Filmpremiere: "Isch kandidiere":"Is doch nur ein Film"

Nach der Premiere in Berlin darf Deutschland aufatmen: Die Demokratie wird Hape Kerkelings "Horst Schlämmer - Isch kandidiere" wohl überleben.

Nico Fried

Berlin -Man kichert manchmal so vor sich hin bei diesem Film. Es gibt nämlich ein paar witzige Szenen in Horst Schlämmers "Isch kandidiere", der Geschichte des frustrierten stellvertretenden Chefredakteurs beim Grevenbroicher Tagblatt, der eines Tages beschließt, Bundeskanzler zu werden. Zum Beispiel den Wahlsong, den Schlämmer (Hape Kerkeling) mit dem Rapper Bushido (Rapper Bushido) einspielt, um die Jugend zur Stimmabgabe zu animieren, und in dessen harten Rhythmus der Kandidat mit Schnappatmung den Namen seiner Horst-Schlämmer-Partei haucht: HSP.

Filmpremiere: "Isch kandidiere": Da weisse Bescheid: Hape Kerkeling durfte seinen Film "Isch kandidiere" in Berlin als Kanzlerkandidat Horst Schlämmer präsentieren. Claudia Roth und Gabriele Pauli mussten hingegen als Claudia Roth und Gabriele Pauli kommen. Bushido schrieb den Wahlkampf-Rap.

Da weisse Bescheid: Hape Kerkeling durfte seinen Film "Isch kandidiere" in Berlin als Kanzlerkandidat Horst Schlämmer präsentieren. Claudia Roth und Gabriele Pauli mussten hingegen als Claudia Roth und Gabriele Pauli kommen. Bushido schrieb den Wahlkampf-Rap.

(Foto: Screenshot: filmstarts.de)

Der beste Gag allerdings kommt nicht im Film vor. Am lautesten lachen möchte man über all die klugen Menschen, die in den vergangenen Tagen und Wochen in der Politisierung Horst Schlämmers ein Menetekel für die fortschreitende Deformation der Demokratie vermuteten; die aus der Begeisterung für die Kunstfigur eine Abwendung von der wirklichen Politik ableiteten. Beides gibt es ja, die Begeisterung und die Abwendung, aber sie haben wohl nicht viel miteinander zu tun. Und man kann Hape Kerkeling wegen dieses Films vieles vorwerfen, aber nicht, dass seine Figur Horst Schlämmer dem Verdruss an Politik Vorschub leiste.

"Is doch nur ein Film", sagt Horst Schlämmer selbst zu den Premierengästen in einem Berliner Kino, gerade so, als seien auch ihm die Deutungen ein bisschen viel geworden in letzter Zeit. Er freue sich, dass in einer Umfrage jüngst 18 Prozent für ihn gemessen wurden, weil ja sein geliebter Doornkaat dieselbe Zahl an Umdrehungen habe. In etwa auf diesem Niveau bewegt sich dann auch der Film, inklusive einiger Scherze über herpizide Wirkungen von Geschlechtsverkehr, die allenfalls Zuschauer lustig finden werden, die aus Altersgründen sowieso noch nicht wählen dürfen.

Im Publikum sitzen Gäste aus dem Show-Business und aus der Politik. Die Schauspielerin Alexandra Kamp zum Beispiel, die im Film die Schauspielerin Alexandra Kamp spielt, die der Erotik der Macht erliegt und sich schon im Zickenkrieg mit Carla Bruni wähnt. Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir ist da, der im Film mit Horst Schlämmer Sondierungsgespräche über eine Koalition führt. Es sind sogar Gäste zugegen, die schon länger in Politik und Unterhaltung wirken, wie Gregor Gysi und Claudia Roth. Und es gibt mit Gabriele Pauli eine Zuschauerin, die beides probiert hat und gescheitert ist. Sie hat eine kurze Szene im Film, sitzt jetzt bei der Premiere in der ersten Reihe, wird aber beim Schlussapplaus nicht auf die Bühne gebeten, sondern muss unten sitzen bleiben. Neben einem Dieter-Bohlen-Imitator.

Dieser Schlussapplaus fällt im übrigen freundlich aus, aber keineswegs enthusiastisch. "Isch kandidiere" ist eine ungeheuer harmlose, in wenigen Monaten zusammengefrickelte Collage aus Sketchen nach dem Horst-Schlämmer-Prinzip: Er trifft Politiker, Prominente oder normale Leute und stellt sehr direkte oder sehr schräge Fragen, die manchmal zu gefälliger Situationskomik führen, obgleich man merkt, dass sich diese Methode abgenutzt hat, je bekannter Horst Schlämmer geworden ist: Das Spontane ist meistens futsch, die Gesprächspartner bemühen sich nun darum, witzig zu sein, was zwingend das Gegenteil bewirkt - und in der Länge eines Kino-Films eher ermüdet. Eine Ausnahme ist die Szene mit der SPD-Politikerin Lale Akgün, die auf Schlämmers Frage, was man nach den Erfahrungen der Finanzkrise vorne reintun müsse, damit hinten Geld rauskommt, sehr ernsthaft antwortet: "Werte".

Besonders schlecht ist der Film bezeichnenderweise an den wenigen Stellen, an denen versucht wird, Politiker direkt zu karikieren. Hape Kerkelings Parodien von Ronald Pofalla, Angela Merkel oder Ulla Schmidt sind so lausig, dass man die Vorbilder kaum erkennen könnte, würden sie nicht vorgestellt. Hingegen leistet der Film sogar brauchbare politische Bildungsarbeit in einer sehr ausführlichen Sequenz mit Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, der Horst Schlämmer geduldig erklärt, wie man eine Partei gründet.

Wenn man "Isch kandidiere" schon politisch beurteilen will, dann gehört zum vollständigen Bild, dass dieser Film auch die Anspruchshaltung mancher Bürger persifliert: So will eine Freundin Schlämmers (Maren Kroymann) seine HSP nur unterstützen, wenn er die Forderung nach dioxinfreien Hühnern ins Wahlprogramm aufnimmt. In einer bemerkenswerten Szene sieht man Schlämmer auf einem menschenleeren, rundum grau betonierten Platz, wo er auf Passanten wartet, die ihn mit ihrer Unterschrift unterstützen sollen. Ganz aus Versehen könnte die durchaus ehrenwerte Botschaft dieser Szene lauten: Politik ist vor allem ein verdammt mühsames Geschäft.

© SZ vom 19.08.2009/jeder
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