bedeckt München 20°

Filminstallation:Die Frau, die einen Namen hat

"Flora"

„Flora“ von Teresa Hubbard und Alexander Birchler.

(Foto: Courtesy the Artists and Tanya Bonakdar Gallery, New York Los Angeles; Lora Reynolds Gallery, Austin; Teresa Hubbard, Alexander Birchler)

Teresa Hubbard und Alexander Birchler erinnern an Flora Mayo, die vergessene Künstlerin und Geliebte Giacomettis

"Ich nannte ihn Jack. Er nannte mich die Amerikanerin." Mit diesen Worten beschreibt Flora Mayo ihre Beziehung zu Alberto Giacometti in der Installation "Flora" von Teresa Hubbard und Alexander Birchler. Diese Namenlosigkeit und ein Schwarz-Weiß-Foto, das die beiden sowie eine von ihr geschaffene Büste Giacomettis in den Zwanzigerjahren zeigt - mehr war von Flora Mayo, der Künstlerin und Geliebten Giacomettis, lange nicht geblieben. Ein Schicksal, das sie mit vielen Frauen im Umfeld von bekannten Künstlern teilte. Sie gingen als Geliebte, als Muse, mitunter noch als Gehilfin der großen Meister in die Geschichte ein. Und wenn sie Glück hatten, kannte man wenigstens ihre Vornamen.

Dass Flora Mayo in der doppelseitigen Filminstallation mit fiktiv-dokumentarischen Charakter nun als "Flora" eine späte Genugtuung erfährt, ist der Hartnäckigkeit des amerikanisch-schweizerischen Künstlerpaars Hubbard/Birchler zu verdanken. Denn als die beiden den Auftrag erhielten, für die Biennale 2017 in Venedig eine Arbeit für den Schweizer Pavillon zu entwickeln, stießen sie auf Mayo. Die Bildhauerin schien in Giacomettis Lebensgeschichte bis auf wenige Spuren ebenso abwesend zu sein wie der Künstler selbst in dem von seinem Bruder erbauten Biennale-Pavillon, in dem auszustellen er sich mit dem Hinweis, er sei kein Schweizer, sondern ein internationaler Künstler, zeit seines Lebens weigerte.

Hubbard und Birchler wollten Leerstellen füllen. Sie machten die Abwesenheit zum Thema ihrer Arbeit, die die Sammlung Goetz von Anfang an zusammen mit zwei weiteren internationalen Institutionen förderte und nun in der Akademie der Schönen Künste zeigt. Bei Flora Mayo hätte die Kunstgeschichte beinahe dafür gesorgt, dass selbst die wenigen Spuren, die es von ihr gab, zerstört worden wären.

In den Achtzigerjahren würdigte der bekannte Giacometti-Biograf James Lord sie zu einer sexistischen Fußnote herab. Und 2005 behauptete die renommierte Giacometti-Forscherin Véronique Wiesinger, die Frau auf dem Foto sei nicht Mayo und deshalb stamme die Giacometti-Büste auf dem Foto nicht von ihr. "Mit Wiesingers gedruckter Behauptung", so Alexander Birchler in einem 2018 veröffentlichten Interview, "wird Flora Mayo im Grunde ein zweites Mal als Künstlerin ausgelöscht".

Doch die Negierung von Mayos künstlerischer Bedeutung stachelte Hubbard und Birchler um so mehr an. Seit fast 20 Jahren arbeiten sie als Künstlerpaar zusammen und sind selbst permanent Urteilen und Vorurteilen über gemeinsames künstlerisches Arbeiten ausgesetzt. So machten sie sich auf die Spuren nach Mayos Leben. Sie entdeckten ihren mittlerweile über achtzigjährigen Sohn in den USA und rekonstruierten mit seiner Hilfe ein Teil des Lebens von Flora Mayo.

Entstanden ist keine Dokumentation, sondern eine doppelseitige Filminstallation mit zwei parallel laufenden Geschichten. Auf einer Seite erzählen Hubbard und Birchler die Lebensgeschichte Flora Mayos in Schwarz-Weiß-Bildern aus dem Blickwinkel der Zwanzigerjahre fiktiv nach. Auf der anderen Seite entdeckt Floras Sohn David anhand der Hinterlassenschaften, die er in seiner Garage verwahrte, das Leben seiner Mutter - und seine eigene, schwierige Beziehung zu ihr neu. Wer Giacometti war, wusste er lange Zeit nicht. Er hatte nur die Fotos des "Typen mit den drolligen Haaren" aufgehoben, weil seine Mutter auf diesen Bildern zu sehen war, wie er Hubbard und Birchler erzählte.

So trifft eine fiktive Rekonstruktion der Vergangenheit auf eine dokumentarische. Die Tonspur verläuft in der Mitte und verbindet die beiden Erzählstränge. Für die Betrachter ist es unmöglich, beide Seiten der Lebensgeschichte Flora Mayos bildlich parallel zu verfolgen, sie müssen hin- und herwechseln. Doch gerade von diesem Wechselspiel zwischen der filmisch dichten, eindringlichen Fiktion und der mit Hilfe von Davids Erinnerungen simpel erzählten Dokumentation lebt "Flora".

Ein integraler Bestandteil der Biennale-Arbeit ist eine großformatige Reproduktion des Fotos, mit dem die Recherche von Hubbard und Birchler seinen Ausgang nahm. Außerdem "Bust", ein Bronzeguss der rekonstruierten Büste, die Flora Mayo einst von Alberto Giacometti schuf. In der Mehrdeutigkeit des englischen Titels "Bust" liegt zudem ein Verweis auf ein vielfältiges Scheitern Flora Mayos. Unzählige weitere Aufnahmen Giacomettis waren notwendig, um "Bust" zu erschaffen, da der Kopf auf dem historischen Foto nur in einer Seitenansicht zu sehen ist. In gewisser Weise deutet das aber auch an, wie vielfältig das Wissen über Alberto Giacometti ist. Während man von Flora Mayo, die in Paris fast alles zerstörte, was sie je geschaffen hatte, und nach ihrer Rückkehr in die USA als Putzfrau und Fabrikarbeiterin ihr Leben fristete, nun wenigstens den Namen kennt.

Teresa Hubbard / Alexander Birchler: Flora , Sammlung Goetz in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Max-Joseph-Platz 3, bis 24. Mai, Mo-Sa 11-16 Uhr