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Zum Tod von Florian Schneider-Esleben:Der Roboter, der aus dem muffigen Nachkriegs-Westdeutschland ausbrach

Pioniere bei der Arbeit: Kraftwerk bei einem Auftritt im Januar 2015 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin.

(Foto: John Macdougall/afp)

Mit "Kraftwerk" revolutionierte Florian Schneider-Esleben den deutschen Pop. Ob er mit seiner Musik bereits Anfang der 80er-Jahre vor der heutigen digitalen Überwachungswelt warnte oder von ihr schwärmte, wurde nie ganz klar.

Man muss schon sehr von Technik begeistert sein, um davon zu träumen, dass Computer dem Menschen das Sprechen und Singen abnehmen könnten. Und um für viel Geld eine Musik-Software zu entwickeln, die "Robovox" heißt und die eigene Stimme, sowie die Stimmen der Bandkollegen, digital synthetisiert. Florian Schneider-Esleben war so ein technikbegeisterter Mensch. Als Hälfte der Düsseldorfer Kraftwerk GbR arbeitete er von 1970 bis 2009, das heißt 39 Jahre lang, daran, Popmusik als Rechnermusik in die Zukunft zu befördern. Er erfand dabei auch einen neuen, coolen deutschen Schlagersound.

Geboren wurde Schneider-Esleben im Jahr 1947. Sein Vater, Paul Schneider-Esleben, war ein Star-Architekt in der jungen Bonner Republik. Der Junge kam also aus wohlhabendem Hause und konnte es sich leisten, zehn Jahre lang an der Musikhochschule in Düsseldorf Querflöte zu studieren. Im Sommer 1968 lernte Schneider - auf das Esleben verzichtete er später gern - bei einer Jazz-Akademie in Remscheid Ralf Hütter kennen, beide gründeten im selben Jahr die Organisation zur Verwirklichung gemeinsamer Musikkonzepte, kurz: Organisation, eine Krautrock-Band. Die sorgte in England schon für einiges Aufsehen, aber der Erfolg kam erst, nachdem sie sich 1970 in Kraftwerk umbenannte. Kraftwerk klangen auf ihren ersten Alben noch hippiesk und verkrautet. Schneider spielte da auch noch seine C-Querflöte mit spezieller Elektronik, die den Klang verändern konnte.

Wenn man heute an "Trans Europa Express", "Europa endlos", "Computerwelt", "Radioaktivität", "Das Model" und die vielen anderen Kraftwerk-Hits denkt, hat man aber sofort diesen total futuristischen, super-synthetischen, radikal ornamentfreien Ingenieurs-Pop im Ohr. Musik, die Technik, Mobilität und wohl auch einen Ausbruch aus dem muffigen Nachkriegs-Westdeutschland feierte. Die sogar schon vor der heutigen digitalen Überwachungswelt warnte, oder von ihr schwärmte? So ganz klar wurde das nicht: "Interpol und Deutsche Bank, FBI und Scotland Yard, Flensburg und das BKA haben unsere Daten da" - so sangen Kraftwerk 1981 im Song "Computerwelt".

Wer sich die Bedeutung ihrer Musik von Kraftwerk erklären lassen wollte, wurde oft enttäuscht. Schneider sprach ungern, in den raren Interviews überließ er meist Ralf Hütter das Wort. Der sagte später einmal in einem Interview: "Wir sprachen dieselbe Sprache. Wir waren Einzelgänger, Eigenbrötler. Herr Kling und Herr Klang. Zwei Einzelgänger ergeben einen Doppelgänger."

Alles auch ein bisschen ironisch, natürlich

Später wurden Kraftwerk zu gefeierten Stichwortgebern für die Techno-Kultur und für die Beat-Basteleien des Hip-Hop. David Bowie hingegen war ein sehr früher Fan. Er hörte angeblich Mitte der Siebzigerjahre auf Tour durch Europa in seiner Mercedes-Limousine nur "Wir fahr'n fahr'n fahr'n auf der Autobahn", den Kraftwerk-Song von 1974. "Ihre Musik bestand aus einer Reihe kontrollierter, roboterartiger, extrem überlegter Kompositionen, fast eine Parodie des Minimalismus", schwärmte Bowie. Zusammen mit Brian Eno widmete er auf seinem "Heroes"-Album (1977) Schneider sogar ein Instrumental: "V-2 Schneider" - so betitelt natürlich auch in Anspielung auf Wernher von Braun und dessen V2-Rakete. Da war es wieder: das Bild vom strengen, gefühlskalten, gern auch skrupellosen deutschen Ingenieur. Kraftwerk sahen sich selbst ganz gerne so. Visuell unterstrichen wurde das durch die Anzüge und die strengen Scheitel - eine Optik, die Schneider maßgeblich entwickelt hatte. Alles auch ein bisschen ironisch, natürlich.

Hinter den Kulissen sah es auch weniger streng aus. Karl Bartos, der langjährige Percussionist der Gruppe, berichtet in seiner Autobiografie von gemeinsamen Pool-Partys in Schneiders Haus in Düsseldorf, zu denen alle ihre Freundin mitbrachten. "Wenn sich während dieser lustigen ,Sportfeste' Momente der Nähe ergaben, wirkten sich auch diese absolut positiv auf das Gruppengefühl in unserem kleinen Kreis aus", schreibt Bartos in etwas steifer Sprache, was vermutlich heißen soll: Ja, die Roboter hatten Sex. Wie richtige Popstars.

In den Achtziger- und Neunzigerjahren entschleunigte sich die Produktivität des Kernduos Hütter und Schneider extrem. Sie kauften zwar für ihr Kling-Klang-Studio in Düsseldorf noch jede Menge digitale Geräte, stellten aber nur noch wenig Musik fertig. Vielleicht war einfach die Luft raus - wenn man das sagt, nimmt man dem Werk ja nichts von seiner Bedeutung. 2009 verabschiedete sich Schneider aus der Gruppe, beziehungsweise verschwand er einfach, ohne Erklärung oder Sentimentalität. Seitdem verwaltet Hütter das Kraftwerk-Erbe alleinverantwortlich. Karl Bartos berichtete, Schneider habe bei einem Treffen nach seinem Ausstieg "fröhlich und entspannt gewirkt, auf jeden Fall bedeutend entspannter als während der letzten Jahre in der Band."

Wie auch immer Schneider zuletzt zu Hütter und der von ihm seit einigen Jahren vorangetriebenen Selbst-Musealisieung Kraftwerks stand, ob er solistisch noch an Musik arbeitete, und welcher der beiden Doppelgänger Kling und Klang eigentlich er war - man wird es aus seinem Mund nicht mehr erfahren. Wie Ralf Hütter am Mittwoch mitteilte, ist Florian Schneider im Alter von 73 Jahren nach einer kurzen Krebserkrankung gestorben.

© SZ.de/tmh
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