Kino- und Streamingstarts der Woche:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

The French Dispatch

Der große Bill Murray spielt in "The French Dispatch" einen weisen Chefredakteur.

(Foto: Disney)

Clint Eastwood will es mit 91 Jahren noch mal wissen, Wes Anderson baut ein Wimmelbild aus rasenden Reportern, und der Halloween-Mörder geht wieder um.

Von den SZ-Kritikern

Cry Macho

Susan Vahabzadeh: Ein Roadmovie, mit Rodeoreiter, Kind und Hähnchen. Clint Eastwood als sehr alter Haudegen Mike soll einen Jungen aus Mexiko zu seinem Vater bringen und verpasst ihm erst einmal ein paar Lektionen fürs Leben: Man soll keinem Männlichkeitswahn verfallen, beispielsweise. Eastwoods Verfilmung eines Romans aus den Siebzigern ist rührend und doch irgendwie bizarr - der alte Haudegen wirkt nämlich etwas gebrechlich und setzt bei der filmemacherischen Genauigkeit auf Seniorenrabatt. Für Fans von Eastwoods Alterswerk trotzdem ein Muss.

Cryptozoo

Anke Sterneborg: Verstecken vor den Häschern von Regierung und Wirtschaft, oder öffentlich im Zoo ausstellen und dabei noch Gelder für die Rettung weiterer bedrohter Wesen einnehmen, das ist die Frage, die sich die Kryptozoologie-Aktivisten auf der Suche nach dem traumfressenden Mischwesen Baku stellen müssen. Wie überall auf der Welt erregen Andersartige wie eine Frau mit Gorgonenhaupt oder ein kopfloser Mann, der sein Gesicht auf dem Torso trägt, Begehrlichkeiten und Anfeindungen. Dash Shaw, der schon für seine Actionkomödie "My Entire Highschool Sinking into the Sea" einen eigenwillig künstlerischen Animationsstil kreiert hat, macht daraus eine psychedelische Kreuzung aus X-Men und Freakshow (auf Mubi).

The French Dispatch

Juliane Liebert: Mehr ein Wimmelbild als ein Film. Wer am schnellsten die meisten Schauspielerikonen findet, gewinnt. Tilda Swinton, Timothee Chalamet, Bill Murray und Frances McDormand geben sich hier blitzschnell die Klinke in die Hand, während sie gewohnt emotionslos Wes Andersons neuem Film über eine dem New Yorker nachempfundene Publikation Leben verleihen. Na ja, Leben. Soweit man das bei Wes Anderson, dem Hohepriester der tief empfundenen Künstlichkeit, halt behaupten kann. Aber die Möbel sind schön! Eine ausführliche Rezension lesen Sie hier.

Halloween Kills

David Steinitz: Natürlich ist man vorab von einer gewissen Messermörder-Müdigkeit beseelt, wenn nun der zwölfte "Halloween"-Film ins Kino kommt. Aber, liebe Kürbisfreundinnen und -freunde, es gibt frohe Botschaft: Das ist ein sehr guter Horrorfilm. Nachdem der Regisseur David Gordon Green die Reihe übernommen und bereits einen Teil gedreht hat, legt er jetzt so richtig los. Die neue Folge handelt von den Traumata, die der Serienkiller Michael Myers in der Kleinstadt Haddonfield über die Jahrzehnte angerichtet hat und zeigt, dass hinter seiner Maske die personifizierte Metaphysik lauert (Längere Rezension hier).

Die letzte Stadt

Sofia Glasl: Könnten Filme sich selbst träumen, dann wäre "Die letzte Stadt" von Heinz Emigholz vermutlich ein philosophischer Fiebertraum. In sechs assoziativ miteinander verwobenen Episoden lässt er seine Figuren in sprunghaften Dialogen Diskurse und avantgardistische Konzepte verhandeln - konkret, verworren, bisweilen absurd: Kollektivschuld, Waffenhandel, die Wahrscheinlichkeit von Zeitreisen, Träume mit filmreifen Titeln wie "Der letzte Pfannkuchen", eine Stadt, die ständig ihren Ort wechselt und in der sich die Menschen selbst nicht mehr erkennen. Genauso kommt es dann in seinem Film, und die entfachten Zeit- und Gedankenschleifen entwickeln ein essayistisch waberndes Eigenleben, das zwar zunächst verwirrt und Angst einflößt. Im Nachgang formieren sich diese Gedankenwolken jedoch zu präzisen und klugen Beobachtungen.

Ottolenghi und die Versuchungen von Versailles

Anke Sterneborg: "Essen ist interessanter, wenn man es mit einer Geschichte serviert", sagt der berühmte Londoner Koch und Buchautor Yotam Ottolenghi. Als das Metropolitan Museum of Art in New York ihn einlud, begleitend zur Ausstellung "Visitors to Versailles" ein Gala-Event auszurichten, kuratierte er fünf herausragende Patissiers aus der ganzen Welt. Sie erschufen eine essbare Ausstellung, in der Geschichte, Architektur, Gartenkunst, Malerei und Musik zu einer Theaterinszenierung aus der Küche verschmolzen: Bauen und Malen mit Zucker und Schokolade. Laura Gabbert verbindet in ihrer Dokumentation die Biografie des Kochs mit einer Gesellschaftsgeschichte von Versailles und dem Making-of des erlesenen Süßspeisen-Buffets.

Venom: Let There Be Carnage

Fritz Göttler: Ein typischer Junggesellenhaushalt, alles vollgepackt und unaufgeräumt, und ein Huhn spaziert, sonderbarerweise, drin herum. Das ist für den unersättlichen Venom bestimmt, der immer alles fressen will. Venom, das schlüpfrige, tentakulöse Alien-Monster, das mit Eddie Brock verschmolzen ist, dem Investigativjournalisten (Tom Hardy). Sie leben in einer symbiotischen Beziehung, es bleibt nicht gern im Hintergrund, schikaniert ihn - "Du bist ein Loser!" -, verformt und demoliert ihn, aber kämpft auch aggressiv für ihn. Eine durchaus komische Studie zur gespaltenen Persönlichkeit der Marvel-Superhelden, und zur Magical Misery Tour des menschlichen Lebens. Im zweiten Venom-Abenteuer, inszeniert von Gollum-Star Andy Serkis, kommt als Gegenspieler Woody Harrelson dazu, ebenfalls von einem Symbionten geplagt, der - "Let there be carnage!" - viel grässlicher ist als der Kinderschreck Venom und bald mit seinem Splatter die Szenen beherrscht (Längere Rezension hier)

Walchensee Forever

Martina Knoben: Die Geschichte einer Frauendynastie: Urgroßmutter, Oma, Mutter und Kind. Das "Kind", Janna Ji Wonders, ist jetzt erwachsen und hat eine Doku über sich und ihre Familie gemacht. Die Lebensreisen der Frauen führten sie vom Café am bayerischen Walchensee über Mexiko nach San Francisco zum "Summer of Love", in den "Harem" von Rainer Langhans und immer wieder zurück an den See. Häufig waren Männer an ihrer Seite - ihren Weg aber mussten die Frauen dann doch ohne oder sogar gegen sie finden. Aus einem kleinen regionalen Winkel greift der Film weit aus in Raum und Zeit. Die Frauen und ihre Abenteuer und Beziehungen sind faszinierend, dokumentiert in tollen Archivaufnahmen: Die Regisseurin ist offenkundig nicht die erste Bildersammlerin in der Familie.

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Jamie Lee Curtis war 19, als sie durch die Low-Budget-Produktion "Halloween" weltberühmt wurde. Nun kommt der zwölfte Teil der Reihe ins Kino. Zeit zu fragen: Was macht diesen Horror erfolgreich? Ein Gespräch über menschliche Abgründe und die Kunst des Schreiens.

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