Filmgeschichte:Die Casting-Couch, ein Synonym für Missbrauch

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(Foto: Padi Goldstein/Unsplash.com)

Der Begriff "Besetzungscouch" ist fast so alt wie Hollywood. Er klingt lustig, beschreibt in Wahrheit aber fast immer widerliche Unterdrückung - und oft ein Verbrechen.

Von David Steinitz

Im Jahr 1924 kursierte in Hollywood ein Sexstummfilm, in dem ein junges Mädchen das Büro eines Zigarre rauchenden Produzenten betritt, der ihr in Lüstlingsmanier klarmacht, was er von ihr erwartet. Freudig steigt sie auf sein Angebot ein, die beiden schlafen miteinander, und hinterher unterschreiben sie lächelnd einen Vertrag, der das Mädchen wie vereinbart zum Star machen soll. Der Titel des Films: "Casting Couch". Besetzungscouch.

Die Filmwissenschaftlerin Linda Williams bezeichnet das Werk in ihrer Geschichte der Pornografie - "Hard Core" aus dem Jahr 1989 - als einen der ersten, nun ja, Klassiker des Genres. Aber da keine Filmkopie überliefert ist und nur feststeht, dass es den Film gab, ranken sich um ihn bis heute Legenden. Das prominenteste Gerücht: Joan Crawford habe die Hauptrolle gespielt, als sie noch kein Star war und unter ihrem Geburtsnamen Lucille Fay LeSueur nach Hollywood kam. Ganze Bücher drehen sich um die Frage, ob sie tatsächlich darin zu sehen war oder nicht.

Unabhängig davon kann man aber festhalten, dass die Casting Couch offensichtlich schon im Jahr 1924 ein feststehender Begriff war. Und tatsächlich lässt sich das Phänomen bis in die Anfänge Hollywoods zurückverfolgen, als die Filmindustrie noch gar nicht der glamouröse Machtappart war, der sie später wurde.

Der Begriff der Casting Couch selbst tauchte sogar noch früher auf, nicht an der West-, sondern an der Ostküste. Der Etymologe Peter Tamony bringt die erste Nennung mit den Brüdern Shubert in Verbindung. Diese betrieben Anfang des 20. Jahrhunderts am Broadway nicht nur sehr erfolgreich ein Theater, sondern wohl auch eine Couch im Hinterzimmer, die dem Vorgang bis heute ihren Namen gibt. Besonders der älteste Bruder, Lee, soll Mädchen in seinem großen Chor regelmäßig Hauptrollen im Tausch gegen Sex angeboten haben.

Dass die Casting Couch eine etwas zweifelhafte Institution sein könnte, wurde in den goldenen Jahren Hollywoods durchaus erkannt. Die Zeitschrift The Atlantic hat anlässlich des Skandals um den Produzenten Harvey Weinstein einen Auszug aus dem Text eines New Yorker Journalisten aus den Zwanzigerjahren abgedruckt. Der Reporter schrieb, offensichtlich entsetzt über die Bräuche in der Filmbranche, einen Text über die "Sittenlosigkeit im Kamera-Land". Darin heißt es, dass "junge Frauen in der von ihnen gewählten Profession nicht vorankommen, wenn sie nicht den Avancen von Studio-Managern, Regisseuren oder einflussreichen männlichen Stars nachgeben".

Auch der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald, der sich in seinen letzten Lebensjahren als Autor in Hollywood verdingte, griff in seinem unvollendeten letzten Roman "Der letzte Taikun"(1941) das problematische Machtgefälle der Casting Couch als Hollywoodalltag auf.

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