vorwürfe, wirkliches Geschehen - viele deutsche Medien, darunter auch die Süddeutsche Zeitung und sueddeutsche.de, hatten Mosley gegenüber Unterlassungserklärungen abgegeben. Auch der Presserechtsstreit mit Springer ist mit dem ganzseitigen Interview in Bild erledigt. Die außergerichtliche Einigung schloss Mosleys deutsche Anwältin Tanja Irion am Freitag. Ein Springer-Sprecher kommentiert: "Das ist eine journalistisch gute Lösung für uns. Wir waren nicht an einem langen und teuren Rechtsstreit interessiert."

Das Interview führte dann - meist in Deutsch - neben Sport-Redakteurin Dorothea Jantschke auch der für Sonderaufgaben zuständige Nicolaus Fest. Dessen Vater Joachim Fest hat einst das Standardwerk "Hitler. Eine Biographie" geschrieben.

Kompetenz also war vorhanden. Jedenfalls fragen die Gesandten von Bild im Interview munter zu. Mosley verteidigt den Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone ("in politischen Sachen sehr naiv") , der jüngst Hitler ein wenig lobte, sowie seinen Vater Oswald Mosley, der vor dem Zweiten Weltkrieg britischer Faschistenführer war. Er erzählt, dass er in seiner Jugend für die Apartheid demonstriert habe, weil man damals dachte, die Rassen sollten getrennt werden - es aber danach 50 Jahre gut gelaufen sei. Mosely nennt als Beispiel Barack Obama, der "fähig" sei, "ganz klar", und eine "europäische Mutter" und einen "afrikanischen Vater" habe, wie es via Bild heißt - dabei ist Mama Obama eine weiße Amerikanerin aus Wichita im Staat Kansas.

Aber eine solche Ungenauigkeit kann bei sovielen Differenzierungen schon mal passieren.

Zum Schluss des Gesprächs lobt Mosley noch den Formel-1-Rennfahrer Michael Schumacher und sein Comeback: "Er wird großartige Leistungen zeigen, so wie wir es von ihm gewohnt sind. Ein Michael Schumacher kann gar nicht langsam fahren."

Der Rechtsstreit Mosleys mit Bild und Springer, inklusive mehr als 20 Unterlassungsverfügungen und einer Schadensersatzklage über 1,5 Millionen Euro, mag mit diesem stellenweise bizarren Dialog beendet sein. Aber in Straßburg, vor dem Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, will Mosley weiter kämpfen. Der Brite will verhindern, dass die Presse Europas künftig überhaupt über das sexuelle Leben der Bürger schreiben darf und dass die Privatsphäre hier auf jeden Fall zu schützen sei: "Es ist absolut falsch, dass Zeitungen damit Geld verdienen und das Leben von Menschen zerstören."

Auch ein solcher Satz steht einmal in Bild.

© sueddeutsche.de/jja/beu
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema