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Finnische Lyrik:Im Muskel der bebauten Welt

Von Nachtonkeln, Winterwörtern, hüpfenden Herzen und Turmfalken: Eine finnisch-deutsche Gedicht-Anthologie feiert die Sprache. Dankenswerterweise hat sie der Kookbooks Verlag zweisprachig veröffentlicht.

An Mittsommer kommen sie hervor. Aus Untiefen mit rostigen Fässern kann man sie steigen sehen oder aus alten Kommoden. Was die finnische Dichterin Vilja-Tuulia Huotarinen hier besingt, sind die Onkel, die Großstadtonkel etwa oder die Nachtonkel. Doch es könnten ebenso gut die Wörter sein. Sie krabbeln aus dem Schuhschrank und dem Ankleidezimmer - und fast meint man, zugrunde zu gehen "ohne dieses an die Wand geworfene, leuchtende Wort", wie Sanna Karlström schreibt.

Man fühlt sich rasch an das altfinnische Kalevala erinnert, das große Buch zaubernaher Gesänge, in dem es zu Beginn heißt: "Leuchter, halt den Kienspan fest, / dass ich beim Singen seh! / Die Reihe ist ans Singen gekommen, / mein Mund will raunen." Acht leuchtende Sänger versammelt eine finnisch-deutsche Anthologie, die aus einem Workshop hervorgegangen ist. Geraunt wird darin glücklicherweise nicht. Eher schon klopfen die Dichterinnen und Dichter jene "Winterwörter" auf die Seiten, die Matthias Göritz in einem seiner Gedichte beschwört. Während Göritz hier eine "Kranichwelt" entfaltet, dort die Finger ans Fensterglas legt, schickt Vilja-Tuulia Huotarinen in frei schwingenden Zeilen den Onkeln Wanderfalken und Turmfalken hinterher oder collagiert die Leben von Michelle Obama und Julia Roberts.

"Heilig die Explosion des Menschen in lauter Steinsplitter"

Ganz andere "Wundertaten" vollbringt Lassi Hyvärinen. Seine sprachstarken Gedichte wirken, als hätten sich Hugo Ball, Allen Ginsberg und Ernst Jandl beim "himmlischen Ältesten in der Höhe" getroffen, um gemeinsam - "zirp zirp zirp", "mmmmmm" - Texte zu schreiben: "Heilig die Explosion des Menschen in lauter Steinsplitter durch die Wände durch die Lüfte an den Rand des Weltalls". Dort, am Rand des Weltalls, wohnt auch Markku Paasonen und bastelt an wuchtigen Prosagedichten. Bei ihm ist das Leben ganz in der Sprache, voller Assoziationen und versteckter Elemente. Der Sprecher redet, als würde er etwas verstehen, dabei ist sein Haus "eine winzige Zelle der Stadt, im Muskel der bebauten Welt, es muss sich sehr anstrengen, sonst ist es bloß weißer Speck".

Ebenso spannend, wie die leuchtenden Gedichtzellen der jungen finnischen Stimmen zu entdecken, ist es, deutschsprachigen Dichtern zu folgen. Viele der Gedichte kennt man schon aus deren Einzelbänden. Nun aber stehen die Texte in neuen Umgebungen. Und wie jene "kommunizierenden Röhren", die Paasonen einmal erwähnt, gehen die Gedichte untergründig Verbindungen ein. Sabine Schos klangstarke Rhythmen, die mit wissenschaftlichen Redeweisen in die Welt der Tiere eintauchen, schließen sich etwa mit Sanna Karlströms lyrischen "Untersuchungen" kurz. Und Volker Sielaffs "Schönheit des Waldes" zeigt sich "herzverwandt" mit Huotarinens Kindheitsbildern.

"Man kann ihr Grau an der Tür kratzen hören"

Ein Leser, der des Finnischen nicht mächtig ist, kann beim Stöbern in den Originalen "mit hüpfendem Herzen" bestimmte syntaktische Muster aus den gut gemachten Übersetzungen wiedererkennen. Und ebenso kann er sich über Motive und Sprachteilchen freuen, die alle Gedichte des Bandes zusammenhalten. Am Ende kehrt er mit Judith Zanders Bild einer Taube zurück an den Anfang, wo Matthias Göritz seiner Kranichwelt eine Taubenwelt folgen lässt: "Man kann ihr Grau an der Tür kratzen hören."

Matthias Göritz, Vilja-Tuulia Huotarinen u.a: Mehr als Pullover borgen. Gedichte. Finnisch - Deutsch. Aus dem Finnischen von Tanja Küddelsmann, ins Finnische von Jukka-Pekka Pajunen. kookbooks, Berlin 2017, 144 Seiten, 19,90 Euro.