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Filmpionier Michelangelo Antonioni ist tot:Blow-up!

Leben in Hochauflösung: Der Mann, der Bilder nicht für die Wirklichkeit, sondern für ein Lebensgefühl fand, ist tot. Seine Arbeiten waren experimentell und wirken heute noch überzeitlich. Weil sie nur wie ein "Echo der Realität sein wollen, das unsere Seele erklingen lässt."

Bernd Graff

Antonioni zählte zu den bedeutendsten Filmpionieren der Nachkriegszeit. Stets auf der Suche nach neuen ästhetischen Formen, zeichnen sich seine Filme durch eine eigenwillige, oft skurrile Eleganz aus. Kommerzielle Interessen wurden von ihm bewusst vernachlässigt. Beherrschende Motive seiner Werke sind die Einsamkeit und Entfremdung in der Moderne. Denn nach eigenen Aussagen wollte Antonioni weniger die Wirklichkeit in all ihren Erscheinungsformen dokumentieren, sondern vielmehr "das Echo, das diese Eindrücke in unserer Seele hervorrufen."

Blow-up, die Vergrößerung der Bilder bis zur Hochauflösung, zeigte nicht einmal mehr Schemen, sondern die Körnung des Materials, hier die Verflüchtigung des Ganzen in der Summe seiner Teile.

(Foto: Foto: dpa)

Antonioni wurde am 1912 in Ferrara, in Norditalien, als Sohn eines Gutsbesitzers geboren. Er studierte in Bologna Volkswirtschaft und Handel und 1942 für einige Monate an der staatlichen Filmakademie in Rom.

So arbeitete er trotz einer Einberufung zur Armee als Drehbuchautor, etwa für Roberto Rossellinis "Un pilota ritorna" und als Regieassistent bei Marcel Carnés Film "Les visiteurs du soir" mit. Am Beginn seiner eigenen Regisseur-Karriere entwickelte Antonioni einen grob realistischen Stil, mehr ein Abfilmen des italienischen Alltags. Es entstanden Dokumentarfilme, die, mitunter preisgekrönt, dann auch wieder staatlich zensiert, provozieren sollten. So inspirierte der Reportagefilm "L'amorosa menzogna" aus dem Jahr 1949 Federico Fellini 1952 zu seinem ersten eigenen Film "Lo sceicco bianco" (deutsch: Der weiße Scheich).

Erst mit 38 Jahren drehte Antonioni seinen ersten abendfüllenden Film "Cronaca di un amore" (1950), dessen da schon unorthodoxer Stil Aufsehen erregte, weil er weniger die Realität als vielmehr die Verwirrung menschlicher Gefühle zum Thema hat. Der undurchdringbare Kosmos der Emotionen sollte Antonionis Lebensthema werden. Fortan verfeinerte er nicht nur die Kunst der subtilen Seelenanalyse, sondern auch den Stil seiner Bildsprache, mit der er Landschaft betont als Seelenlandschaft inszenierte.

Der französische Kritiker René Gilson prägte für diesen neuen Stil den Ausdruck Neo-réalisme intérieur. Exemplarisch dafür steht "Le amiche" (1955). Hier versuchte Antonioni Cesare Paveses pessimistischen Roman "Die einsamen Frauen" zu verfilmen.

In "La notte" (1961) mit Jeanne Moreau und Marcello Mastroianni beschreibt Antonioni die Gefährdung menschlicher Beziehungen in einer hochentwickelten Industriegesellschaft - ein weiteres zentrales Thema in seinen Filmen.

Mit "Blow Up" drehte Antonioni 1966 seinen kommerziell erfolgreichsten Film, allerdings auch seinen konventionellsten. Die Handlung spielt im Swinging London der sechziger Jahre und dreht sich um einen exzentrischen jungen Fotografen, der glaubt, einem Mord durch ein Zufallsfoto auf die Spur gekommen zu sein. Alle Beweise verschwinden allerdings auf mysteriöse Weise und so stellt sich für den Zuschauer die Frage, ob der junge Fotograf nicht das Opfer seiner übersteigerten Phantasie geworden ist. Blow Up, die Vergrößerung der Bilder bis zur Hochauflösung, zeigt nicht einmal mehr Schemen der abgebildeten Realität, sondern die Körnung des Materials, hier die Verflüchtigung des Ganzen in der Summe seiner Teile.

Der 1970 in den USA entstandene Film "Zabriskie Point" (Im Video oben: Die Schlussszene mit der Musik von Pink Floyd) ist auch Antonionis teuerster geworden. Zwei Jahre lang arbeitetet er daran. Doch der Film wurde zum finanziellen Flop und zudem von der Kritik mit gemischten Gefühlen aufgenommen.

In den USA selbst stieß der Film auf totale Ablehnung. Antonioni hatte sich mit "Zabriskie Point" - den Namen nahm er von einem Ort im Death Valley in Kalifornien - die inneren Konfliktlinien des modernen Amerikas zum Thema gemacht.

Ab den achtziger Jahren begann Antonioni zu schriftstellern und zu malen. Er wollte diese Arbeiten als "Protokolle ausgedachter Katastrophen, selbstverschuldeter Unglücke und liebloser Annäherungsversuche" verstanden wissen, die der Agnostiker Antonioni das "Geheimnis der Existenz" nannte. "Seelenlandschaften" erkannte die FAZ in den Bildern und entdeckte Parallelen zum Werk des Amerikaners Edward Hopper.

Nach dem in Cannes preisgekrönten Spielfilm "Identificazione di una donna" (1982) geriet der renommierte Regisseur fast in Vergessenheit.

Infolge eines Schlaganfalls 1985 halbseitig gelähmt und unter einer starken Sprechbehinderung leidend, arbeitete Antonioni in den letzten Jahren nur noch sporadisch an Drehbüchern, drehte Dokumentarfilme für das Fernsehen wie zum Beispiel über die Fußballweltmeisterschaft in Italien 1990. Er übernahm es sogar, einen Reklamespot für Toyota zu drehen oder einen Videoclip über die italienische Rock-Sängerin Gianna Nannini zu produzieren.

Wim Wenders bat den behinderten Antonioni als Stand-By-Regisseur für den Episodenfilm "Par-delà les nuages" 1994 zurück zum Set. Seine Zusammenarbeit mit Antonioni hat Wenders anschließend in einem voluminösen fotografischen Tagebuch unter dem Titel "Die Zeit mit Antonioni. Chronik eines Films" 1995 verarbeitet.

Antonioni wurde 1995 auf der 52. Biennale in Venedig gefeiert und im März 1995 bei der Oscar-Verleihung mit dem "Lifetime Achievement Award", dem Ehren-Oscar für sein Lebenswerk, gewürdigt.

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