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Filmkolumne "Mediaplayer":Vater, Tochter, Einsamkeit

Light of My Life" (DVD-Start am 24.1.2020)

Altklug, charmant: Anna Pniowsky spielt die elf Jahre alte Rag.

(Foto: Universum Film)

Eine Seuche hat sie alle hinweggerafft: "Light of My Life" - Casey Afflecks Dystopie über eine frauenlose Welt.

Eine Szene von schönster Alltäglichkeit: Ein Mann setzt sich in der Küche an den Tisch, vor sich hat er eine Tasse Kaffee stehen. Er schlägt das eine Bein über das andere, blättert ein paar Zeitungsseiten durch. Die Blätter sind steif und ein wenig vergilbt, es ist keine aktuelle Zeitung, so was gibt es schon viele Jahre nicht mehr. Plötzlich springt der Mann auf, scheucht das Mädchen nebenan auf, in den ersten Stock hinauf, hinein in einen Schrank. Auf dem Platz vor dem Haus hat es eine Bewegung gegeben, kaum wahrnehmbar, ein unbekannter Mann nähert sich.

Sich zurückziehen, in Deckung gehen, sich unsichtbar machen, Begegnungen vermeiden oder möglichst kurz und unfreundlich halten, kein Haus zu einem Heim machen. Eine Paranoia des Überlebens.

Der Mann in der Küche ist Casey Affleck, der diesen Film auch geschrieben und inszeniert hat, "Light of My Life", er lief voriges Jahr im Panorama auf der Berlinale. Ein Winterfilm, ein Vater und seine Tochter ziehen durch die kalte Einsamkeit der Wälder und Ebenen, Trappern gleich, sie nächtigen meistens in einem kleinen Zelt. Das Mädchen, elf Jahre alt, wird Rag genannt, hat einen Wuschelkopf und wenn der Vater mit Fremden von ihm spricht, nennt er es Alex. Eine Seuche hat fast alle Frauen auf der Erde getötet, die Frauenpest, auch Rags Mutter. Die wenigen überlebenden Frauen müssen verborgen werden, geschützt vor drohendem aggressivem Zugriff Fremder. Auf einer Mauer in einer der kleinen Städte, die Rag und der Vater aufsuchen, steht die Parole: We hail the mothers. Ein Vater und seine Tochter, das war im vorigen Jahr die dominante Paarung im Kino, auch in den Filmen von Debra Granik oder Claire Denis, "Leave No Trace" und "High Life".

Der Film ist entstanden aus Erfahrungen, nach der Scheidung, als alleinerziehender Vater, aus der Stimmung der "Me Too"-Bewegung - Affleck wurde von zwei Frauen sexuelle Belästigung vorgeworfen bei den Arbeiten an seinem Film "I'm Still Here", den er mit seinem Kumpel Joaquín Phoenix drehte - in Erinnerung an Science-Fiction-Kino-Katastrophen wie "World War Z", "La Jetee", "Mad Max".

Improvisiertes Erzählen ist der Nullgrad des väterlichen Helikopterns

Anfangs liegen Vater und Tochter im dunklen kleinen Zelt, und der Vater spinnt dem Mädchen eine Gute-Nacht-Geschichte aus, das Ur-Katastrophen-Garn von der Sintflut: Die Füchse Goldie und Art, unaufhörlich geht Regen nieder, der alte Noah wuselt herum - Grüß Gott, wie geht's -, sammelt Tiere für seine Arche, aber das Ding geht schief, Art wird der eigentliche Retter. Affleck hatte diese Geschichte Jahre zuvor dem Studio Warner verkauft, da war Art noch ein Erdferkel.

Solch improvisiertes Erzählen ist der Nullgrad des väterlichen Helikopterns. Dass Rag, gespielt von Anna Pniowsky, schon sehr viel selbständiger ist, merkt der Vater nicht. Sie hat den altklugen Charme der jungen Helden der französischen Nouvelle Vague, einmal hockt sie in einem Zimmer am Boden, als wäre sie einer der Büchermenschen in "Fahrenheit 451". Rag merkt sehr wohl die Anspielungen und Parallelen in den väterlichen Geschichten, manchmal greift sie korrigierend ein. Die kompliziertesten Fremdwörter kann sie ganz leicht buchstabieren, Alligator, narzisstisch, zentrifugal ... Gegen Ende, bei einer hastigen Flucht aus einem Haus, lässt der Vater sie aus einem Fenster im oberen Stock hinunter, aber er will nicht loslassen, es ist so hoch. Lass mich los, ruft sie ihm zu.

Häuser haben in der amerikanischen Geschichte und Literatur nie die Aura des Heimischen, sie sind Weiterzieh-Orte seit den Zeiten der Pioniere, bei James F. Cooper und Mark Twain, in den Living-Dead-Filmen von George Romero. Der Film ist in weiträumigen und langen Einstellungen inszeniert, mit wenig künstlichem Licht (Kamera: Adam Arkapaw). Als Vorbild nannte Casey Affleck "Jeanne Dielman" von Chantal Akerman. Ein Gegenstück zu seinem Film, eine Mutter und ihr Sohn, in einer kleinen Wohnung in der großen Stadt Brüssel.

Was ist, wenn du stirbst, fragt Rag den Vater, der sagt nur: Ich werde nicht sterben. Die Zukunft ist noch kein Thema in diesem Film, die neue Beziehung zwischen den Männern und den Frauen. Es fehlt Körperwärme. Erst am Ende nimmt Rag den verwundeten Vater in ihre Arme, das ist wie eine völlig verdrehte Pietà.

Light of My Life gibt es auf DVD oder Stream bei Universum.

© SZ vom 27.01.2020
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