bedeckt München 17°

Filmkunst:Mob-Mentalität

Maskierte Gestalten im Fieber der Gewalt – Szene aus Jonathan Glazers Kurzfilm „The Fall“.

(Foto: BBC)

Der experimentielle Filmemacher Jonathan Glazer ist wieder da, in dem Kurzfilm "The Fall" zeigt er die Zusammenrottung eines rätselhaften Mobs. Das ist ein klarer Kommentar zur geistigen Verfassung der Gegenwart.

Von Alexander Menden

Der Übergang ist so unerwartet wie verstörend: Nach dem Abspann eines Dokumentarfilms über Kalifornien bekommen die Zuschauer von BBC Two nicht gleich die Comedy-Show "Live at the Apollo" zu sehen. Stattdessen erscheint auf dem Bildschirm eine Gestalt in schmutzigen Kleidern, die eine zähnefletschende Maske trägt. Eine Gruppe ähnlich gekleideter Menschen schütteln einen offenkundig verängstigten, ebenfalls maskierten Mann von einem Baum herunter. Der Mob macht ein Handyfoto mit dem Gefangenen als Jagdtrophäe und legt ihm eine Schlinge um den Hals. Dann erscheint der Titel "The Fall".

So beginnt ein Kurzfilm des britischen Regisseurs Jonathan Glazer, den die BBC am Sonntagabend gleichsam in Guerillataktik ausstrahlte. Am selben Abend wurde er in sechs Kinos in England und Schottland uraufgeführt. Nur rund sieben Minuten lang, ist "The Fall" die erste Arbeit Glazers seit "Under the Skin". In dem sich jeder Genreeinordnung verweigernden Meisterwerk von 2013 hatte Glazer Scarlett Johansson als Außerirdische in Glasgow auf die Jagd geschickt, wo sie sich von Körpern und Seelen nichtsahnender Männer ernährte. "The Fall" ist ähnlich düster und hat einen ähnlich nervenzerrenden Soundtrack der Komponistin Mica Levi, ist aber weniger undurchdringlich. Obwohl die Umstände unklar bleiben - hat man es mit einer postapokalyptischen Stammesfehde zu tun oder ist das Ganze reine Allegorie? -, ist der Kurzfilm ein unzweideutiger Kommentar zu der Lynchmob-Mentalität, die nach Ansicht des Regisseurs im öffentlichen Diskurs und im gesellschaftlichen Umgang zusehends um sich greift.

In einem Gespräch mit dem Guardian, der einzigen öffentlichen Äußerung zu "The Fall" sagt Glazer, die unangekündigte Veröffentlichung habe eine Belastung des Films mit "irgendwelchen Erwartungen" verhindern sollen. Inspiriert von einem Jagdfoto der Trump-Söhne Eric und Donald Jr. mit einem toten Leoparden sowie von Goyas "Katastrophen des Krieges", habe er das irrationale Verhalten von verängstigten Menschen zeigen wollen: "Ein Mob ermutigt zum Verzicht auf persönliche Verantwortung. Der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland war zum Beispiel wie ein Fieber, das die Menschen erfasste. Und wir sehen, dass das wieder passiert."

Seinen Titel verdankt der Film dem Fall des Gefangenen: Der Mob wirft ihn in einen tiefen Schacht. Glazer hält unerträglich lange auf das Seil, das unter Rauchentwicklung rasend schnell über ein Metallgestell unten surrt, bis es sich ganz abgespult hat und mit hinabfällt. Während die Gang sich entfernt, zeigt sich, dass es dem Mann gelungen ist, seine Beine gegen die Schachtwände zu pressen und den Sturz zu bremsen. Dem Überleben folgt der Aufstieg nach oben. Ihn zeigt Glazer nicht mehr. Ein ambivalentes Ende, das Platz für Hoffnung lässt - und eine filmische Intervention, der vorführt, wie ein Künstler, der sein Handwerk virtuos beherrscht, unmittelbar und beispielhaft auf Gegenwärtiges reagieren kann.

© SZ vom 29.10.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite