Popkolumne:Weihnachten kommt

Norah Jones - Pressebilder 2021

13 Songs, zu denen sich Kind, Hund und Katze gemeinsam unterm Baum zusammenrollen können: Norah Jones hat jetzt auch ein Weihnachtsalbum.

(Foto: Kar Irlin)

Und zwar mit den dazugehörigen Alben von Norah Jones und Kelly Clarkson. Außerdem: Das Debüt von Billie-Eilish-Bruder Finneas, neue "DJ Kicks" und Haudraufhurra von Frank Carter.

Von Max Fellmann

Doch doch, als Musiker und Schauspieler kann man den Kalifornier Finneas Baird O'Connell schon auch kennen. Vor allem aber halt: als Bruder. Als Produzent. Als Begleiter. Als Sidekick seiner Schwester - genau, Billie Eilish. Man mag es ja irgendwie kaum glauben, dass die beiden ihre Super-Riesen-Über-Hits wirklich im Kinderzimmer zusammengeschraubt haben sollen. Aber es gibt inzwischen eine ganze Reihe von sehr faszinierenden Youtube-Videos, in denen Finneas vorführt, wie er Songs am Computer baut. Und ja, der Mann weiß sehr genau, was er tut.

Popkolumne: undefined

Jetzt erscheint "Optimist" (Universal), tatsächlich sein erstes Solo-Album. Man möchte es trotzdem nicht Debüt nennen, weil Billie Eilish, siehe oben. Und weil er auch solo seit 2014 schon zahllose Songs veröffentlicht hat. Der Unterschied: Wenn seine Schwester nicht dabei ist, mag er es eine ganze Ecke konventioneller. Weniger Elektronik, weniger Geflüster, viel mehr klassischer Pop mit warmen Akkordfolgen und großen Melodiebögen, mal ganz zart, mal mit Mut zur Grandezza. Wer will, kann da schon den Billie-Sound raushören, aber mindestens genauso Ähnlichkeiten zu Rufus Wainwright oder Sufjan Stevens. Das Beeindruckende ist, dass Finneas beides so perfekt kann: spröde/modern und retro/geschmackvoll. Noch dazu schreibt er tolle Texte. Beim schönen "The 90s" möchte man ihn umarmen für Zeilen wie "You could sign me up / for a world without the internet". Keine Frage, der Kerl kann wirklich alles, und einen James-Bond-Titelsong hat er auch schon hinter sich. Darf einem ein bisschen unheimlich sein, oder?

Popkolumne: undefined

Schon Mitte Oktober, höchste Zeit, mal nach den Weihnachtsalben zu sehen. Von Norah Jones hätte man eigentlich seit Jahren eins erwarten können: Ihr Wohnzimmer-Jazzpop klingt ja immer ein bisschen nach einer warmen Tasse Tee am beschlagenen Fenster, auf "I Dream Of Christmas" (Blue Note/Universal) haucht sie jetzt 13 Songs, zu denen sich Kind, Hund und Katze gemeinsam unterm Baum zusammenrollen können. Die Klassiker geht sie, nun ja, arg klassisch an, "White Christmas", "Winter Wonderland", "Run Rudolph Run". Gut tun dazwischen aber ihre eigenen Kompositionen, vor allem das perkussiv dahinpluckernde "Christmas Glow". In die andere Richtung geht Kelly Clarkson mit "When Christmas Comes Around" (Atlantic): die schmissige Variante, American Showbiz, große Bühne, Bläser, Las Vegas, immer mit Blick auf die Mutter der Mutter aller Weihnachts-Hits, Mariah Carey. An deren unzerstörbares "All I Want For Christmas (Is You)" erinnert Clarksons "Christmas Isn't Cancelled (Just You)" geradezu offensiv.

Popkolumne: undefined

Die "DJ Kicks" sind so etwas wie die "Bravo Hits" der Clubmusik. Allerdings werfen die "Bravo Hits" nur einmal im Jahr die Hits der Saison zusammen, die DJ Kicks des Labels !K7 zeigen dagegen jedes Jahr gleich mehrmals, was die besten DJs der Welt so auflegen. Angefangen hat das Mitte der 90er, wurde 1996 sofort riesengroß mit dem Riesenerfolg der "DJ Kicks" von Kruder & Dorfmeister, dann ging's von Downbeat über Nullerjahre-Elektronik ins Kreuz-und-quer der Gegenwart mit Größen wie DJ Koze, Marcel Dettmann oder Mount Kimbie. Jetzt ist das britische Duo Disclosure an der Reihe und mischt, wie zu erwarten, ein dampfiges House- und Dubstep-Set aus bekannten Namen und raren Fundstücken. Aufpeitschend, geradeaus, manchmal ein bisschen angeschrägt. Eine Mischung, wie sie das Duo laut eigenem Bekunden "bei einem verschwitzten Keller-Rave spielen würde". Das geht sehr gut auf, Vorsicht allerdings bei den zwei Stücken, die die beiden exklusiv für diesen Mix produziert haben: Der Bass von "Observer Effect" könnte, über eine starke Anlage abgespielt, eventuell zu Unterleibsbeschwerden führen.

Popkolumne: undefined

Zum Schluss noch ein bisschen Haudraufhurra für die gute Laune. Oder für die schlechte, wie man's nimmt. Punkrock, laut und wütend. Frank Carter And The Rattlesnakes, der Bandname klingt immer noch nach Country-Band, aber weit und breit kein Cowboyhut, sondern britischer Punkrock in der Maschinenversion: E-Gitarren und Drumcomputer. Das neue Album der Band heißt "Sticky" (Awal), Frank Carter singt und wütet gegen alles, was ihn ankotzt, also im Einzelnen und Besonderen, äh: alles. Zu Gast sind zwei Männer, die auch nicht gerade für Sozialoptimismus stehen, Joe Talbot (Idles) und Bobby Gillespie (Primal Scream). Zehn Songs lang wird geschrien und gespuckt und getobt, danach ist Totenstille und die Welt zwar nicht besser, aber wenigstens ein bisschen heiser und verschwitzt. Kleine Fluchten.

Zur SZ-Startseite
Lady Gaga und Tony Bennett (Pressefoto)

SZ Plus"Love for Sale" von Tony Bennett und Lady Gaga
:So long, Tony

Nach der letzten Note ein Knicks und eine Verbeugung: Der an Alzheimer erkrankte Jazzmusiker Tony Bennett verabschiedet sich von seinem Leben als Star. Mit 95 Jahren, seinem letzten Album und Lady Gaga.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB