Filmförderung Schluss mit "Stupid German Money"

Seit die Segnungen der deutschen Filmförderung nicht mehr nach Hollywood abwandern und der Staat Filmemachern das Geld förmlich aufzwingt, wird in Deutschland gedreht wie wild.

Von Tobias Kniebe

Seit Anfang des Jahres hat die Bundesregierung eine klare Botschaft an jedermann, der in Deutschland einen Film drehen möchte, und frei übersetzt lautet diese Botschaft so: Wenn du dich nicht komplett bescheuert anstellst, würde der Staat gern sechzehn Prozent deines Budgets bezahlen - ohne Rückzahlung, ohne große bürokratische Hürden, garantiert. Die Menschen, die für die praktische Umsetzung dieser Botschaft zuständig sind, nehmen ihre Aufgabe ernst. Man sollte als deutscher Filmproduzent zum Beispiel nicht herumerzählen, an dem Versprechen sei nichts dran, das Kleingedruckte sei zu kompliziert, und man habe eh keine Chance, an das Geld heranzukommen. Sonst kann es nämlich passieren, dass die Projektleiterin Christine Berg plötzlich persönlich vor der Tür steht, ein paar Formulare auspackt und nicht eher wieder geht, bis der Ungläubige bekehrt ist und einen erfolgreichen Antrag ausgefüllt hat. Kein Witz, so ist es tatsächlich passiert. "Wir betrachten uns als Dienstleister", sagt Christine Berg, 41, und lacht.

Tom Cruises "Valkyrie" erhält 4,8 Millionen Euro Fördergelder.

(Foto: Foto: Getty Images)

Deutscher Filmförderfonds (DFFF) heißt diese neue Dienstleistung, und der Juli ist ein guter Monat, um eine erste Bilanz zu ziehen: Wer dieses Jahr noch drehen will, muss ungefähr jetzt seine Anträge gestellt und sein Geld beisammen haben. Fazit: Von den 60 Millionen Euro, die für 2007 zu vergeben waren, sind 55 Millionen inzwischen weg. Die Förderung von mehr als vierzig Filmen - vom neuen Caroline-Link-Projekt "Im Winter ein Jahr" über "Die wilden Kerle 5" bis zu Tom Cruises Stauffenberg-Hommage "Valkyrie" - ist offiziell bekanntgegeben, viele weitere, wie Bernd Eichingers "Baader-Meinhof Komplex" oder Heinrich Breloers "Buddenbrooks", sind fest gebucht. Damit lässt sich ziemlich genau hochrechnen, wie viel Geld an reinen Filmproduktionskosten in diesem Jahr in Deutschland ausgegeben wird, nämlich ungefähr 375 Millionen Euro. Mit anderen Worten: Es wird wie wild gedreht.

Setzt man diese Zahlen mit dem ursprünglichen Ziel der Maßnahme ("Anreiz zur Stärkung der Filmproduktion in Deutschland") in Beziehung, muss man von einem Erfolg sprechen. Auch vorher flossen viele deutsche Steuermillionen in die Filmwirtschaft, allerdings landeten sie über fragwürdige (und teilweise inzwischen als kriminell eingestufte) Fondsmodelle zum größten Teil direkt in Hollywood, ohne dass deutsche Filmschaffende etwas davon hatten. Diesem Irrsinn, in der Branche als "Stupid German Money" bekannt, schob das Finanzministerium Ende 2005 einen Riegel vor. Seitdem gelten Subventionen für den Film dort als gefährlicher Unsinn. Als der neue Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) antrat, musst er schon persönlich bei Peer Steinbrück vorstellig werden, um nochmal 180 Millionen für drei Jahre lockerzumachen, mit dem hohen und heiligen Versprechen, das Geld werde diesmal wirklich in Deutschland ausgegeben. Diese Zusicherung darf, auch bei den mit hohen Summen geförderten Hollywoodfilmen "Speed Racer" (9 Millionen) und "Valkyrie" (4,8 Millionen), die derzeit in Berlin-Babelsberg gedreht werden, als erfüllt gelten.

"Bisher haben wir noch niemanden abgelehnt"

Seitdem gilt der Pragmatiker Neumann, der sich so gar nicht als raumgreifender Kulturdenker à la Jack Lang präsentiert, als stiller Held der deutschen Filmwirtschaft. Beim Festival von Cannes lud er im Mai zum Hintergrundgespräch auf das Arte-Boot, präsentierte sich braungebrannt im Freizeitlook und schwärmte vom "positiven Feedback aus der Branche". In der Tat: Man wird kaum ein schlechtes Wort über ihn hören. "Dass wir fest mit sechzehn Prozent des Budgets planen können, ohne ewig im Konjunktiv reden zu müssen, ist für eine mittelständische Filmproduktion gar nicht hoch genug zu bewerten", sagt etwa der Münchner Produzent Jakob Claussen. Stefan Schubert von der Hamburger Wüste Filmproduktion spricht von einem "guten aber auch notwendigen Instrument", und Stefan Arndt von X-Filme ergänzt: "Das Geschäft in Berlin brummt derart, dass wir unsere Kameras jetzt schon in Holland leihen müssen. Die guten Leute haben alle mindestens drei Angebote auf dem Tisch."

Es ist der Sommer der Liebe zwischen Filmwirtschaft und Politik, aber eines betonen die Produzenten auch: Der Härtetest für das neue Modell steht erst noch bevor. Momentan scheint das verfügbare Geld ziemlich exakt dem Bedarf zu entsprechen, aber wenn der Produktionsboom anhält, wird es schon bald nicht mehr für alle reichen. Sobald ein deutscher Film leer ausgeht, während ein weiteres Hollywood-Projekt nach Deutschland kommt und dafür neun Millionen Euro erhält, könnte es Krieg geben. Dann wird der sogenannte "kulturelle Eigenschaftstest", den die geförderten Projekte bestehen müssen, genauer unter die Lupe genommen, und diese Liste enthält einigen Interpretations-Sprengstoff. Denn wie genau wäre etwa folgende Regelung auszulegen: "Handlung/Stoffvorlage bezieht sich auf eine Persönlichkeit der Zeit- oder Weltgeschichte (z.B. Gandhi) oder eine fiktionale Figur der Kulturgeschichte (z.B. Herkules, Siegfried, Hänsel und Gretel)"? Erkennbar ein sehr weites Feld. "Bisher haben wir noch niemanden abgelehnt, und es gab Gott sei Dank keinen strittigen Grenzfall", sagt Projektleiterin Berg. "Aber ich gebe zu, dass mir manche Paragraphen schlaflose Nächte bereiten."

Zufall? Verfilzung? Gedankenlosigkeit?

Dass Tom Cruises urdeutsches Stauffenberg-Projekt den "kulturellen Eigenschaftstest" mit fliegenden Fahnen bestanden hat, ist klar. Wie genau eine Comic-Verfilmung wie "Speed Racer" (kein deutsches Thema, keine deutschen Motive, keine deutschen Autoren oder Regisseure, kein kulturgeschichtlich relevanter Stoff, dafür aber sehr viel in Deutschland ausgegebenes Geld) durchgekommen ist, bleibt nach dem Plan des Ministeriums interne Verschlusssache. Diese Geheimniskrämerei wird sich auf Dauer kaum rechtfertigen lassen. Gerade weil das Verfahren keine Wertungen enthalten soll (wie alle anderen Förderungen, die letztlich per Geschmacksurteil vergeben werden), wird der kulturell interessierte Steuerzahler auf volle Transparenz drängen, sobald es Konflikte gibt. Besonders jene Entscheidungen, bei denen der DFFF seine generelle Förderungs-Obergrenze von vier Millionen Euro pro Film außer Kraft setzt und überschreitet, müssen sich dann auf eine harte Prüfung gefasst machen.

Dies ist bisher zweimal passiert, bei den schon genannten Beispielen "Speed Racer" und "Valkyrie". Beide Hollywood-Produktionen werden in den Babelsberg-Studios in Potsdam gedreht, bei beiden tritt ein Subunternehmen der Studio Babelsberg AG als deutscher Produzent und Antragsteller auf. Kreativen Einfluss traut man diesen "Produzenten" kaum zu, aber darum geht es auch nicht: Hier werden Studiokapazitäten subventioniert, das schafft lokale Arbeitsplätze und stärkt den Wirtschaftsstandort, von Starpräsenz und Glamour mal ganz zu schweigen. Die Babelsberg-Firmengruppe ist damit einer der größten Profiteure des neuen Fonds, und daran wäre auch nichts auszusetzen - säße nicht ausgerechnet Babelsberg-Vorstandsmitglied Christoph Fisser auch noch im "Beirat" des DFFF. Dieses Gremium muss immer dann entscheiden, wenn Beträge von mehr als vier Millionen Euro vergeben werden - also exakt dann, wenn Fisser selbst betroffen ist. Zufall? Verfilzung? Gedankenlosigkeit?

Den fraglichen Sitzungen sei der Mann selbstverständlich ferngeblieben, heißt es - aber das waren auch die einzigen Sitzungen, die bisher überhaupt stattfanden. So stellt sich die drängende Frage, was er in dem Gremium eigentlich verloren hat. Hier muss die Bundesregierung aufpassen, dass sich eine gute Botschaft an die Filmbranche nicht bald ins Ungute verkehrt - etwa so, dass sich die eifrigsten Lobbyisten hier selbst die fettesten Brocken zuschieben.

Der Grinsemann

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