"Finch" bei Apple TV+:Science-Fiction für Hundeliebhaber

Lesezeit: 3 min

Apple TV+ zeigt 'Finch'

Postapokalyptisches Traumtrio: Finch (Tom Hanks) mit Hund und Roboter.

(Foto: Karen Kuehn/dpa)

Tom Hanks sucht in "Finch" einen Roboter-Babysitter, der sich nach seinem Tod um seinen Vierbeiner kümmern kann. Ist das ein Drama oder eine unfreiwillige Komödie?

Von Nicolas Freund

Es ist ja einer der größten Wünsche vieler kleiner Jungs, einen Hund oder einen Roboter als besten Freund zu haben. Finch Weinberg ist zwar schon ein etwas älterer Junge, aber in dieser Hinsicht trotzdem mehr als gesegnet: Er hat einen Hund und einen Roboter als besten Freund. Finch wurde in dem nach ihm benannten Film auch noch perfekt besetzt, denn er wird gespielt von Tom Hanks. Der hat schon ziemlich viele graue Haare. Aber spätestens seit er in "Big" von 1988 einen Jungen darstellte, der plötzlich im Körper eines erwachsenen Mannes aufwacht, spielt Hanks fast immer Varianten dieser Rolle des Kindes, das im Körper eines Erwachsenen gefangen ist: Männer, die mit staunenden Augen durch die Welt gehen, die meist sehr unschuldig sind und die an der kleinsten Verfehlung leiden, wie sonst nur Königsmörder bei Shakespeare.

Finch leidet nun ganz arg darunter, dass er sich womöglich bald nicht mehr um seinen treuen Hund Goodyear kümmern kann. Denn in der nahen Zukunft hat eine Katastrophe die Erde heimgesucht. Draußen hat es 65 Grad, die Städte Amerikas sind unter einer dicken Sandschicht begraben, fast alles Leben ist vernichtet. Nein, das ist nicht der Klimawandel, der Mensch kann ausnahmsweise nichts für diese Katastrophe. Die Sonne hat sich entschieden, die Erde mit Gamma-Strahlen zu versengen. Finch haust deshalb mit dem Hund in einem unterirdischen Bunker voller Bücher und Technikkrempel zum Basteln. So wie es sich ein großer kleiner Junge eben einrichtet, wenn die Welt ihm alleine gehört. Tagsüber streift er, dick vermummt, um sich vor Strahlung und Hitze zu schützen, durch die Supermarktruinen auf der Suche nach Hundefutter und Dosenpfirsichen. Einen Gang weiter verschrumpeln einstige Supermarktkunden, draußen toben Staubstürme, und wer etwas auf sich hält, baut die Gasmaske selbst. Das abgenutzte Bildarsenal der Postapokalypse zitiert der Film ganz vorbildlich.

So schwer ist die Aufgabe nicht, aber der Roboter ist von dem Hund leider überfordert

Weil Finch die Katastrophe überlebt, aber dennoch eine ordentliche Dosis Strahlung abbekommen hat, baut er einen möglichst menschenähnlichen Roboter, der sich nach seinem Tod, mit dem er sehr bald rechnet, um den armen Goodyear kümmert. Und dieser Roboter nervt irrsinnig. Eigentlich wäre seine Aufgabe machbar, denn der Filmhund schaut traurig, manchmal spielt er, sonst macht er nichts - ein Roboter sollte die Betreuung also durchaus hinbekommen. Nur muss jemand den Drehbuchautoren etwas von "Machine Learning" erzählt haben, also der dem Lernen ähnlichen Methode, mit denen künstliche Intelligenzen heute für ihre Aufgaben trainiert werden. Daraus hat das Autorenduo Craig Luck und Ivor Powell einen Freifahrtschein für Roboterslapstick vor Katastrophenkulisse abgeleitet. Eigentlich eine schöne Idee, denn das Apokalypse-Genre nimmt sich oft selbst viel zu ernst. Nur trägt ein stolpernder Roboter keine zwei Stunden Film, und weil auch der Hund nur lieb gucken darf, muss Tom Hanks den Rest allein stemmen. Schafft er natürlich, spätestens seit er in "Cast Away" nur in Gesellschaft eines bemalten Volleyballs auf einer einsamen Insel überleben musste. Aber Hanks' Schauspielkunst fügen Film und Rolle nichts mehr hinzu.

"Finch" ist bereits die zweite Produktion von und mit Tom Hanks, die nicht den Sprung ins Kino schafft, sondern pandemiebedingt beim Streamingdienst von Apple ausgespielt wird. In dem Weltkriegsdrama "Greyhound", für das Hanks auch das Drehbuch geschrieben hatte, legte er sich als Kapitän eines Kriegsschiffs während des Zweiten Weltkriegs mit deutschen U-Booten an. Das war ein ambitioniertes Filmprojekt, bei dem auch nicht alles funktionierte, das aber etwas wagte. "Finch" geht dagegen in jeder Hinsicht auf Nummer sicher.

Tom Hanks singt unter seinem Helm "American Pie". Was soll er auch sonst machen?

Es irritiert etwas, dass die Katastrophe, die so sehr nach Klimawandel aussieht, im Film betont nicht menschengemacht ist. Klar, in den USA wird so etwas sonst schnell als "politisch" gewertet, und auf eine solche Diskussion möchte sich die Unterhaltungsindustrie vielleicht nicht immer einlassen. Gerade in diesem Fall hätte die Rettung des lieben Hundes, sozusagen des letzten Stücks intakter Natur auf dem Planeten, in Zeiten des Klimawandels aber einen Aspekt bekommen, der über die persönlichen Befindlichkeiten der Hauptfigur hinausgeht.

Immerhin: Der Hund darf wenigstens, anders als die meisten Filmhunde, wirklich ein Hund sein, nicht nur mit Hundeblick, sondern auch mit Hundebedürfnissen und ohne menschliche Eigenschaften, die ihm unterstellt werden. Die bekommt dafür in diesem Film der unheimliche Roboter, in dessen Obhut der arme Hund gegeben wird. So verlässt sich der Film doch etwas zu sehr auf die dramaturgisch ziemlich billige Rettung des Tieres und zwingt dem Zuschauer eine Emotionalität auf, die sich hohl, künstlich und gezwungen anfühlt. Daran kann auch Tom Hanks nichts ändern, und wenn er noch so liebenswert unter seinem Staubschutzhelm "American Pie" mitsingt.

Finch, USA 2021 - Regie: Miguel Sapochnik. Buch: Craig Luck, Ivor Powell. Mit: Tom Hanks. Apple, 115 Minuten.

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