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Filmfestspiele Venedig:Ein Monster namens Mama

Filmstill "The Truth"

Catherine Deneuve (Mitte) als exzentrische Matriarchin terrorisiert Juliette Binoche (links) und Ethan Hawke (rechts).

(Foto: Prokino)

Der japanische Autorenfilmer Hirokazu Kore-eda eröffnet die Filmfestspiele von Venedig mit seinem Divendrama "La Verité", in dem Catherine Deneuve und Juliette Binoche die Hauptrollen spielen.

Beim Festival von Cannes die Goldene Palme gewinnen und im nächsten Jahr den Wettbewerb von Venedig eröffnen - höher kann ein Regisseur in der Welt der Filmkunst eigentlich kaum aufsteigen. Und doch kann man nicht behaupten, dass der Japaner Hirokazu Kore-eda, 57 Jahre alt, schon eine Art eingetragenes Warenzeichen des Kinos sei, wie es andere Regisseure bei solchen Erfolgen längst wären.

Vielleicht liegt das daran, dass er an Selbstinszenierung kein Interesse hat - ganz sicher aber auch an der Art seines Kinos. Dies ist ein Künstler, der seine Seele dafür verkaufen würde, einen kleinen, wahren, entscheidenden Moment zwischen zwei Menschen auf Film zu bannen und dafür jedes große Konzept, jede demonstrative Regieentscheidung eintauschen würde.

"La Verité / The Truth", sein Eröffnungsfilm in Venedig, scheint ein wenig mit diesem konsequenten Kodex zu brechen - auf den ersten Blick. Erstmals hat Kore-eda nicht in seinem eigenen Land und nicht auf Japanisch gedreht, sondern in Paris, auf Französisch und Englisch. Und erstmals arbeitet er mit global bekannten Schauspielern: Catherine Deneuve und Juliette Binoche, die vorher tatsächlich noch nie gemeinsam vor der Kamera standen. Und dazu noch, als Import des amerikanischen Independent-Spirits, Ethan Hawke. Auch das Thema ist irgendwie plakativer als sonst. Es geht um das Kino selbst, um den Ruhm und das Ego seiner Stars und vor allem, was das für die Menschen um sie herum bedeutet.

Catherine Deneuve spielt Fabienne, Grande Dame des französischen Kinos, eine lebende und immer noch arbeitende Legende - und schon das macht klar, dass Kore-eda hier sämtliche Grenzen zur Realität verwischen will: Deneuve heißt mit zweitem Vornamen tatsächlich Fabienne. In der riesigen Villa dieser Diva hängen auch Filmposter, die man aus der Wirklichkeit kennt, allenfalls die Titel sind ein wenig verfremdet.

Juliette Binoche ist die Tochter, die als Drehbuchautorin in den USA lebt, Ethan Hawke der Schwiegersohn, ein erfolgloser Schauspieler. Die beiden kommen zu Besuch, inklusive Enkelin, und alles sieht zunächst nach der Egoshow eines Muttermonsters aus, das nie für seine Tochter da war, das Konkurrentinnen, Exmänner, Regisseure und Drehbücher schlechtmacht, von eigenen Fehlern aber nie etwas wissen wollte. Mit Lust wirft sich Deneuve in Szenen, die sie als echte Diva nie zeigen würde, auch wenn jeder das Potenzial dazu vermutet - das Es der alternden Filmgöttin. Fabienne hat in ihrer gerade erschienenen Autobiografie hemmungslos gelogen, wichtige Menschen weggelassen, alle sind sauer. Und auch am Set des neuen Films, den sie gerade dreht, der all diese Mutter-Tochter-Themen noch mal spiegelt, ist sie ziemlich unerträglich.

Es öffnen sich Abgründe von Menschenkenntnis, Beobachtungskunst und Weisheit

Das ist alles toll gespielt und sehr unterhaltsam, auch die intime und inzestuöse Innenwelt des französischen Kinos, die diesem Regisseur sehr fremd sein muss, wirkt lebendig. Und doch bleibt da eine untergründige Sorge. Es fängt schon beim Titel an, der großmächtig die Wahrheit verspricht, was man im Sinn einer Tennessee-Williams-Enthüllungsgeschichte liest. Die Sünden der Mutter, die Egomanie des Ruhms und / oder des Künstlertums, und was das in der Seele der Tochter angerichtet hat. Da liegt noch eine schlimme Wahrheit in der Vergangenheit, die muss jetzt auf den Tisch, dann gibt es furchtbare Tränen, und am Ende ist jene neue Scheinordnung der Dinge erreicht, für die das schreckliche Wort "Closure" erfunden worden ist.

Hirokazu Kore-eda spielt mit diesem Prinzip, und das wirkt zunächst befremdlich. Denn nicht nur sein wunderbarer Goldene-Palmen-Gewinner von Cannes, "Shoplifters", schien da schon Lichtjahre weiter zu sein. Statt quälerischer Aufarbeitung echter Familiengeschichten gab es dort lauter Konstellationen, in denen das Familiäre neu und aufregend interpretiert wurde: mit Findelkindern und Diebestraining, richtigen und falschen Vätern, Müttern, Großmüttern. Gerade das hatte eine Freiheit und Schönheit, die einen plötzlich daran glauben ließ, dass man mit Kindern auch mal alles richtig machen könnte.

Schließlich aber merkt man, dass der verbrauchte Gestus des psychologischen Enthüllers nur eine Finte des Regisseurs ist. So wie die große Fabienne in ihren Memoiren hemmungslos gelogen hat, so könnten auch die Sätze reines Skriptwriting sein, mit denen sie ihre Konkurrentin am Set einwickelt, das Herz ihres langjährigen Managers wieder weich macht, ihre Tochter in Richtung Verzeihung lotst.

Womöglich stammten diese Sätze sogar von der Tochter selbst, die vom Schreiben ja was versteht. So öffnen sich Abgründe von Menschenkenntnis, Beobachtungskunst und untergründiger Weisheit, die man von diesem stillen, nonchalanten, hemmungslos lebenszugewandten Meister des Kinos kennt. Eine Mutter so zu lieben, wie sie nun einmal ist, oder sie für sich selbst einfach umzuschreiben - vielleicht ist das am Ende ein und dasselbe Ding.