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Filmgeschichte im Buch "The Big Goodbye":Leuchten der Zwischenzeit

Chinatown

Jack Nicholson als Privatdetektiv in „Chinatown“ – geschrieben von Robert Towne, inszeniert von Roman Polanski, produziert von Robert Evans.

(Foto: Universal Home Entertainment)

In Sam Wassons Buch "The Big Goodbye" wird die Entstehung des Films "Chinatown" zum Roman. Vier Freunde finden dafür 1974 zusammen, neue Stars mit Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit.

Von Fritz Göttler

Dieses Drehbuch versteht niemand, warnte Anfang der Siebziger auf einer Party ein wohlmeinender Freund Robert Evans, den Produktionschef des Studios Paramount. "Was gibt's da zu verstehen?", fragte Evans zurück. "Ich habe Irish, den Polacken und den größten Schreiber der Stadt. Und die Zeit, Los Angeles 1937. Wissen Sie, was das ist? Das ist ein Klassiker. Das ist romance."

Irish, so wurde unter Freunden Jack Nicholson genannt, der in dem Film spielen wollte, einen Privatdetektiv in der Tradition von Chandler und Hammett, der "Polacke" war Roman Polanski, der Regie führen sollte, der Schreiber Robert Towne, damals einer der stärksten Drehbuchautoren des New Hollywood. Der Film, den Evans gerade produzierte, war "Chinatown".

Die Geschichte dieses Films ist die Geschichte dieser vier Männer, alle schillernde Figuren in der Hollywoodlandschaft, die sich radikal veränderte. Die Jahre der Filmemacher war vorüber, die der Geschäftemacher und Blockbuster angebrochen - 1975, ziemlich genau ein Jahr nach der Premiere von "Chinatown", kam Spielbergs "Weißer Hai" in die Kinos, der Hollywoods Kalkulationen und Konzepte für immer auf den Kopf stellte. "Chinatown" war wie ein Abgesang, in ihm wurde noch einmal der Geist des alten Hollywood beschworen, der Gruppengeist, ein gemeinschaftlicher Enthusiasmus, eine spontane Generosität, eine selbstverständliche Loyalität, eine professionelle Lust am Erzählen. Davon erzählt Sam Wasson in seinem Buch "The Big Goodbye. Chinatown and the Last Years of Hollywood", das dieses Frühjahr erschienen ist (englische Ausgabe bei Faber & Faber, 397 Seiten). Es ist die ungemein intime und intensive Geschichte der vier Männer, ihrer Träume und Visionen, und der Frauen und Freunde um sie her, der Techniker und Kollegen - zum Beispiel Art Director Richard Sylbert oder seine Schwägerin Anthea, die Kostümbildnerin, oder der Kameramann John Alonzo. Wasson hat ein aufregendes Gespür für Zwischen- und Übergangszeiten, er hat bereits Bücher über Bob Fosse, Paul Mazursky und Blake Edwards geschrieben, außerdem eins über "Breakfast at Tiffany's". Es ist eine Geschichte auch von L. A., der Pionier- und Hippiestadt, von ihrer Freiheit, immer von Korruption und Perversität durchzogen: "Wenn die Stadt je wusste, was sie war, blieb sie dabei, dies zu vergessen."

Eine Stadt, wo das Kino auch ein Versuch war, Leben zu absorbieren. Mehrfach kreuzen sich die Wege der vier Männer. Nicholson und Towne waren in den Fünfzigern im Schauspielunterricht bei Jeff Corey, der 1951 auf die Schwarze Liste geraten war. Bob Evans hat Polanskis ersten amerikanischen Film produziert, "Rosemary's Baby". Nach der Ermordung Sharon Tates 1969 versuchen die Freunde, Polanski aus seiner Lethargie zu holen. Drei Jahre nach "Chinatown" wird er als skandalumwitterter Justizflüchtling für immer aus den USA verschwinden.

Als Schreiber hat Robert Towne sein Drehbuch erträumt - Polanski hat ihn daraus geweckt

Spielt es denn in Chinatown, fragt Robert Evans, als Robert Towne ihm sein Projekt erstmals vorstellt. Nein, ist die Antwort, Chinatown ist ein state of mind. Genau wie Hollywood in den Siebzigern: Seine großen Filmemacher sind alt geworden, die alte Studiomagie verflüchtigt sich, diese unglaubliche Nachkriegslässigkeit. Robert Towne aber gilt als ein junges Wunderkind, er hat in den Sechzigern das Script von "Bonnie and Clyde" für seinen Kumpel Warren Beatty repariert, für Francis Coppola hat er beim "Paten" schnell mal an einer Szene zwischen Marlon Brando und Al Pacino rumgebastelt. "Er nahm sich Zeit nachzudenken. Gedanken verließen seinen Mund voll ausformuliert ... Er war womöglich der einzige Drehbuchschreiber der Geschichte, der entspannt aussah ... Er liebte die Sonne, schrieb nachts."

Monate quält Towne sich ab mit dem Script von "Chinatown", Berge von gelben Notizzetteln, 350 Seiten Script, er muss, Roman besteht darauf, all die Nebenfiguren und Episoden wieder wegstreichen, die ihm lieb und wichtig sind. "Als Schreiber musste Towne ein Drehbuch erträumen. Als Regisseur musste Polanski ihn daraus aufwecken." Hier kommt ein unsichtbarer Fünfter ins Spiel: Der Starautor Towne hat einen silent partner, seinen Freund Edward Taylor, der an der Uni Soziologie und Statistik lehrt und bei ihm wohnt, haufenweise Krimis liest und ihm hilft, Szenen, Handlungsgerüste, Charaktere zu konstruieren, ohne jemals einen Credit dafür zu beanspruchen.

Im Mittelpunkt steht natürlich Robert Evans, der einstige Schauspieler, blendend aussehend, als Produzent ein Meister der Hebammenkunst, "Chinatown" produziert er mit seiner eigenen Firma. Woodland heißt sein Luxusanwesen, mit Swimmingpool und Superprojektionsraum, 32 Telefonen in allen möglichen Räumen, er macht am liebsten Home-Office, im Bett. "Du hast eine königliche Dekadenz in deinem Knochenbau", bescheinigt ihm Helmut Newton, der Fotograf, "die ich nirgendwo auf der Welt sonst finden kann."

"The Big Goodbye" ist ein Roman in der großen, durchaus feudalen amerikanischen Tradition, poetisch und pathetisch - aber am Ende gibt es etwa fünfzig Seiten mit Anmerkungen, die Fakten und Formulierungen akribisch nachweisen. Er beschwört eine verlorene Zeit, eine Lost Generation, die aus ihrem Verlorensein die Kraft zieht zu einem letzten endgültigem Werk. "Ich fand immer", sagt Robert Towne, "dass Hemingways 'Der alte Mann und das Meer' vom kreativen Prozess handelt. Der alte Mann war gut genug, den großen Fisch an den Haken zu kriegen, aber nicht stark genug, ihn einzuholen. Das ist die Tragödie. Er konnte einen Roman konzipieren, ihn aber nicht vollenden. Und eines Tages pustete er sich das Hirn raus."

© SZ vom 30.07.2020

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