Neu in Kino & Streaming:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

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Neu in Kino & Streaming: Als hätte er sein Lebtag darauf gewartet, diese Rolle zu spielen: Olli Dittrich ist Wachtmeister Dimpfelmoser in der Neuverfilmung von "Der Räuber Hotzenplotz".

Als hätte er sein Lebtag darauf gewartet, diese Rolle zu spielen: Olli Dittrich ist Wachtmeister Dimpfelmoser in der Neuverfilmung von "Der Räuber Hotzenplotz".

(Foto: Walter Wehner/Studiocanal)

Léa Seydoux liebt und leidet in "An einem schönen Morgen", Olli Dittrich spielt endlich in "Der Räuber Hotzenplotz" mit. Die Starts der Woche in Kürze.

Von den SZ-Kinokritikerinnen und -kritikern

An einem schönen Morgen

Josef Grübl: Ihr Liebesleben sei vorbei, sagt sie. Und doch beginnt sie eine Affäre mit einem alten Freund. Ihr Vater ist nicht tot. Und doch kümmert sie sich um dessen Nachlass: Sandra (Léa Seydoux) ist eine alleinerziehende Mutter in Paris, sie arbeitet als Übersetzerin und muss sich um ihr eigenes sowie um das Leben der anderen kümmern. Mia Hansen-Løve hat sich ein weiteres Kapitel aus ihrer eigenen Biografie vorgenommen, so wie sie es auch bei "Eine Jugendliebe", "Eden" oder "Alles, was kommt" getan hat. Ihre Filme lassen sich nicht von dramaturgischen Regeln einengen, sie erzählt ganz beiläufig, wie aus dem Leben gegriffen.

A Christmas Story Christmas: Leise rieselt der Stress

Doris Kuhn: Turbulenzen bei der perfekten Weihnachtsvorbereitung, in einer Kleinstadt, in den Siebzigerjahren. Clay Kaytis dreht die Fortsetzung zu dem 40 Jahre alten, einst berühmten Weihnachtsfilm "A Christmas Story" und verlässt sich dabei auf dieselben verstaubten Klischees: tollpatschiger Vater, smarte Kinder, der familiäre Zusammenhalt als das eigentliche Geschenk. Das wird extrem überkandidelt inszeniert, was dieser Komödie mehr schadet als nützt. Trotzdem sammeln sich am Ende genug Witz und Sentimentalität an, um beim Zuschauen die nötige weihnachtliche Milde zu wecken.

Irrlicht

Philipp Stadelmaier: In einem der schönsten Filme des Kinojahres 2022 erinnert sich ein im Jahr 2069 sterbender portugiesischer König an seine Jugend auf einer queeren Feuerwehrwache und seine Liebe zu seinem Ausbilder. Eine "musikalische Fantasie" von João Pedro Rodrigues. Eine erotisch-ökologisch-postkoloniale Parabel, in dem Kino, Musik, Malerei und Theater zum gordischen Knoten vertäut sind. Ein barockes Spiel, auf einer Stufe mit Pasolini und de Oliveira. Und ein riesiges Vergnügen.

Der Räuber Hotzenplotz

David Steinitz: Die Welt braucht mehr Hotzenplötze, und Nicholas Ofczarek spielt einen erstklassigen Räuber mit einem Gaunercharme, wie ihn Gott nur gebürtigen Wienern geschenkt hat. Michael Krummenachers Film basiert vor allem auf dem ersten Buch von Otfried Preußler, ergänzt durch ein paar Episoden aus den Folgebänden sowie einige dezenten Modernisierungsmaßnahmen. Und Olli Dittrich vermittelt den Eindruck, als habe er sein Leben lang darauf gewartet, den Wachtmeister Dimpfelmoser zu spielen. Sehr gute Räuberpistole.

She Said

Tobias Kniebe: Das erste Loch in jene Omertà der Filmindustrie zu reißen, mit der Produzent Harvey Weinstein seine sexuellen Übergriffe und Vergewaltigungen über Jahrzehnte verschleiert hatte, war verdammt schwer. Dieser Film, souverän und zurückgenommen inszeniert von Maria Schrader in ihrem Hollywood-Debüt, zeichnet authentisch und detailreich nach, wie dies zwei Reporterinnen der New York Times 2017 gelungen ist. Zäher investigativer Journalismus alter Schule, der auch noch mit kleinen Kindern und Familien vereinbart werden muss. Und dann große emotionale Momente, als die Opfer endlich den Mut fassen, Weinsteins Terrorsystem zusammenbricht und die Welt erschüttert - und die "Me Too"-Bewegung beginnt.

Terrifier 2

Nicolas Freund: Unlustiger und ungruseliger Horrorclown ermordet Leute, ein als sexy Engel verkleidetes Teenie-Mädchen muss ihn aufhalten. Handlung gibt es ansonsten keine, dafür sind geschätzte 800 Liter Kunstblut und eine Wagenladung Schlachtabfälle in die Produktion geflossen. Man würde Regisseur Damien Leone gerne fragen, warum in seinem Film vor allem Frauen und Minderheiten dahingemetzelt werden. Oder warum das alles eigentlich fast zweieinhalb Stunden dauern muss. Perverser Trash mit sexistischen und rassistischen Untertönen.

Troll

Anke Sterneborg: Respektieren und schützen oder fürchten und bombardieren, das Natur-und Umweltbewusstsein der Wissenschaftler oder die destruktive Antwort des Militärs, das ist die alte Frage in Filmen über gigantische Biester, deren zerstörerische Wut die Menschheit provoziert hat. Statt King Kong oder Godzilla entfesselt Roar Uthaug ein nordisches Fabelwesen, und statt auf eine amerikanische Metropole stapft der gigantische Troll Richtung Oslo. Handwerklich gut gemacht, aber nicht sonderlich originell bedient der Norweger, der vor vier Jahren mit dem "Tomb Raider"- Sequel sein Hollywood-Debüt gegeben hat, die bekannten Formeln des Genres. Das wirkt wie ein filmisches Bewerbungsschreiben im Sinne von "Ich könnte doch mal wieder ein größeres Action-Spektakel für euch" inszenieren (bei Netflix).

Weißes Rauschen

Tobias Kniebe: Tiefschwarz und riesenhaft verdunkelt die Giftwolke den Himmel, violette Blitze zucken darin, und auf den Highways im Mittleren Westen der USA herrschen Chaos und Tod. Dieser Katastrophenfilm ist in Don DeLillos großem Roman "Weißes Rauschen" enthalten - wichtiger aber ist, wie scheinbar normal das Leben danach weitergeht. Noah Baumbach musste das komplexe Werk, das 1985 prophetisch in die Zukunft blickte und die Todesangst hinter unser aller Konsumwut entlarvte, in seiner Adaption zwar stark verknappen. Sein Film ist dennoch ein Stück faszinierendes Americana - nostalgisch und in seinem somnambulen "Weiter so" absolut zeitgemäß zugleich (ab 8. Dezember im Kino, ab 30. Dezember bei Netflix).

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