Filmtipp des Tages Gute Seiten, schlechte Seiten

Der junge Autor kann sein Glück nicht fassen. Voller Bewunderung sitzt er dem Lektor gegenüber, der schon Hemingway und Fitzgerald gefördert hat. Als dieser Mann nun auch ihm eröffnet, er wolle sein Buch herausbringen, da fließen Glückstränen über das strahlende Gesicht. Es ist das Gesicht von Jude Law, der in diesem eleganten und intensiven Biopic nicht irgendeinen Schriftsteller spielt, sondern Thomas Wolfe, der sich in nur 38 Lebensjahren in die Weltliteratur schrieb mit seiner ausufernden Wortwucht. Der Lektor, der an ihn glaubt, während andere Verlage ablehnen, ist Maxwell Perkins, ein Mann mit großem Gespür für Talente, für Autoren mit eigener Stimme, mit Relevanz und Mut. Colin Firth verkörpert den ewigen Hutträger mit Souveränität und Geist. 100 Dollar Vorschuss bietet er Wolfe für sein Manuskript - ein Witz im 21. Jahrhundert, eine ordentliche Summe im New York der Zwanzigerjahre. Allerdings, das stellt er gleich zu Beginn und ziemlich trocken fest, allerdings müsse die Geschichte mit einer Länge von mehr als 1000 Seiten gekürzt werden - um 300 Seiten. "Die tausend Seiten einer Freundschaft", so heißt der Film im deutschen Untertitel. Darum geht es im Kern dieser wahren Geschichte: um die große Verbundenheit zweier Männer. Sie sitzen im Zug und diskutieren, sie gehen spazieren und diskutieren, über den Titel des Romans, der Perkins nicht gefällt. Aus "O Lost" wird bekanntlich "Look Homeward, Angel", auf Deutsch: "Schau heimwärts, Engel". "Genius" ist ein Film über die Kunst der Worte und das Büchermachen, über persönliche Dramen und Anfeindungen. Hemingway (Dominic West) lästert über Wolfe, und dessen Geliebte Aline (Nicole Kidman) ist ebenso eifersüchtig wie Perkins Frau Louise (Laura Linney).

Genius - Die tausend Seiten einer Freundschaft, Regie: Michael Grandage, läuft im Arena, Atelier und Museum-Lichtspiele, siehe Liste