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Fluchtgeschichte:Der Rücken der Bestie

Hope

Peer Martin: Hope – Es gibt kein zurück. Du kommst an. Oder du stirbst. Mit Vignetten von KIM&HIM. Dressler, Hamburg 2019. 546 Seiten, 20 Euro.

Ein junger Fotograf flieht mit einem sudanesischen Kind von Südafrika nach Kanada.

"Wir haben Angst!" ist in dicken schwarzen Lettern auf rotem Grund zu lesen. Und in etwas kleinerer weißer Schrift knapp darunter: "Und ihr seid immer noch so still." Die Anzeige des Jugendrats der "Generationen Stiftung" in einer Wochenzeitung zeigt deutlich: Deutschlands Jugend sorgt sich. Wie Millionen Jugendliche auf der ganzen Welt. Um Klima und Umwelt, schwindende Ressourcen, globale Vermüllung. Kurz: um die Zukunft des Planeten, auf dem wir leben. Themen, die auch Peer Martin in seinem Jugendroman "Hope - Es gibt kein Zurück. Du kommst an. Oder du stirbst" aufgreift. Darin erzählt er die ebenso dramatische wie emotionale Geschichte einer gefährlichen Flucht.

Ich-Erzähler ist der 19-jährige Mathis aus Kanada, der einen waghalsigen Plan hat: Um als angehender Fotojournalist auf sich aufmerksam zu machen, will er afrikanische Flüchtlinge auf ihrem Weg in die USA begleiten und ihre Erfahrungen auf Fotos festhalten. Als er in Johannesburg auf den elf Jahre alten Somalier Hope trifft, scheint er seine "Story" gefunden zu haben.

So viel vorab: "Hope" ist kein Buch, das man zwischendurch zur Zerstreuung liest. Dazu sind die Informationen über die sozialen und wirtschaftlichen Zustände der Länder, durch die Hope und Mathis ziehen, zu erdrückend. Aber es ist ein spannendes Buch mit authentischen Figuren, deren Flucht auch Motive einer Abenteuerreise hat, die einen Sog entwickeln. Man will einfach wissen, wie es ihnen gelingt, die nächste Etappe auf ihrem Tausende Kilometer langen Weg zu überwinden. Und natürlich will man Hopes wirkliche Geschichte erfahren, die Peer Martin nur nach und nach preisgibt.

Mit gefälschten Papieren reisen Mathis und Hope nach Brasilien, werden mit anderen Flüchtlingen von Schleusern durch den Regenwald geführt - und allein gelassen. Eine Zeit lang leben sie bei einem indigenen Stamm im Amazonasgebiet, ziehen dann über Kolumbien, Panama, Costa Rica, El Salvador, Guatemala und Mexiko weiter bis in die USA und nach Kanada. Immer wieder verfolgt von somalischen Killern, die Hope nach dem Leben trachten. Sie arbeiten auf einer Bananenplantage, geraten zwischen die Fronten rivalisierender Straßengangs, reiten auf dem Rücken von "La Bestia" durch Mexiko, verdursten fast in der texanischen Wüste, verlieren in einem Schneesturm die Orientierung.

Der Weg, den Mathis und Hope nehmen, ist in Europa als alternative Fluchtroute für Afrikaner kaum bekannt - Peer Martin dachte, "jemand muss den Leuten davon erzählen". Wie in seinem Jugendbuchdebüt "Sommer unter schwarzen Flügeln" (Deutschen Jugendliteraturpreis 2016) platziert er zwischen den Kapiteln Doppelseiten mit weiterführenden Informationen, die, parallel zu den Stationen der Flucht, eine Vielfalt von Fakten liefern über die globale Erwärmung und den Klimawandel, Drogen, Krieg und Unterdrückung, Monokulturen und Bandenkriminalität, die oft Folgen des westlichen Lebenswandels sind. (ab 14 Jahre)

Peer Martin: Hope - Es gibt kein Zurück. Du kommst an. Oder du stirbst. Mit Vignetten von KIM&HIM. Dressler, Hamburg 2019. 546 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 03.01.2020
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