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Filmkomödie:Lehren und Lernen

Das Stakkato der Argumente wie Musik: Agnès Jaoui spielt eine Frau mit guten Absichten in Gilles Legrands Komödie "Die Kunst der Nächstenliebe".

Von Fritz Göttler

Les Bonnes intentions. Un film de Gilles Legrand, avec Agnès Jaoui (Isabelle), Tim Seyfi (Adjin), Alban Ivanov (Attila), Claire Sermonne (Elke), Eric Vieillard (Christian), Tatiana Rojo (Arwa), Saliha Bala (Souad), Giedré Barauskaite-Barre (Mirsolava), ;

Nächstenliebe als Gesellschaftsspiel: Isabelle (Agnès Jaoui) bei einer Radltour mit ihren Schülern.

(Foto: Pascal Chantier/Neue Visionen)

Mein schöner Flüchtling, sagt Isabelle abends zärtlich zu ihrem Mann Ajdin. Sie hat ihn in Sarajewo kennengelernt, als sie dort im Balkankrieg Sozialdienst leistete in einer NGO, sie war dreißig, er zwanzig. Der Bosnier Ajdin ist irritiert - ist das nicht Rassismus? -, und er steigt augenblicklich aus dem Ehebett.

Isabelle und Rassismus? Sie engagiert sich mit vielerlei sozialen Aktivitäten, vehement, rund um die Uhr: Nahrungsmitteltafeln, Kleiderspenden für Bedürftige, ein Sprachkurs, in dem sie Migranten Französisch beibringt. Es ist die Dynamik, wie man sie von Agnès Jaoui aus vielen Filmen kennt, von denen sie einige selbst inszeniert hat. Die Strähne, die ihr aus ihrem nach hinten gesteckten Haarschopf immer über die Wange fällt, signalisiert Unangepasstheit und Anarchie, Hektik und Panik - dass man sein eigenes Leben nicht so ganz im Griff hat.

Die Nächstenliebe, wie Isabelle sie pflegt, ist nicht wirklich eine Kunst. Sie ist anstrengend, nervt, manchmal wie ein Gesellschaftsspiel. Man ist immer in der Defensive bei ihr.

Musst du immer alle culpabilisieren, stöhnt die Mutter am Familientisch über ihre Tochter. Culpabilisieren, den anderen Schuld zuschieben und Verantwortung, ein schlechtes Gewissen einreden, suggerieren, mit schuld zu sein an der Misere der Welt heute. Ich habe keine Zeit, um sie mit der Misere zu vergeuden, sagt dagegen Tatjana, eine von Isabelles Schülerinnen.

Klischees mit Schweizern sind okay, aber was ist mit den Juden?

"Les bonnes intentions" heißt der Film von Gilles Legrand im Original, er ist ein kleines Lehrstück über das Lernen und Lehren, wie man Erfahrungen macht und vermittelt, dass gerade gute Absichten oft besonders kontraproduktiv sind. Mit brechtianischer Fröhlichkeit rutschen die Lehrerin und ihre Schüler immer wieder aus ihren Rollen, tauschen Positionen. Ihr Brasilianer, sagt Isabelle mal zum Schüler Thiago, habt doch Musik im Blut, auch das kommt bei Mitschülern wieder wie Rassismus an. Aber nein, wehrt sich Isabelle, das ist doch nur ein Klischee, wie der Satz, die Schweizer lieben Schokolade. Oder, ergänzt ein Schüler die Klischeekette, die Juden lieben das Geld.

Klischees auch in der Rollenverteilung in der französischen Gesellschaft, Nächstenliebe versus Mutterpflicht. Was darf man der Familie zumuten, wie weit darf man sie, beim allgemeinen Engagement, zurückstellen? Eine perfekte Hausfrau, das knallt Isabelle ihrer Mutter an den Kopf, das sei doch auch eine Form der Prostitution. Gestörte Beziehungen liegen meistens an gestörter Sprache, das sagt ausgerechnet die Ehe-Psychologin, zu der Isabelle und Ajdin gehen, und die Art, wie sie die beiden analysiert, als Dritte im Bunde mitspielt, sich identifiziert, spricht Bände.

Isabelle bekommt Konkurrenz, Elke übernimmt den Parallelkurs, mit neuen, empathischen Methoden. Eine Klischee-Deutsche, une boche! Der Leiter der Sprachschule hat eine Aversion gegen das Ungestüme in Isabelles Auftreten, er wappnet sich dagegen, indem er sorgfältig seine Stifte spitzt. Isabelle radikalisiert ihre Methoden, eine Radltour zum Louvre, ein Führerscheinkurs, um bessere Bewerbungschancen zu haben. Als sie einer chinesischen Schülerin eine DVD gibt mit dem Film "Der Baum, der Bürgermeister und die Mediathek" von Éric Rohmer, weil die Leute dort schön langsam sprechen, merkt Elke an auf deutsch-altkluge Art: "Ich mag besonders seine Post-Nouvelle-Vague-Filme."

Man muss die Dialoge der Drehbuchautorin Léonore Confino, das Stakkato der Argumente musikalisch nehmen wie bei Rohmer, Note an Note, wie bei Schubert, so hat Jaoui es empfunden, manchmal zum Lachen, manchmal zum Weinen. Die Familie - die eigene und die globale - bewährt sich zum Schluss, wenn eins ihrer wichtigsten Mitglieder verschwindet. In dem Moment, da der Begriff der Familie sich definitiv zusammenschließt, löst er sich zugleich auf. "Manchmal meint man, zufällig in seiner Familie gelandet zu sein, fühlt sich fremd. Aber eine Familie ist nichts Geschlossenes, keine Zelle. Sie ist offen, bunt, lebendig, sie hat keine Grenzen."

Les bonnes intentions, F 2019 - Regie: Gilles Legrand. Buch: Léonore Confino. Kamera: Pierre Cottereau. Schnitt: Andrea Sedlácková. Mit: Agnès Jaoui, Alban Ivanov, Claire Sermonne, Tim Seyfi, Michèle Moretti, Philippe Torreton, Eric Viellard, Marie-Julie Baup, Didier Bénureau, Martine Schambacher, Romeo Hustiac, GiedRé. Neue Visionen, 103 Min.

© SZ vom 04.02.2020

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