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Finale von "Who is America?":Hab ich dich!

Der Guerilla-Komiker Sacha Baron Cohen (r.) lockt seine Gesprächspartner - und lässt sie sich dann selbst entlarven. So wie hier mit dem Waffenrechts-Aktivisten Philip van Cleave.

(Foto: Sky Atlantic)
  • Zum Staffelfinale seiner Satire-Serie "Who is America?" geht der Komiker Sacha Baron Cohen wider Erwarten nicht die vormalige Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin an, sondern O. J. Simpson.
  • Palin hatte sich noch vor Ausstrahlen der ersten Folge lautstark über Cohens Taktik geärgert. Das legt die Vermutung nahe, dass auch von ihr brisantes Material vorliegt.
  • Dieses verwendet Cohen zum Staffelfinale aber nicht - und lässt Palin sich so selbst entlarven.

Von Jürgen Schmieder

Am Ende sollte Sarah Palin kommen, einst Gouverneurin des US-Bundesstaates Alaska, erfolglose Kandidatin für das Amt der amerikanischen Vizepräsidentin, erfolglose Eignerin des Online-Nachrichtenkanals Sarah Palin Channel. Was genau Sarah Palin derzeit macht, ist nicht bekannt, irgendwas mit Politik und Medien, aber sie polarisiert eben und ist noch immer sehr berühmt, also sollte sie in der letzten Folge der Serie Who Is America? des Guerilla-Komikers und Hab-ich-Dich-Journalisten Sacha Baron Cohen auf dem Pay-TV-Kanal Showtime zu sehen sein, und sie hatte schon vorher darüber gesagt: "Seine Strategie ist widerlich."

Diese Strategie ist bekannt und bewährt aus Formaten wie Da Ali G Show, Borat oder Brüno: Cohen verkleidet sich, in Who Is America? zum Beispiel als Anti-Terrorismus-Experte, Verschwörungstheoretiker oder Milliardär. Er führt Leute an eine Klippe heran, doch er schubst sie nicht. Er wartet, bis sie selbst hinunterspringen. Das ist der Hab-ich-Dich-Moment, den Cohen stets anstrebt und in dem der Zuschauer sich verstört fragt, ob er wirklich gesehen und gehört hat, was er gerade gesehen und gehört hat?

Man könnte Who is America? abtun als Überzeichnung der aktuellen politischen Realität, wenn zum Beispiel der frühere Vizepräsident Dick Cheney auf einem vermeintlichen Folterinstrument unterschreibt, wenn der Waffenlobbyist Philip van Cleaver sagt, dass kleine Kinder "sehr effiziente Soldaten" abgäben, oder wenn ein Schiffsbauer die Spezifikationen für eine Yacht nennt, mit der Menschenhandel und das Töten von Flüchtlingen möglich wäre. Die einzelnen Segmente sind verstörend, sie sind letztlich aber zu belanglos. In ihrer Gesamtheit aber wird die Serie relevant, weil sie amerikanische Realitäten zeigt und auch für Konsequenzen im wahren Leben sorgt.

Sarah Palins Beschwerde legt nah, was passiert sein muss

Jason Spencer zum Beispiel, Abgeordneter aus Georgia, lässt in einer Folge wortwörtlich die Hose runter und stürmt mit nacktem Hinterteil voran auf Cohen in der Rolle eines vermeintlichen israelischen Anti-Terrorismus-Experten zu: Der hatte ihm zuvor beigebracht, dass islamistische Terroristen nichts mehr fürchten würden als die Berührung durch einen nackten Männerpo - weil sie dann als homosexuell gelten würden. Davor hatte sich Spencer bereits recht unbeholfen und stereotyp als asiatischer Tourist ausgegeben, einer Frau mit einem Selfiestick unter die Burka fotografiert, weil das dem Experten zufolge die beste Methode sei um zu überprüfen, ob darunter nicht doch ein männlicher Terrorist steckt. Ein paar Tage nach der Ausstrahlung musste Spencer zurücktreten.

Warum folgt ein in Provokation und Populismus derart geübter Politiker wie Spencer dem Guerilla-Komiker Cohen so weit? Darin liegt die komödiantische Kunst von Cohen, und genau das ist der Unterschied dieser Sendung zu all den Politik-Provokateuren, die Begriffe bewusst einführen, um zu testen, wie weit sie beim Wahlvolk gehen können. Es ist ein rhetorischer Tanz, zwei Schritte über die moralische Grenze hinweg und so viele wie nötig wieder zurück.

Cohen dagegen lockt seine Gesprächspartner, doch dann tritt er zurück und lässt die Leute sich selbst entlarven. Er rät Spencer etwa, beim Angriff eines Terroristen für Aufmerksamkeit zu sorgen, indem er "das N-Wort" ruft. Jeder weiß, was gemeint ist, doch Cohen sagt es nicht. Spencer brüllt ohne explizite Aufforderung: "Nigger! Nigger! Nigger!" Es ist nun kein Herantasten mehr, keine bewusste Grenzüberschreitung, kein rhetorischer Tanz im eigenen Takt. Spencer legt eine formvollendete Arschbombe ins Fettnäpfchen hin, und er kann nicht mehr zurück.

In der am Sonntag ausgestrahlten letzten Folge sollte also Sarah Palin dran sein, als Höhepunkt der Serie zum Finale. Doch sie war nicht zu sehen. Statt dessen sagt Cohen in einem Segment zum ehemaligen Footballstar O.J. Simpson, von dem viele glauben, dass er vor 24 Jahren seine Ehefrau Nicole ermordet habe, als italienischer Playboy verkleidet: "Ich bin auch ein Ladykiller."

Witzig, verstörend, letztlich aber belanglos. Mit dem Verzicht auf Palin aber überzeichnet sich Cohen selbst. Die Leute ahnen, dass sie etwas unfassbar Dummes gesagt haben muss, und sie hat sich selbst entlarvt, indem sie sich vorab derart heftig darüber beschwert hat. Warum sollte man das Material also noch zeigen? Showtime-Programmchef Gary Levine sagte am Wochenende: "Da haben sich Leute vor einen Bus geworfen, der gar nicht in ihre Richtung unterwegs war." Es ist eine Blaupause zum Entlarven von Populisten, und sie sollte viel häufiger angewendet werden.

© SZ vom 28.08.2018/cco
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