Filmwoche:Was zu viel ist

Die Zahl der Neustarts ist über die Jahre stark gestiegen, die der Kinobesucher dagegen gesunken. Woran liegt das?

Von Josef Grübl

Da stehen sie also auf den Bühnen des Mathäser-Kinos oder Prinzregententheaters und erinnern alle ein wenig an Steve Jobs. Beim einstigen Apple-Chef durfte es ja stets ein bisschen mehr sein: "One More Thing" habe er noch, verkündete er bei seinen Produktschauen, und natürlich war diese eine Sache der eigentliche Kracher. Ordentlich krachen soll es auch wieder im Kino, deshalb kommt es bei der Münchner Filmwoche zu einem regelrechten Star-Stau: Während Elyas M'Barek, Til Schweiger, Karoline Herfurth oder Udo Lindenberg in den Kinos Werbung für ihre jüngsten Werke machen, werden Heiner Lauterbach oder die Gang aus den Eberhofer-Krimis im Theater mit Bayerischen Filmpreisen dekoriert. Alle legen sich ins Zeug - Motto: Einen haben wir noch, einen viel größeren Kracher natürlich. Dem "One More Thing"-Prinzip zufolge buhlen immer mehr Filme um die Aufmerksamkeit des Publikums.

Die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) ermittelte, dass 2018 in den Kinos 641 Langfilme erstaufgeführt wurden. Das sind pro Woche ein gutes Dutzend neuer Spiel- und Dokumentarfilme, die gesehen, besprochen und weiterempfohlen werden wollen. Die meisten halten sich nur wenige Tage in den Spielplänen, in der Woche darauf startet bereits das nächste Dutzend. Im vergangenen Jahrzehnt ist die Zahl der Neustarts stark angestiegen, laut SPIO-Statistik um 22 Prozent. Die Gesamtzahl der Besucher bewegt sich in die andere Richtung: Wurden 2009 noch 146 Millionen Kinotickets verkauft, waren es 2018 nur noch 105 Millionen (2019 ging es wieder etwas aufwärts, die finalen Zahlen liegen noch nicht vor.) Dass aber immer mehr Filme von immer weniger Menschen gesehen werden wollen, ist offensichtlich. Doch die Branche übt sich in Zuversicht, so vermeldete der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF) in den ersten Januartagen ein circa 15-prozentiges Zuschauerplus. "Es ließen sich wieder deutlich mehr Besucher von der einzigartigen Atmosphäre im Kino begeistern", behauptet HDF-Chefin Christine Berg. Damit hat sie recht, auch wenn die Steigerung wenigen Blockbustern zu verdanken ist. Zum Jahresende strömte das Publikum in "Die Eiskönigin 2", das finale "Star Wars"-Abenteuer, den Oscar-Favoriten "Joker" oder die deutsche Komödie "Das perfekte Geheimnis". Jeder einzelne dieser Filme erreichte zwischen vier und sechs Millionen Zuschauer - solche Zahlen sind selten geworden.

Für den neuen Chef des Deutschen Filmballs sind sie aber der Beweis für die Attraktivität des Kinos: "Solche Erfolge zeigen, dass die Menschen nach wie vor gern ins Kino gehen - die Qualität der Filme muss eben stimmen", sagt Thomas Negele. Der gebürtige Dachauer stammt aus einer Kinobetreiberfamilie, im Frühjahr 2019 wurde er zum SPIO-Präsidenten gewählt. Damit ist er auch Gastgeber des Deutschen Filmballs, bei einem Telefonat redet der studierte Jurist aber weniger über die Stars, sondern mehr über die Zukunft der Branche. Angesprochen auf die Filmschwemme sagt er, dass derzeit insgesamt viel produziert werde - nicht nur fürs Kino, sondern auch fürs Fernsehen oder für Streaming-Anbieter: "Dieser Boom wird aber irgendwann zu Ende gehen, daher müssen wir langfristig denken." Negele will agieren, nicht nur reagieren, er sieht sich als Weichensteller und Macher. Im Kino gebe es zu wenig herausragende Produktionen, sagt er, viele hätten zu geringe Budgets - sowohl für die Herstellung als auch für die Herausbringung. Und das sehe man ihnen an. Die meisten Menschen kaufen sich aber nur noch zu besonderen Anlässen ein Ticket, Durchschnittsware hat keine Chance. Die Branche müsse sich nach neuen Einnahmequellen und Investoren umsehen, fordert er, auch in Sachen digitale Kundenansprache gebe es dringenden Handlungsbedarf. Damit spricht er ein leidiges Thema an: Die Kinobetreiber und Verleiher müssen mehr kooperieren - bisher hatte man eher den Eindruck, sie würden gegeneinander arbeiten.

Wie aber sieht der Kontakt zum Kunden aus? Ortstermin bei einem profilierten Kinomacher: Matthias Helwig betreibt drei Kinos in Starnberg, Seefeld und Gauting, er wurde mehrfach für sein Programm ausgezeichnet. "Man muss sein Publikum schon sehr genau kennen", sagt er an einem grauen Winternachmittag in Gauting. Dort hat er vor ein paar Jahren ein modernes Filmtheater mit fünf Sälen bauen lassen, dort zeigt er neben aktueller Hollywoodware wie "1917" oder "Knives Out" Filmkunst, Klassiker, Dokumentarfilme, Musiker- und Künstlerporträts, Kinderfilme oder Opernübertragungen. Auch er findet, dass es zu viele Neustarts gibt, sein Job gleicht dem eines Kurators. "Ich suche nicht wahllos aus", sagt Helwig, "ich will ja, dass die Leute wiederkommen."

Filmwoche

Jedes Jahr im Januar darf sich München für ein paar Tage als Filmhauptstadt fühlen. Dann treffen sich die wichtigsten Entscheider der Branche, um das neue Filmjahr einzuläuten. Am Dienstag versprachen zum Auftakt der Filmwoche die Vertreter von Kino- und Verleiher-Verbänden, dass sie enger zusammenarbeiten wollen. In den Tagen darauf ließen sich Kinobetreiber aus ganz Deutschland von Filmverleihern zeigen, was sie 2020 spielen sollen. Und damit sie das auch wirklich machen, schauten bekannte Schauspieler und Regisseure höchstpersönlich vorbei und leisteten Überzeugungsarbeit. An diesem Freitag sind noch mehr Stars beim Bayerischen Filmpreis zu sehen (der BR überträgt die Verleihung im Fernsehen), am Samstag wird beim Deutschen Filmball im Bayerischen Hof weitergefeiert. grü

Marc Gabizon will ebenfalls, dass sie wiederkommen - nicht nur die Besucher, auch die Kinobetreiber: Er ist Geschäftsführer des in München ansässigen Filmverleihs Wild Bunch Germany, zuletzt brachte er Literaturverfilmungen wie "Deutschstunde" oder Kinderfilme wie "Mein Lotta-Leben" heraus. Das wöchentliche Dutzend neuer Filme in den Kinos habe auch etwas mit der technischen Entwicklung zu tun. "Mit der Digitalisierung ist es einfacher geworden, Filme in die Kinos zu bringen", sagt er. Als es noch analoge Filmrollen gab, mussten diese lange vorher bestellt und von Speditionen geliefert werden, heute könne man schneller reagieren und zusätzliche Vorstellungen ins Programm nehmen. Das sieht man den Kinospielplänen an, es sind mehr Dokumentarfilme im Angebot, einige Produzenten bringen ihre Werke im Eigenverleih heraus. "Die Hürden für die Herausbringung sind zwar gesunken", sagt Gabizon, "einen Film sichtbar zu machen, ist aber noch einmal eine andere Sache". Und dann wäre da noch die Sache mit den deutschen Produktionen, die gefördert wurden, vom Film-Fernseh-Fonds Bayern etwa oder dem Medienboard Berlin-Brandenburg. Deren Richtlinien sehen vor, dass ein geförderter Kinofilm auch im Kino laufen muss - unabhängig davon, wie gut oder schlecht er geworden ist. Also bekommen sie Alibi-Starts, genauso wie internationale Filme, denen vertraglich eine Kinoauswertung versprochen wurde. Oder die Erstlingsfilme, für die es eigene Fördertöpfe gibt. Sie alle verstopfen die Programmpläne zusätzlich.

Manchmal gibt es Ausnahmen, der Festivalhit "Systemsprenger" etwa läuft seit Monaten und steht aktuell bei 600 000 Zuschauern. Auch der Kinderfilm "Checker Tobi" hielt sich lange und erreichte knapp 400 000 Besucher. "Der Markt hat sich in den letzten fünf Jahren massiv verändert", sagt Gabizon, "das Mittelfeld dünnt sich immer weiter aus". Selbst Filme mit großen Hollywoodstars gehen im Kino unter - wenn sie Glück haben, werden sie vom Publikum später bei Netflix oder Amazon Prime entdeckt. Das Freizeitverhalten der Menschen hat sich verändert, das erklärt auch die Besuchermillionen für die "Eiskönigin" oder "Das perfekte Geheimnis": Nur noch große Events entwickeln eine Sogwirkung, der Rest geht unter. Oder wie Marc Gabizon sagt: "The Winners take it all."

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