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Filmstarts der Woche:Welche Filme sich lohnen und welche nicht

Filmstarts Kino In the Heights

Im bunten, lebensprallen Musicalfilm "In the Heights" wird viel spektakulär getanzt, hier aber grad nur geschmachtet.

(Foto: Warner)

Der Musicalfilm "In the Heights" hat einen hochpolitischen Subtext. Die Doku "Anmaßung" versucht sich einem Mörder anzunähern.

Von den SZ-Kritikern

Anmaßung

Fritz Göttler: Ein Mord, ein Mörder ... wie kann man sich ein Bild davon machen, fragen Chris Wright und Stefan Kolbe, und was muss es alles enthalten? Gespräche mit dem Verurteilten natürlich, über seine Jugend (in der DDR), mit seinem Therapeuten im "Zuchthaus", die Gerichtsprosa des Urteils, aber auch Karten, die er stickt, mit feinen Chemiefaserschnüren für einen Weihnachtsbasar. Um zu verhindern, dass ihr Blick die gleiche obsessive Insistenz entwickelt wie der des Mörders - er hat eine Arbeitskollegin gestalkt und schließlich getötet -, gibt es schaurig grotesk zudem eine Handpuppe, die den Mörder spielt, geführt von zwei jungen Frauen, Nadia Ihjeij und Josephine Hock. Wie mag der Täter uns sehen, fragen die Filmemacher. Bei einem Freilauf im Wald sieht man ihn zwischen den Bäumen verschwinden,schneller als die Kamera, der bleiben Wald und Wind und das Wasser eines Sees.

Blood Red Sky

Josef Grübl: Was tun, wenn man als alleinerziehende Vampir-Mama im Flugzeug sitzt, dieses aber von arabischen Terroristen entführt wird? Solche Fragen stellt man sich im Alltag eher selten, Peter Thorwarth beschäftigt sich trotzdem damit. Und da sein erster internationaler Film ein großes Streaming-Publikum ansprechen soll, fallen Blutsaugerin und böse Buben auch bald übereinander her. Für emotionale Tiefe sorgen ein paar Rückblenden und die niemals endende Mutterliebe der Vampirin (Peri Baumeister). Ein ebenso effektiver wie konstruierter Genrefilm aus Deutschland für den Weltmarkt (Netflix).

Da scheiden sich die Geister

Dennis Müller: Einen erfolgreichen Schriftsteller plagt eine Schreibblockade. Charles (Dan Stevens) braucht Inspiration, also bestellt er ein Medium (Judi Dench) in seine Villa. Ideen liefert die Seánce keine, dafür spukt danach die verstorbene Ex-Frau (Leslie Mann) durch sein Leben. Edward Halls Adaption des britischen Klassikers "Blithe Spirit", erstmals 1945 von David Lean verfilmt, erhält keinen modernen Schliff, dafür aber schicke Sets und enthusiastische Darsteller. Der Cast um Judi Dench kaschiert so das bisweilen träge Drehbuch.

Eine Handvoll Worte

Sofia Glasl: Auf welche Art von Story man sich einlässt bei der Verfilmung eines Bestseller-Liebesromans, ist irgendwie ja klar: Journalistin stößt auf geheime Liebesbriefe aus den Sechzigerjahren und macht sich mit dem Verlagsarchivar auf die Suche nach den Liebenden. Doch ist der Film nach Jojo Moyes' gleichnamigem Buch der Beweis dafür, dass es sich auszahlen kann, für ein solch geradliniges Projekt eine Independent-Regisseurin zu engagieren. Augustine Frizzell macht aus der durchschnittlichen Schnulze einen durchaus herzlichen Film, auch dank der hochkarätigen Besetzung um Shailene Woodley und Felicity Jones.

Gasmann

Sofia Glasl: Der ewige Nebendarsteller Bernd bekommt endlich eine Hauptrolle am Theater, und dann das: Er soll einen SS-Offizier spielen, den titelgebenden "Gasmann" in Arne Körners tragikomischer Satire. Das passt perfekt zu seinem kläglichen Leben zwischen Alimenten, verqualmten Kneipen und seinem Literaturzirkel der verlorenen Seelen. Rafael Stachowiak spielt Bernd mit einer hinreißenden Mischung aus sarkastischem Weltschmerz und Drifter-Ennui, die diesen Schluffi zum konsequent widerwilligen Antihelden in einer von Selbstverliebtheit und Ausbeutung zerfressenen Kulturindustrie macht.

Gaza mon amour

Fritz Göttler: Meine Zukunft ist hier, sagt Issa, der Fischer (Salim Dau). Nacht für Nacht holt er ein Netz voll Fische aus dem Meer, von deren Verkauf lebt er zufrieden im Gazastreifen. Die Stromversorgung bricht natürlich regelmäßig zusammen, im Radio ist von der Politik der Hamas und Israels die Rede. Dann packt Issa die Liebe und die Lust auf Ehe, und von dieser Love Story erzählen die Brüder Arab und Tarzan Nasser subtil und komisch. Nun ist Siham für Issa die Zukunft, verkörpert von der wunderbaren Hiam Abbas, die einen Kleiderladen führt (für Frauen!). Eine kläglich kurz gestutzte Hose wird zum Liebesbeweis ... Die Straßen und Wohnungen der Stadt sind wie eine Bühne, und Apollo stimuliert das Geschehen auf vielfältige Weise, eine im Meer gefundene antike Statue. Mit Penis-Potenz.

Glück

Annett Scheffel: In Henrika Kulls feinfühligem zweiten Spielfilm verlieben sich zwei Frauen ineinander, die in einem Berliner Bordell arbeiten. Zwischen Glücksgefühlen, Ängsten, Körperarbeit und den Reaktionen ihres Umfelds kämpfen sie fortan mit der Herausforderung, sich ganz aufeinander einzulassen. Von der Sexarbeit wird angenehm nebensächlich erzählt: als Beruf, als Möglichkeit Geld zu verdienen, als selbstbestimmte Tätigkeit. Und Nacktheit gibt es ohne Voyeurismus. Das lässt genug Raum für die schöne und komplizierte Liebesgeschichte, die Adam Hoya ("Searching Eva") und Katharina Behrens mit ihrer kraftvollen Darstellung in Schwingung versetzen.

Infidel

Anke Sterneborg: Ein amerikanischer Blogger (Jim Caviezel mit Faible für religiöse Themen), folgt einer Einladung, im ägyptischen Fernsehen über sein Spezialgebiet zu sprechen: das Christentum. Nachdem er die muslimischen Toleranzgrenzen fahrlässig überschreitet, wird er entführt, verschleppt und gefoltert, während parallel seine Frau (Claudia Karvan) um seine Freiheit kämpft. Dieser im Kern wahren Geschichte hat der Iran-Amerikaner Cyrus Nowrasteh als Autor und Regisseur jedes bisschen Glaubwürdigkeit ausgetrieben. Was bleibt, ist ein fades und hölzernes Kuddelmuddel aus hohlen Phrasen, steifem Schauspiel und Klischees, was wohl nicht allein der Synchronisation anzulasten ist.

In The Heights

Annett Scheffel: Die Musical-Verfilmung nach Lin-Manuel Mirandas Broadway-Hit von 2008 erzählt von einem jungen Bodega-Besitzer und den "suenitos" ("Träumen") und Konflikten seines New Yorker Viertels: das von Latino-Communities geprägte und von Gentrifizierung bedrohte Washington Heights. Inszeniert wird das von Jon M. Chu ("Crazy Rich") als klassisches Musical mit spektakulären Tanzszenen, das mal mitreißend und lebensprall erscheint, mal überladen, angestrengt Gegenwarts-geupdatet oder bedenklich verkürzt. Im Subtext stecken jedenfalls die ganz großen Fragen zu den sozialökonomischen Verhältnissen und kulturellen Prozessen in multiethnischen Einwanderungsvierteln.

Die Olchis - Willkommen in Schmuddelfing

Ana Maria Michel: Wenn es ordentlich müffelt, fühlen sich die Olchis wohl. Kein Wunder, dass es ihnen auf der Müllkippe von Schmuddelfing so gut gefällt. Die Frau des Bürgermeisters hat mit dem Ort jedoch eigene Pläne. Dabei könnten die Olchis der Stadt helfen, sie essen für ihr Leben gerne Müll - und das von jetzt an nicht nur in ihren Büchern. Jens Møller und Toby Genkel bringen die von Erhard Dietl erfundenen liebenswerten grünen Wesen ins Kino und zeigen Kindern mit ihrem Animationsfilm, dass Toleranz wichtig ist.

Orphea

Nicolas Freund: Wer hat sich nicht schon gefragt, was wäre, wenn Orpheus keine Gestalt aus der griechischen Mythologie, sondern eine deutsche Rockmusikerin in Manila wäre? Alexander Kluge ist zusammen mit dem philippinischen Regisseur Khavn in einer Art Musicalfilm dieser Frage nachgegangen und lässt wie immer keine ironisch-assoziative Abzweigung ungenutzt: Was tun bei Schlangenbissen, wie sie Orpheas Geliebten Euridico dahingerafft haben? Mal bei Ingmar Bergman und Werner Herzog nachschauen, was die zu Schlangen gesagt haben! Wollten nicht die durchgeknallten russischen Kosmisten alle Toten zurückholen? Tolle Idee, zwischendurch ein paar russische Lieder grölen geht immer! Lilith Stangenberg spielt Orphea mit zerzaustem Haar, wie kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Vielleicht, weil ihr auch niemand erklärt hat, warum der Totenfluss Lethe jetzt ausgerechnet durch Manila und Basel fließt oder was genau Steve Jobs mit alldem zu tun hat. Manches ist bewusstseinserweiternd, vieles bleibt das Geheimnis der Filmemacher.

Der Rausch

Johanna Adorján: In Thomas Vinterbergs neuestem Streich geht es vordergründig um Alkohol. Vier Gymnasiallehrer experimentieren damit, sich auf einen bestimmten Promillewert zu trinken. In Wahrheit aber handelt dieser Film, der den diesjährigen Auslandsoscar gewann, von etwas viel Größerem: der Sehnsucht, den festgefahrenen Strukturen unseres alltäglichen Daseins etwas entgegenzusetzen, sie zu sprengen, sich zu befreien. "Der Rausch" ist eine Feier des Lebens, ein todtrauriger, trunken vor Glück machender Film.

Roamers - Follow Your Likes

Lena Reuters: Jonna, Nuseir, Kim und Paolo haben den Nine-to-five Arbeitstrott hinter sich gelassen. Als digitale Nomaden leben sie ungebunden, umsegeln die Welt, verdienen Geld als Influencer oder drehen Pornos. Regisseurin Lena Leonhardt porträtiert nuanciert und eindringlich Biografien des ambivalenten Social-Media-Kosmos: die Freiheit, den eigenen Lebensweg selbstbestimmt zu verfolgen, steht neben dem Druck, vor seinen Followern zu performen.

Spell

Doris Kuhn: Das alte Stadt-Land-Gefälle, das jeden Hinterwäldler-Horror kennzeichnet, trägt hier den ganzen Film. Neu daran ist nur der afroamerikanische Cast, der gibt vielen Klischees immerhin einen halbwegs charmanten Dreh. Trotzdem benimmt sich der Held eigentlich zu dämlich, um der schwarzen Magie, die ihn bedroht, tatsächlich Herr zu werden. Aber Regisseur Mark Tonderai entlässt ihn nach einer längeren Gefangenschaft bei einer lustigen Zauberin dann doch ins Happy End.

Spirit - Frei und ungezähmt

Ana Maria Michel: Vor fast 20 Jahren brachte Dreamworks schon einmal einen wilden Mustang namens Spirit ins Kino. Elaine Bogans Animationsfilm ist aber weniger eine späte Fortsetzung als eine Adaption der Spirit-Serie, die es seit 2017 gibt und in der ebenfalls die junge Lucky die Hauptrolle spielt. Sie will nun mit zwei Freundinnen den Hengst und dessen Herde vor zwielichtigen Cowboys retten, die den Pferden ihre Freiheit nehmen wollen. Ein Film über drei mutige Mädchen, der vor allem Fans der Serie gefallen wird.

Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen

Johanna Adorján: Günther Maria Halmer spielt einen Demenzkranken, Emilia Schüle seine osteuropäische Pflegerin - beide allerdings, ohne überzeugend zu sein. Im Plot von Nadine Heinze und Marc Dietschreit gibt es allerhand familiäre Verwicklungen, die so grotesk überzeichnet sind, dass man den Film nur als Märchen verstehen kann. Möglicherweise soll es lustig sein? Bleibt aber die große Frage, was ein Märchen mit unglaubwürdiger Darstellung von Demenz bringen soll.

© SZ vom 22.07.2021/khil
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