Filmfestival Cannes Eine Beinahe-Saalschlacht und das vorzeitige Ende des Festivals

Solidarität mit den Studenten und Arbeitern: François Truffaut (rechts) und andere demonstrieren 1968 in Cannes.

(Foto: Raoul Fornezza/AP)

Wie das "Terrorkommando" der Nouvelle Vague um Jean-Luc Godard und François Truffaut es schaffte, die Filmfestspiele von Cannes im Mai 1968 zum Abbruch zu zwingen.

Von David Steinitz

"Wer sich in dieser Situation für Montagen und Großaufnahmen interessiert", schrie der Regisseur Jean-Luc Godard im Mai 1968 ins Publikum des Festivalpalastes von Cannes, "der ist wirklich ein Idiot!". Das war kurz bevor er sich mit ein paar anderen Filmemachern an den Vorhang vor der Kinoleinwand hängte, um die Premiere von Carlos Sauras "Peppermint Frappé" zu verhindern. Nicht wegen des Films, sondern um das Festival insgesamt zum Abbruch zu zwingen - Saura selbst hängte sich laut Augenzeugen gleich neben ihn.

Ja, auch das Festival von Cannes hatte seinen 68er-Moment. Und weil in Frankreich seinerzeit die Regisseure der Nouvelle Vague den Ton angaben, welche die Filmkritikerin Frieda Grafe nicht ganz zu Unrecht als "Terrorkommando" bezeichnete, ging es an der Croisette hoch her. Das Ergebnis: eine Beinahe-Saalschlacht und das vorzeitige Ende des Festivals.

Aber der Reihe nach. Vor 50 Jahren, im Frühjahr 1968, war in Frankreich die Hölle los. Neben den Studentendemos gegen den Vietnamkrieg und andere imperialistische und kapitalistische Zumutungen der Amerikaner protestierten die Franzosen auch gegen ihre eigene Regierung unter Präsident Charles de Gaulle. Millionen Arbeiter beteiligten sich an einem Generalstreik, weshalb allein der Weg nach Cannes durch eine lahmgelegte Infrastruktur keine leichte Sache war. Auch die jungen Filmemacher der Nouvelle Vague - Jean-Luc Godard, François Truffaut und Kollegen - hatten eine heftige Auseinandersetzung mit der Regierung, genauer gesagt mit dem Kulturminister André Malraux.

Der wollte aufgrund persönlicher Animositäten den Leiter der Pariser Cinématheque, Henri Langlois, loswerden, den die jungen Cineasten zutiefst verehrten. Sie liefen Sturm, um die sofortige Wiedereinsetzung ihres Idols zu erreichen, was ihnen im Verlauf der Ereignisse auch gelang. Denn die Cinématheque war für sie so etwas wie Schule und Hauptquartier zugleich gewesen. Das Programm, das Langlois auswählte, war prägend für ihren Filmgeschmack. Die Affäre wurde später auch in mehreren Spielfilmen aufgegriffen, zum Beispiel in Truffauts "Geraubte Küsse" oder in Bernardo Bertoluccis "Die Träumer".

Als dann mitten in dieser aufgeheizten Stimmung am 10. Mai 1968 die Filmfestspiele von Cannes ausgerechnet mit einer restaurierten Fassung von "Vom Winde verweht" eröffneten, platzte den jungen Filmemachern der Kragen. Wie um alles in der Welt, dachten Godard und Konsorten, könne man sich jetzt im Frack amerikanische Schnulzenklassiker anschauen, während die Regierung macht, was sie will, und die Studenten auf die Straße gehen?

Eine Gruppe um Godard und Truffaut fuhr nach Cannes, hielt wütende Pressekonferenzen ab, beschimpfte die Festivalleitung und forderte den sofortigen Abbruch der Veranstaltung aus Solidarität mit den Protestierenden und Streikenden.

Höhepunkt der kleinen Cannes-Revolution war die Intervention bei der Premiere von Carlos Sauras Film, bei der es zu Unruhen und Handgreiflichkeiten im Publikum kam. Manche Zuschauer verlangten ebenfalls das Ende des Festivals, andere wollten einfach den Film sehen. Am 18. Mai erklärten sich unter anderen die Jurymitglieder Roman Polanski und Louis Malle mit den Protestierenden solidarisch, am 19. Mai brachen die Verantwortlichen das Festival tatsächlich ab, aus Angst vor weiteren Unruhen. In dem Jahr wurden keine Preise mehr verliehen. Von den 28 Filmen, die für den Wettbewerb ausgewählt worden waren, wurden insgesamt nur elf gezeigt.

"Truffaut schrie längst nicht so viel herum wie Godard, der war der Hauptanstifter."

So gemeinschaftlich und solidarisch, wie die Protestaktion von 1968 im Nachhinein manchmal dargestellt wird, ist sie allerdings wohl nie gewesen. Roman Polanski, der damals mit seiner Frau Sharon Tate an der Côte d'Azur war und einen hektischen Anruf von Truffaut bekam, er solle sofort zu einer Pressekonferenz kommen, sagte im Nachhinein: "Ich fand das vollkommen lächerlich. Mir war einfach nicht klar, wo der Zusammenhang zwischen den Studentenprotesten in Paris und dem Festival sein sollte. Das ging vielen meiner Kollegen ähnlich, aber wir wurden einfach überstimmt oder niedergeschrien. Ich wurde gezwungen, von der Jury zurückzutreten."

Den Versuch, die Premiere von Sauras Film zu verhindern, indem man sich an den Vorhang krallt, hat Polanski eher als Slapstick-Einlage in Erinnerung: "Der Vorhang war riesig und er musste von einem sehr starken Motor betrieben worden sein, weil sie wie Trauben an ihm dranhingen." Godard und Truffaut traten damals zwar noch gemeinsam auf, waren aber eigentlich längst zerstritten. Polanski erinnert sich: "Truffaut schrie längst nicht so viel herum wie Godard, der war der Hauptanstifter."

Ähnlich wie in Deutschland beim Jungen Deutschen Film hatte es die oft beschworene Einheit der Nouvelle Vague sowieso nie gegeben. Nach außen erschien es vielleicht so, weil die Regisseure alle einer jungen Generation angehörten, die für einen Neuanfang im französischen Kino kämpfte. Aber Differenzen waren von Anfang an da, und vor allem das Duo Godard/ Truffaut entwickelte sich in unterschiedliche Richtungen. Godard warf Truffaut vor, dass er sich zu sehr auf die klassische Kinokunst und zu wenig aufs Politische konzentriere. Er ekelte sich regelrecht vor den traditionellen Erzählkonventionen. In seiner Groteske "Week-end" von 1967 schrieb er "fin de cinéma" in den Abspann, das Ende des Kinos, und konzentrierte sich danach auf Experimentalfilme. Truffaut wiederum regte sich über Godards Aufmerksamkeitshascherei auf, die dieser mit seinen Auftritten vor der Presse betrieb. Er bezeichnete ihn als "die Ursula Andress der Militanz". Eine Zeit lang schrieben sie sich noch Briefe, sprachen aber nicht mehr miteinander. Truffaut starb 1984. Aber Godard, nun 87 und zerzaust und wütend wie eh und je, ist dieses Jahr, zum Jubiläum der 68er-Proteste, wieder dabei. Er stellt im Wettbewerb seinen neuen Film "Le Livre d'image" vor.

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