Filmfestspiele Venedig Im Luxus-Spukschloss

Der "Mostra" droht in diesem Jahr erstmals Konkurrenz aus dem eigenen Land - aber mit Brian De Palmas "Black Dahlia" hat sie einen starken Start.

Von Susan Vahabzadeh

Venedig ist die Mutter aller Filmfestivals, seine Mostra war schon ein paar Jahre vor Cannes und Berlin in der Welt - aber nun droht ausgerechnet im eigenen Land, im 63.Jahr, plötzlich starke Konkurrenz. Mitte Oktober wird in Rom erstmals das Feste del Cinema stattfinden. Wie immer dieser Zweikampf auf der filmischen Seite ausgeht - auf der sieht es einstweilen ganz gut aus für Venedig -, der Clash mit Rom bedeutet auf jeden Fall eine schlechte Nachricht. Natürlich belebt Konkurrenz das Geschäft, aber auch wenn Rom Venedig am Ende mehr Profil abverlangt und cineastische Glaubensbekenntnisse: Geld ist knapp in Venedig, ein neuer Festivalpalast müsste her, und dass es nun einen zweiten Bewerber gibt um die wenigen Mittel, erstickt erst mal alle Hoffnungen auf baldige Lösung der finanziellen Misere.

Zunächst einmal haben die Venezianer der drohenden Konkurrenz auf den Leinwänden den Kampf angesagt - mit dem Wettbewerb, den Marco Müller in seinem dritten Jahr als Festivaldirektor zusammengestellt hat, wird Rom nicht mithalten können. Müller hat aufsehenerregende, große Filme gemischt mit cineastischen Raritäten, und genug Hollywood-Glamour ist auch dabei. 21 nominierte Wettbewerbsfilme plus, wie üblich, einen Überraschungsfilm werden sich Jurypräsidentin Catherine Deneuve und ihre Mitstreiter, unter ihnen Cameron Crowe und Michele Placido, in den kommenden Tagen anschauen. Den mexikanischen Trend, der sich in Cannes andeutete (mit "Babel", von Alejandro González Iñárritu), setzt Alfonso Cuarón mit "Children of Men" fort, und der Hongkong-Copfilm-Spezialist Johnny To, eigentlich ein Cannes-Stammgast, präsentiert "Exiled". Darren Aronofskys "The Fountain" und Paul Verhoevens "The Black Book" laufen ebenfalls im Wettbewerb, dazu der neue Film von Stephen Frears, "The Queen", mit Helen Mirren als Elizabeth II., und der neue Alain Resnais - in "Private Fears in Public Places" spielen Lambert Wilson, Sabine Azema, Pierre Arditi und André Dussollier, sein "On connait la chanson"-Team. Und Jean-Marie Straub und Danièle Huillet sind dabei, mit "Quei loro incontri" - die Straubs im Wettbewerb von Venedig, das ist ein Novum. Ihr letzter großer Festivalauftritt fand übrigens vor fast zwanzig Jahren statt, 1987 bei der Berlinale, mit "Der Tod des Empedokles".

Außer Konkurrenz sind außerdem "Inland Empire" von David Lynch zu sehen, mit Jeremy Irons, die Bestsellerverfilmung "The Devil Wears Prada" , mit Meryl Streep, und Oliver Stones "World Trade Center" mit Nicolas Cage. Das sollte für ein bisschen Aufruhr am Lido, ein Spalier der Schaulustigen am Rand des roten Teppichs eigentlich reichen. Deutschland bleibt außen vor im Wettbewerb - nur Edgar Reitz ist in der Reihe "Orizzonti" mit seiner "4. Heimat" dabei.

Schon zur Eröffnung hat sich Müller einen Film erwählt, der gleichzeitig eine Verbeugung vor Hollywood ist und doch auch wieder ein sehr europäisches Stück Kino. Brian De Palmas "The Black Dahlia" wird den Wettbewerb - an dem er auch teilnimmt - an diesem Mittwoch mit der Gala im Festivalpalast eröffnen, ein furioser Vierziger-Jahre-Kostümfilm, der die Ästhetik des alten Kinos wiederbelebt. Dante Ferretti, der große Fellini- und Scorsese-Ausstatter, hat das Produktionsdesign besorgt, und schon deswegen ist der Film für die Mostra eine passende Wahl - Ferretti war hier im vorigen Jahr Jurypräsident. Vor allem ist "Black Dahlia" die Verfilmung eines Romans von James Ellroy, dem "L.A. Confidential"-Autor und Los-Angeles-Chronisten. Und man weiß nie, ob das Kino die Stadt bestimmt oder die Stadt das Kino.

Im Hintergrund eine tote Mutter

Der Mord an der "schwarzen Dahlie" hat sich wirklich zugetragen, eine Gruselgeschichte aus der Stadt der Engel, geschehen im Jahr 1947. Ein junges Mädchen namens Elizabeth, das Schauspielerin werden wollte, war ein paar Tage lang verschwunden, dann tauchte ihr Leichnam auf - grausam verstümmelt, ausgeweidet, in zwei Hälften zerteilt, das Gesicht zerstört. Der Mörder wurde nie gefasst. Die echte Elizabeth Short kam Anfang der Vierziger erstmals nach L.A., nur ein paar Jahre nach James Ellroys Mutter - die auch von einer Filmkarriere träumte und ermordet wurde, zehn Jahre später als Elizabeth Short, auch einer der nie geklärten Fälle der Stadt ...

De Palma hat in Ellroys Vorlage Details aus dem realen Fall gewoben, die der Autor nicht verwendet hat, aber die Geschichte ist dennoch eindeutig jener Version von Los Angeles entsprungen, der Ellroy auf ewig in Hassliebe verbunden ist. Selbst Polizisten sind Teil der großen Hollywood-Show bei Ellroy, in diesem Fall zwei Ex-Boxer, Bucky (Josh Hartnett) und Blanchard (Aaron Eckhart), die in ihrer aktiven Zeit nie aufeinander getroffen sind - der erste Kampf zwischen "Mr. Fire und Mr. Ice" ist eine Wahlkampfveranstaltung, und als die beiden Partner werden, stellt Bucky bald fest, dass es für Blanchard verdammt wichtig ist, in einem Haus zu leben, das eines Filmstars würdig wäre und sein Gesicht in der Zeitung zu sehen. Es ist eine Dreiecksbeziehung, durch die sie verbunden sind, Blanchards Lebensgefährtin Kay (Scarlett Johansson) ist immer mit von der Partie. Die beiden geraten in den Dahlien-Mordfall, und Blanchards Fassade beginnt zu bröckeln - der Mord geht ihm zu nahe.

Das Ganze beginnt sich zu einer klassischen Noir-Geschichte zu entwickeln, das Erbe von Sam Spade und Jake Gittes aus "Chinatown" wird beschworen, die superreichen Emporkömmlinge, die die Grundstücksspekulationen der Gründerjahre hervorgebracht haben, ziehen die Fäden in der Stadt, und ihre schönen Töchter sind zwar besser erzogen als sie selbst, aber ausgesprochen sündig. Bei seinen Dahlien-Recherchen lernt Bucky in einer Lesbenkneipe eine von ihnen kennen, Madeleine Linscott (Hilary Swank), die ihn prompt abschleppt und in die Villa der Linscotts lotst - die erweist sich als eine Art Luxus-Spukschloss, bevölkert von emotionalen Zombies. De Palma stellt diese Familie aus Buckys Sicht vor, in einer schwindelerregenden Sequenz, einer Kamerafahrt durch die Gesichter von Madeleines Lieben, die man nur als subjektiven Wahnsinn bezeichnen kann. Was aber sehr schön passt zu diesem Clan - im Vergleich zu den Linscotts ist John Hustons Sippschaft in Polanskis "Chinatown" ein liebenswerter Haufen.

Bucky versucht, das Geflecht von Lügen zu entwirren, das ihm aufgetischt wird, und De Palma hat das wunderschön gefilmt - "Black Dahlia" ist ein einziges Trompe-l'Œil, voller Spiegel und Spiegelungen... Es gibt zwei L.A.s, hat Ellroy einmal geschrieben, jenes, das er "cosmetically wholesome" nennt, das zumindest an der Oberfläche gesund wirkt, und dann das düstere geheime L.A., das nur von Sex and Crime dominiert wird, und diese zwei Versionen existieren parallel und konkurrieren miteinander. So sehr Ellroy auch unter dem geheimen L.A. gelitten haben mag - das Los Angeles der Oberflächen ist ihm zu langweilig.