Neu in Kino & Streaming:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

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Neu in Kino & Streaming: Zu den Waffen, ihr Frauen im gebärfähigen Alter! Bella Ramsey in "Catherine Called Birdy".

Zu den Waffen, ihr Frauen im gebärfähigen Alter! Bella Ramsey in "Catherine Called Birdy".

(Foto: Alex Bailey/AP)

Bella Ramsey will bei Lena Dunham nicht heiraten, und Michael Thomas als alternder Schlagersänger macht's bei Ulrich Seidl inzwischen für Geld. Die Starts der Woche in Kürze.

Alles über Martin Suter. Ausser die Wahrheit

Fritz Göttler: Er trägt meistens dunklen Anzug und Krawatte, die Haare hängen ein wenig lang im Nacken, das ergibt eine Eleganz, die überall ganz natürlich wirkt, ob in dem Keller, wo er einst als Kind Karl May gelesen hat, oder in den Gassen von Marrakesch. André Schäfer gibt Martin Suter, dem Schweizer Erfolgsautor, viele verschiedene Räume, um über sein Leben und sein Schreiben zu reflektieren, mit dem angenehm phlegmatischen Ton in der Stimme, den man auch beim Lesen seiner Romane spürt. Passagen aus diesen Romanen werden naiv verbildlicht, der Autor guckt selber dabei als Unbeteiligter von draußen zu: "Die Fantasie stimmt ja mehr als die Realität."

Catherine Called Birdy

Annett Scheffel: Ein familienfreundlicher Kostümfilm, wer hätte das von Lena Dunham erwartet? Die Regisseurin und Drehbuchautorin, bekannt für ihre ironische Millennial-Nabelschau-Serie "Girls", verlässt bekanntes Terrain - aber nur ein bisschen. Ihre Adaption des gleichnamigen Jugendromans von Karen Cushman folgt der 14-jährigen, mittelalterlichen Titelheldin (mit unbändiger Energie gespielt von "Game of Thrones"-Star Bella Ramsey) bei ihrem trotzigen Kampf gegen heiratswillige Verehrer. Eine historische Coming-of-Age-Komödie, liebevoll und modern inszeniert, mit spitzem Humor und einem erfrischenden Blick auf die Rolle von Frauen im 13. Jahrhundert.

Horizont

Philipp Stadelmaier: Die 18-jährige Adja (Tracy Gotoas) aus der Pariser Banlieue verliebt sich in einen autonomen Klimaaktivisten und wird selbst in der Bewegung aktiv, während ihr Bruder und ihre beste Freundin andere Lebensentwürfe haben. Die ökologischen Diskurse in Émilie Carpentiers Jugendfilm sind arg hölzern und demonstrativ. Dafür darf die schwarze Hauptfigur eines französischen Films endlich mal mehr sein als nur Repräsentantin sozialer und politischer Probleme.

In einem Land, das es nicht mehr gibt

Juliane Liebert: Der Film ist ein Herzensprojekt für die Regisseurin Aelrun Goette, das merkt man ihm an. Er spielt im Sommer vor der Wende. Die Heldin, Suzie, will in der DDR Literatur studieren, wird aber kurz vor dem Abitur mit Orwell in der Tasche erwischt und in eine Fabrik verbannt. Von dort gerät sie in die Szene um die Modezeitschrift Sybille. Mit ihren eigenen Mitteln, "glamourös, betörend und auserlesen", kämpft diese Szene gegen die Oppression durch den Staat.

Mascarpone

Josef Grübl: "Puff" habe es gemacht, sagt Antonios Mann, dann sei die Liebe weg gewesen. Zwölf Jahre waren die beiden Italiener zusammen, jetzt muss sich der 30-Jährige auf dem Jahrmarkt der schwulen Eitelkeiten erst wieder zurechtfinden, mit all den Codes, Styles und Apps. Das Filmemacher-Duo Alessandro Guida und Matteo Pilati erzählt das in Form einer seichten Liebeskomödie, mit heißen Bäckern, coolen Fotografen und einem Best Buddy im gelben Kimono. Dann aber macht es Puff, und einer von ihnen ist nicht mehr da.

Me, We

Philipp Bovermann: Ein Siebzehnjähriger, der mit seinen Freunden Frauen vor Übergriffen durch Asylbewerber schützen will; ein Tango tanzender Syrer, der eigentlich Marokkaner ist; ein Leiter einer Flüchtlingsunterkunft; außerdem eine junge Frau aus gutem Wiener Hause, die nach Lesbos fährt, um gleich mit dem Retten von Gekenterten loszulegen, was unter anderem daran scheitert, dass erst mal gar keine auftauchen - sie alle bilden das Ensemble eines Films, der auf ebenso leichte wie berührende Weise die Graustufen zwischen Heroismus und Eigennutz erkundet. Regisseur David Clay Diaz, dessen Film "Agonie" 2016 als bester Erstling auf der Berlinale ausgezeichnet wurde, schrieb auch das Drehbuch.

Igor Levit - No Fear

Cornelius Pollmer: Dieses üppige Porträt des Pianisten Igor Levit unvollständig oder wohlmeinend zu nennen, wäre nicht falsch, aber undankbar. Bekäme man den schönsten und größten Blumenstrauß überreicht, würde man die Mundwinkel verziehen und sagen: Schade, dass keine Tulpen dabei sind? Regina Schilling hat Levit von Mai 2019 bis Dezember 2020 begleitet für diese Dokumentation, die dem Künstler Levit nicht zuletzt dadurch gerecht wird, dass sie selbst beindruckend nah, intensiv und, ja, selbst Kunst geworden ist.

Mona Lisa and the Blood Moon

Philipp Bovermann: Nach dem feministischen Indie-Vampirfilm "A Girl Walks Home Alone at Night" lässt Ana Lily Amanpour erneut ein Mädchen mit übermenschlichen Kräften auf eine nächtliche Welt los. "Mona Lisa" ist aus der Psychiatrie ausgebrochen, sie stammt aus Nordkorea, mehr ist über sie nicht bekannt, auch nicht ihr richtiger Name, aber sie kann mit ihren Gedanken die Körper von Menschen kontrollieren. Eine nicht uninteressante Metapher - in einem ganz und gar nicht uninteressanten Film noir. Der Mond glüht am Himmel, als Mona Lisa ihre Zwangsjacke abstreift. Sie betritt eine aufgekratzte Welt, in der alle etwas von ihr wollen und trotzdem jeder ein Anrecht auf Mitgefühl hat.

Recycling Medea

Anke Sterneborg: Die Choreografie einer Ballettinszenierung auf der Bühne gegen das Chaos der Jugendproteste auf den Straßen von Athen - das klassische griechische Drama um die kindermordende Medea, vertont von Mikis Theodorakis und furios getanzt von der Primaballerina Maria Kousouni, gegen das moderne Drama der verlorenen Jugend. Dazu ein junges Mädchen, das auf idyllischen Wiesen aus Anne Franks Tagebuch zitiert. 75 prall gefüllte Minuten, die Asteris Kutulas "den Eltern, die ihre Träume verloren haben", widmet, und "der verratenen Jugend, die um ihre Zukunft kämpft", schon 2013 kompiliert, aber bis heute zeitlos kraftvoll.

Rimini

Tobias Kniebe: Ulrich Seidl, der große Fatalist des österreichischen Kinos, wehrt sich gerade gegen eine massive Kritik an seinen letzten Dreharbeiten in Rumänien. Dies ist der - nicht betroffene - Film davor. Man sieht einen gealterten Schlagersänger (Seidl-Stammspieler Michael Thomas) im trostlosen winterlichen Rimini, wo er von "Amore" trällert und mit älteren Touristinnen Sex gegen Geld hat. Er will Vergebung von seiner vernachlässigten Tochter, die ihn aufgespürt hat, dafür wird er zum Erpresser. Je haltloser und trüber alles wird, desto mehr hält man sich an den makellos komponierten Bildern fest. Seltsam faszinierend, wie fast immer bei Seidl.

The Woman King

Kathleen Hildebrand: Was für eine Geschichte: Im westafrikanischen Königreich Dahomey kämpfte mehr als 200 Jahre lang ein Regiment für den Herrscher, das nur aus Frauen bestand. Viola Davis spielt hier, grimmig und muskulös, deren Generälin Nanisca. Sie versucht, den König (John Boyega) dazu zu bringen, keine Gefangenen mehr an die weißen Sklavenhändler zu verkaufen - und muss zugleich Dahomey gegen die mächtigen Oyo verteidigen. Die Kampfszenen sind von großer Kraft, die Darstellerinnen hinreißend, Gina Pryce-Bythewood hat einen herrlichen Action-Blockbuster gedreht. Nur warum alle Englisch mit afrikanischem Akzent sprechen müssen, bleibt unklar.

Vesper

Kathleen Hildebrand: Alles ist lebendig, glitschig, hat suchende, schnappende Tentakeln in diesem außergewöhnlichen, visuell eindrücklichen Science-Fiction-Film von Kristina Buozyte und Bruno Samper, sogar Drohnen und Flugzeuge. Die Erde ist nach schiefgelaufenen Gentechnik-Rettungsversuchen zugrunde gerichtet. Die Superreichen leben in einer fernen, abgeriegelten Seifenblasenstadt. Vesper (Raffiella Chapman) ist arm, erst 13 und muss sich allein durchschlagen im dystopischen Dauernovember. Sie hofft, dass ihre biotechnologischen Fähigkeiten sie retten werden: In einem alten Gewächshaus züchtet sie neuartige Pflanzen, die aussehen wie Tiefseekreaturen. Sie glühen, wiegen sich wie die Arme von Anemonen.

Wild - Jäger und Sammler

Fritz Göttler: Das Jagen als Kulturhandwerk. Mario Theus, selbst Jäger und Förster, folgt in seinem Film in den Graubündner Bergen einem Jäger, einer Wildhüterin - der ersten in der Schweiz - und einem ehemaligen Wilderer, der nun Tiere fotografiert. Abschüsse sieht man wenige in dem Film, dafür das Üben und das Visieren, das Ausweiden, zwei Hirsche, die sich im Unterholz mit ihren Geweihen verkeilen. Die Kinder werden schon früh mit dem Jagen vertraut gemacht, fahren den erlegten Tieren zögernd durchs Fell. Die Existenz der Jäger und Sammler zieht Mario Theus allemal der Mühsal der Landwirtschaft vor. Die Berge, sagt die Wildhüterin, sind ein Ort der Ruhe und der Stille. "In diesen Raum trete ich mit ganz anderen Sinnen."

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